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Dickens und die Schweiz : Schluchten der Sehnsucht

  • -Aktualisiert am

Das ideale Land: „Fond du lac, avec les dents du Midi“ von François Bocion. Bild: Picture-Alliance

Es ist ungewiss, wann man wieder in die Schweiz reisen darf. So lange sind die Romane von Charles Dickens, der die Seen und Berge liebte, ein guter Trost.

          5 Min.

          Eigentlich will er nur möglichst schnell zurück nach London. Doch als Charles Dickens in einer Novembernacht im Jahr 1844, auf der Rückreise aus Genua, mit einer Pferdekutsche über den Simplonpass fährt, ist der Schriftsteller tief beeindruckt. Noch nie hat er die Schweizer Bergwelt erlebt. Nun, in dieser frostigen, sternenklaren Nacht, bezaubern ihn die schroffen Felsen, die schwarzen Tannen, die verschlafenen Dörfer im Licht des Mondes.

          Mit jedem Höhenmeter wird das Getöse der Bäche und Wasserfälle lauter. Manchmal zwängt sich die Passstraße zwischen mächtigen Felswänden hindurch. Als der neue Tag anbricht, knirscht unter den Rädern der Kutsche erster Schnee. In einer Almhütte stärkt sich Dickens mit einem Frühstück. Zwei Tage später erreicht er die Zähringerstadt Fribourg und schreibt erste Eindrücke nieder. Jahre darauf wird er sie im Roman „Klein Dorrit“ verewigen. Die Schweizer Berge werden für Dickens zeitlebens eine Sehnsuchtslandschaft bleiben – und heute, wo auch wir wohl für längere Zeit nur von einer Reise in die Schweiz träumen können, sind seine Geschichten zumindest ein schöner Ersatz.

          Ein klassischer Aufsteiger

          Bereits im November 1844 beschließt der gefeierte Autor, bald wieder in die Schweiz zurückzukehren. Wahrscheinlich auch, weil dieses Land in so starkem Kontrast zu seiner Heimat steht: In London grassieren Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Seuchen. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 27 Jahre. Der Qualm aus Fabrikschloten, der Gestank aus offenen Abwassergräben und Latrinen verpesten die Luft.

          Charles Dickens, 1867
          Charles Dickens, 1867 : Bild: Picture-Alliance

          Dickens selbst ist ein klassischer Aufsteiger. Am 7. Februar 1812 geboren, wuchs er als ältestes von acht Kindern in der englischen Hafenstadt Chatham auf, 50 Kilometer östlich von London. Sein Vater war Zahlmeister in einer Werft. Auf gemeinsamen Wanderungen machte er mit ihm oft am Gad’s Hill Rast, und sie betrachteten sehnsuchtsvoll das Herrenhaus auf diesem Hügel. Wenn er hart arbeite, sagte der Vater, werde er vielleicht eines Tages dort wohnen.

          Als Charles neun ist, muss die Familie nach London umziehen. Sein Vater landet im Schuldnergefängnis. In einer heruntergekommenen Schuhcreme-Fabrik, in der sich Ratten tummeln, muss Charles als Zwölfjähriger für einen Hungerlohn Etiketten aufkleben. „Worte können die heimliche Qual meiner Seele nicht ausdrücken“, notiert er später. Das Schreiben wird für ihn bald zu einer Droge, um die Widrigkeiten des Lebens zu ertragen. Mit 17 ist er Gerichtsberichterstatter, mit 19 Reporter. Als er im Dezember 1833, mit 21 Jahren, unverhofft seinen ersten literarischen Text in der Zeitschrift „Monthly Magazine“ abgedruckt sieht, stürzt er in die Westminster Hall, um seine Freudentränen vor den Passanten zu verbergen.

          Im April 1836 heiratet Dickens, doch er lebt weiterhin vor allem in seinen Ideen und Geschichten. Anfang der 1840er Jahre gelingt ihm mit dem Fortsetzungsroman „Der Raritätenladen“ international der Durchbruch. Die tapfere, kleine Nell – die Enkelin des Ladenbesitzers aus dem Roman – wird zu einer Kultfigur wie heute Harry Potter. Amerikanische Hafenarbeiter sollen im Frühling 1841 das Frachtschiff, das die letzte Folge des Fortsetzungsromans nach Übersee brachte, mit dem besorgten Ruf „Lebt Nell noch?“ begrüßt haben.

          Er erholt sich bestens

          Der Erfolg steigt Dickens zu Kopf. Im Bekanntenkreis nennt er sich nun „der Unnachahmliche“. Bei der Arbeit spricht er die Dialoge seiner Figuren mit, gebärdet sich wie diese und betrachtet sich ständig im Spiegel. Voller Euphorie schließt er ständig neue Autorenverträge ab, zerstreitet sich aber oft mit den Auftraggebern. Dickens wirkt immer aufgekratzter und nervöser.

          Die Schweiz geht ihm nicht aus dem Kopf. „O Gott, welch ein wundervolles Land!“, schwärmt er im Sommer 1845 in einem Brief an einen Freund. Doch er nimmt sich keine Zeit für Erholung in den Alpen. Stattdessen schreibt er wie besessen, tritt als Schauspieler auf, gibt Zeitschriften heraus. Seine Gesundheit leidet. Kopfschmerzen plagen ihn, Schwindelanfälle, Muskelkrämpfe. Schließlich überlegt er, seine Karriere als Autor zu beenden und einen ruhigen Posten in der Verwaltung anzunehmen.

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