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Südafrika : Papa kommt mit

  • -Aktualisiert am

Wir sind uns sicher, er hätte es so gewollt: Ein letzter weiter Familienbesuch mit dem Vater. Bild: Jonas Lauströer

Obwohl er schwer dement ist, reist eine Tochter noch einmal mit dem Vater um den halben Globus – zum Glück!

          Mein Vater war immer gerne unterwegs. Auch mich hat er ein paar Mal mitgenommen. Einmal sind wir einen Monat lang mit dem Auto durch Neuseeland gereist. Er, der Schlossermeister, der kein Wort Englisch sprach und gerade in Rente gegangen war. Und ich, die frisch diplomierte Literaturwissenschaftlerin auf der Suche nach ihrem weiteren Leben. „Warum bekomme ich nur kein Heimweh?“, fragte er mich eines Abends. Er klang ehrlich verwundert. Trotz des Altersunterschieds war er ein angenehmer Reisegefährte: Ohne große Ansprüche und mit der Gabe zur kindlichen Verwunderung.

          Jetzt sitzen wir wieder zusammen am Flughafen. Mein Vater hat die F.A.Z. aufgeschlagen. Er blickt schon seit einiger Zeit konzentriert auf einen Artikel über die Haushaltsdebatte im Bundestag. Angela Merkel steht Kopf. Mein Vater hält die Zeitung verkehrt herum. Er merkt es nicht. Ob er wohl weiß, dass wir noch einmal zusammen auf Reisen gehen?

          „Nehmen Sie Ihren Vater ruhig mit nach Südafrika“, hat die Altenheimleitung geraten. „Wer weiß, wie viel Zeit Ihnen noch zusammen bleibt.“ Heute Mittag habe ich ihn abgeholt. In seinem Zimmer zeige ich ihm sein Reisegepäck: einen schicken Schalenkoffer auf vier Rollen. Er schiebt ihn wie ein Spielzeugauto hin und her. Im Auto auf dem Weg zum Flughafen ist er hellwach. Er blickt in die Winterlandschaft und redet fast ununterbrochen. Über einen Nachbarn aus dem Dorf, in dem er sein ganzes Leben gelebt hat, die Chorprobe nächste Woche und dass er echt nicht weiß, wie er die Sache mit Margarete regeln soll. Ich habe keine Ahnung, worum es geht und nicke zustimmend: „Ja, du, das bekommen wir schon irgendwie hin.“

          Diagnose Parkinson

          Seit mehr als einem Jahr plane ich, mit meiner Familie für drei Monate in Kapstadt zu leben. Immer wieder haben wir hin und her überlegt, ob wir unseren Vater für ein paar Wochen mitnehmen können. Meine beiden Schwestern leben seit gut zehn Jahren am Kap. Mehrmals war ich mit unserem Vater bei ihnen zu Besuch. Das letzte Mal vor drei Jahren. Da hatte er bereits die Diagnose Parkinson, war aber noch fit. Inzwischen lebt er seit einem halben Jahr in einem Pflegeheim. Er ist 82 Jahre alt und neben Parkinson leidet er unter einer schnell fortschreitenden Demenz.

          Drei Monate vor Reisebeginn haben wir unseren Entschluss gefasst: Papa kommt mit. Wir wollen noch einmal einen Monat lang Zeit mit unserem Vater und Opa verbringen. Ab dem Moment verschließen wir die Ohren vor allen Bedenkenträgern. Ihn selbst können wir nicht mehr fragen. Doch wir glauben, unseren Vater gut genug zu kennen, um uns trotz aller Risiken für die Reise zu entscheiden.

          Ich beantrage einen neuen Reisepass für ihn und buche unseren Flug. Meine Familie fliegt vor. Ich werde einen Tag später mit meinem Vater nachfliegen.

          Essen, Familie und kleine Spaziergänge: Blick auf Kapstadt.

          Am Tag der Reise komme ich mir vor wie seine Komplizin. Abgehauen aus dem Altenheim. Noch einmal raus auf die Straße und ins Leben. Ich bin euphorisch und berauscht von meinem eigenen Mut. Zusammen essen wir vor dem Abflug ein Sandwich. Einmal im Flugzeug, schläft mein Vater innerhalb weniger Minuten auf seinem Fensterplatz ein.

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