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Zugfahrt durch Nordspanien : Nur die Pilger kommen noch langsamer voran

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Der Hauptgrund für Bilbaos Wiederauferstehung: das Guggenheim Museum von Frank Gehry.
Der Hauptgrund für Bilbaos Wiederauferstehung: das Guggenheim Museum von Frank Gehry. : Bild: REUTERS

Nicht an jeder Station hält der Transcantábrico so unmittelbar im Herzen der Stadt wie in Bilbao und Santander. Aber im Rahmen von Exkursionen mit einem Begleitbus erreicht man das noble Seebad San Sebastián, Asturiens aristokratische Hauptstadt Oviedo und die Pilgermetropole Santiago de Compostela. Zu sehenswerten Städten und verlockenden Landschaften gesellt sich zwischendurch allerdings auch ein schonungsloses Bild spanischer Wirklichkeit. Manchmal schaut man von einer Eisenbahnbrücke hinunter auf ein ergrautes Hafenstädtchen, in dem nur noch eine Handvoll Fischerboote oder ein vereinzelter Frachter vor Anker liegen. Ähnlich wie in Bilbao führen die Gleise aus den Städten meist durch die Hintertür hinaus, vorbei an tristen Mietskasernen, Werkstätten, Lagerhallen und den Resten des abrupt beendeten, spanischen Baubooms, der nicht nur am Mittelmeer seine Ruinen hinterlassen hat. Manchmal fährt der Zug so dicht an den Wohnhäusern vorbei, dass man den Menschen auf ihren typischen verglasten Balkonen oder in der Küche zuwinken kann. Ein besonders klägliches Bild präsentiert sich in der Arbeiterstadt und Schiffbaumetropole Ferrol, in der nicht nur der Diktator Francisco Franco geboren wurde, sondern auch Pablo Iglesias, der Gründer der Sozialistischen Partei Spaniens. Der heruntergekommene Bahnhof mit seinem schäbigen, gelben Anstrich will so gar nicht zum komfortablen Transcantábrico passen, der dort abfahrbereit auf den Schienen steht.

Bahnfahren aus längst vergangener Zeit

So unternimmt der Zug eine Art Kreuzfahrt, nicht übers Meer, sondern auf Schienen, und es setzt sich während der achttägigen Reise durch Galicien, Asturien, Kantabrien und das Baskenland nach und nach ein buntgeschecktes Puzzle aus Landschaften, Städten, regionalen Kulturen und gastronomischen Spezialitäten zusammen. Dabei ist der Zug kein Klassiker der europäischen Eisenbahngeschichte wie der Orient Express. Er wurde vielmehr erst vor dreißig Jahren von den Ferrocarriles Españoles de Vía Estrecha, der Gesellschaft spanischer Schmalspurbahnen, ins Leben gerufen, um das bestehende Streckennetz besser auszulasten. Anfangs war der Komfort in den Waggons mit Stockbetten und Gemeinschaftsbädern spartanisch. Inzwischen fährt der Zug unter dem Dach der staatlichen Bahngesellschaft Renfe, es gibt vier Salonwagen mit Restaurant, Lounge und Bar, und die Schlafwagen verfügen über Suiten mit Bad und Doppelbett. Das Interieur verströmt zwar nicht gerade den Charme der Belle Époque, vermittelt aber dennoch ein Gefühl des Bahnfahrens aus längst vergangener Zeit.

Und das liegt auch am Tempo, an das man sich freilich erst einmal gewöhnen muss. Denn langsamer geht es kaum. Am ersten Tag schafft der Zug nicht einmal hundert Kilometer, und auch während der restlichen Woche stehen immer nur kurze Etappen auf dem Programm: vormittags zwei Stunden, nachmittags ein Stück weiter und manchmal auch am Abend noch ein Stündchen bis zur Übernachtungsstation. „Warum geht es nicht voran?“, fragt sich anfangs der rastlose, ICE-gewohnte Nomade des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der ständig unter dem Druck der Geschwindigkeit steht. Wenn der Zug dann nur noch Schritttempo fährt oder gar auf freier Strecke hält, durchzuckt ihn unweigerlich das gefürchtete Wort „Verspätung“.

Der schöne Rhythmus des Zuckelns

Doch nach zwei, drei Tagen hat sich das erledigt. Man richtet sich ein in seinem mobilen Heim und passt sich dem Rhythmus des Zuckelns an. Längst ist klargeworden, dass das Stehenbleiben ein Teil des Reisekonzepts ist. Denn selbstverständlich fährt und hält auch dieser Zug nach einem festen Fahrplan. Weil der Transcantábrico jedoch auf einem meist einspurigen Schmalspurgleis verkehrt, das auch von regulären Zügen genutzt wird, muss er denen in der Regel den Vortritt lassen und sich zwischen ihnen durchwursteln. Dabei ist er immer noch schneller als die Wanderer auf dem Jakobsweg, dessen Camino del Norte über eine lange Strecke parallel zur Bahnlinie verläuft. Die Pilger haben die kontemplativste Variante der Fortbewegung durch Spaniens Norden gewählt - und sind damit sogar dem entschleunigten Reisen im Transcantábrico noch einen Schritt voraus.

Mit dem Zug an der spanischen Nordküste entlang

El Transcantábrico: Es gibt zwei Züge, die jeweils über vier Salonwagen mit Restaurant, Lounge, Bar und Bibliothek sowie sechs Schlafwagen mit jeweils zwei (“Gran Lujo“) oder vier (“Clásico“) Suiten verfügen. Sämtliche Exkursionen und Besichtigungen sind im Reisepreis (ab 2700 Euro) ebenso eingeschlossen wie die Mahlzeiten, die entweder im Speisewagen oder bei Ausflügen unterwegs in Restaurants serviert werden.

Termine: Die Kreuzfahrt auf Schienen durch den spanischen Norden dauert eine Woche. Zwischen Anfang April und Ende Oktober verkehrt ein Zug jeweils samstags ab León über Bilbao, Santander und Oviedo nach Ferrol und von dort mit Busanschluss nach Santiago de Compostela; in der darauffolgenden Woche in der Gegenrichtung. Der zweite Zug mit ähnlichem Programm verbindet im wöchentlichen Rhythmus San Sebastián mit Santiago de Compostela. 

Information und Buchung: In Deutschland können die Reisen im Reisebüro oder bei Ameropa (Telefon: 06172/ 109777, Internet: www.ameropa.de) gebucht werden. Der Veranstalter hat weitere Bahnerlebnisreisen innerhalb Spaniens im Programm, zum Beispiel durch Andalusien, Extremadura und Kastilien. Ein Katalog mit Reisebeschreibungen und Preisen findet sich unter www.ameropa.de. Die Reise wurde unterstützt durch Trenes Turísticos de Renfe.

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Unser Autor: Oliver Georgi

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