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Fotograf Michael Wolf : Zwischen Baum und Schornstein

Als habe Giorgio Morandi die Dächerwelt von Paris entworfen. Bild: Michael Wolf

Michael Wolf war der große Fotograf der Großstädte überall auf der Welt. Nur mit Paris hat er lange gehadert. Bis das Hündchen kam.

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          Michael Wolf war nicht begeistert von der Idee mit dem Hund. Dem Hündchen besser gesagt. Einem kleinen Mischling, den die Familie von einem Kollegen geschenkt bekam. Aber je häufiger er mit Ollie abends Gassi ging, desto wertvoller wurde ihm das Tier. Denn mit einem Mal entdeckte er in Paris, wo er zwar die Hälfte des Jahres lebte, das er jedoch als „durchfotografiert“ und „zu museal“ für seine eigene Arbeit stets abgelehnt hatte, ein Thema: die Schatten der Bäume bei Nacht. Glaubt man der Stadtverwaltung, gibt es 203 255 Bäume in Paris. Und man kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass Michael Wolf, der mit enzyklopädischem Eifer Hongkong durchmessen hat, die Stadt, in der er die andere Hälfte des Jahres verbrachte, um Schirme im Rinnstein, Hocker vor Türen oder zum Trocknen aufgehängte Gummihandschuhe in Serie für eine eigene, großartige Buchreihe zu dokumentieren, dass dieser Michael Wolf also wenigstens hin und wieder mit dem Gedanken gespielt hatte, sie alle aufzunehmen.

          Boten aus der Anderswelt

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Ob nun der Hund die Bäume aussuchte, wie Hunde das so machen, oder ob er nach den Schatten Ausschau hielt, in denen sich die Welt ja letztlich selbst zum Bild stilisiert, ist nicht überliefert. Aber offenkundig war es Michael Wolf über den seriellen Charakter der Arbeit hinaus um ein Moment des Unheimlichen, des Gespenstischen zu tun. Von Straßenlaternen an die Fassaden geworfen, wandern diese Schatten nicht über die Häuser, wie tagsüber im Sonnenlicht, sondern verharren in immergleicher Stellung. Sie sind krakelige Gestalten, Boten einer Anderswelt, die hervorkriechen, wenn sich die Menschen zum Schlafen hingelegt haben. Und verschwinden, sobald diese ihr Tagwerk beginnen. Ausgerechnet Paris, der Welthauptstadt der Romanzen, entlockte Michael Wolf auf seinen nächtlichen Streifzügen Motive der düsteren Romantik.

          Dunkle Romantik in der Stadt der Romanzen Bilderstrecke
          Michael Wolfs Fotografien : Paris bei Tag und Nacht

          Stillleben auf den Dächern

          Umso überraschender ist eine zweite Serie, die sich in jeder Hinsicht von den Bildern der Baumschatten unterscheidet: Farbe statt schwarzweiß, tags fotografiert statt nachts und von Dächern aus aufgenommen statt in den Niederungen des Bürgersteigs. Aus den Mansardenwohnungen von Freunden und Bekannten, später von den Dächern von Schulen oder der Académie française und am liebsten von Kirchtürmen aus, wo er auf Leitern die letzten Meter über die Glocken hinaus kletterte, richtete er den Blick auf Dachfirste, Brandmauern und Schornsteine, die aussehen, als seien sie den Stillleben Giorgio Morandis entlaufen, um sich in einer konstruktivistischen Komposition neu zu versammeln. Lauter kompakte Grüppchen und doch jeder Schornstein ein individueller Vertreter eines Zimmers irgendwo im Haus. Auch sie also Boten – der Innenwelt.

          Bildband

          „Paris“ von Michael Wolf. Verlag 5 Continents, Mailand 2019. 76 Seiten, 28 Fotografien. Gebunden, 35 Euro.

           

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