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Tschechien : Das tiefe Nichts

Dem Dichter auf der Spur zum „märchenhaften See“: Der Plöckensteinsee im Böhmerwald, Adalbert Stifter erwähnt ihn etwa in der Erzählung „Granit“. Bild: Gerhard Westrich/laif

Keiner hat den Böhmerwald so eindringlich beschrieben wie Adalbert Stifter. Wer heute dort spazieren geht, findet vieles verändert, und manches, wie es immer war

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          „Wie der Mensch doch selber arbeitet, dass das vor ihm Gewesene versinke, und wie er wieder mit seltsamer Liebe am Versinkenden hängt, das nichts anderes ist, als der Wegwurf vergangener Jahre. Es ist dies jene traurig sanfte Dichtung, welche bloß die Spuren der Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit prägt, aber in diesen Spuren unser Herz oft mehr erschüttert, als in anderen, weil wir auf ihnen am deutlichsten den Schatten der Verblichenen fortgehen sehen.“

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Stifter-Sound: Klar. Dringend. Sanft. Voller Einstweh und doch ohne Sentimentalität. Aufs Ende hin geschrieben, voller anrührender Anzeichen für den Untergang, das Verleben. Aber nie apokalyptisch, nicht einmal pessimistisch, einfach nur präzise, die Natur vor Augen, den zyklischen Gang des Stirb und Werde. Stifter – der sorgfältige Schatten- und Spurensucher. Nichts ist zu klein, um von ihm nicht groß beschrieben zu werden. Gerade das Gewöhnliche trägt die vergangene Zeit in sich, die „Schatten der Verblichenen“, wie es in der zitierten Passage aus seinem unvollendeten Roman „Die Mappe meines Urgroßvaters“ heißt. „Darum“, so geht es hier weiter, „hat der Großstädter der stets erneuert, keine Heimath, und der Bauernsohn, selbst wenn er Großstädter geworden ist, hegt die heimliche sanft schmerzende Rückliebe an ein altes schlechtes Haus, wo die Bretter, Pfähle und Truhen seiner Voreltern standen.“

          Stifters eigenes „altes Haus“ steht in Oberplan – Horní Planá wie Stifters Geburtsort auf Tschechisch heißt. 2200 Einwohner zählt das triste Dorf heute. Mitten hindurch führt eine vielbefahrene Fernstraße, sozialistische Plattenbauten mit rostigen Wäscheständern davor prägen das Ambiente, dazu noch ein Army-Shop, in dem man Macheten und Revolver kaufen kann und eine Kneipe, aus der der Muff von tausend schalen Biergläsern strömt. Früher, vor 1950, erstreckte sich vor den Toren des Dorfes ein fruchtbares Tal. Dann aber wurde entschieden, das Gebiet mit der Moldau zu fluten und so liegt Oberplan seit 1958 am Ufer des unwirklich großen Lipno-Stausees. Im Sommer tummeln sich hier die Windsurfer, aber jetzt, im Spätherbst, macht das Areal einen seltsam verlassenen Eindruck. Fast bedrohlich wirkt die riesige künstliche Wasserfläche, so als würde sie jeden Moment überlaufen.

          Die Erfüllung eines schönen Gemütes

          Das Haus, in dem der Dichter am 23. Oktober 1805 in eine Familie von Webern und Flachshändlern geboren wurde, liegt unscheinbar an einer Straßenecke. Links vorbei führt ein Weg den Berg hinauf zu einer Go-Kart-Bahn und einem Freilichtkino. Schräg gegenüber hat eine Wechselstube geschlossen, sodass man kein Geld wechseln kann und ganz auf den guten, eurofreundlichen Willen der Museumsleiterin angewiesen ist, die ihre wenigen Besucher mit strengem Blick empfängt. Gerade ist in Tschechien ein Milliardär zum neuen Regierungschef gewählt worden, Andrej Babis heißt er und tritt auf wie ein Trump-Double. Seine Agenda besteht aus lauter „Anti“-Programmpunkten: Gegen Zuwanderung, gegen Steuererhöhung, gegen die EU. Sein Land will er führen wie ein gewinnbringendes Unternehmen. Mit harter Hand und klarer Kante. Er hätte sicher kein Auge zugedrückt bei Fremden, die nur mit europäischer Währung, nicht mit Kronen bezahlen können. Die Stifterverwalterin aber tut es.

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