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Mayotte : Wenn dich ein Maki nach der Uhrzeit fragt

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Der alleräußerste Rand Europas: Die Mahorais sind echte Franzosen, auch wenn sie vor Madagaskar leben. Bild: Birgit Weidt

Mayotte liegt zwischen Moçambique und Madagaskar und ist doch ein Stück Europa. Denn die Insel gehört politisch zu Frankreich. Allerdings ist hier vieles anders als im Mutterland: Polygamie gilt als Gewohnheitsrecht, Makis stehen unter Naturschutz, und Verkehrsampeln gibt es nur eine.

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          Sie sprechen über Windrichtung und Wellengang und spekulieren darüber, wie der Tag verlaufen wird unter diesem tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Dann graben die schwarzen, in bunte Tücher gehüllten Frauen ihre Füße in den feinen Sand, starren schwatzend aufs Meer und reiben dabei ihre Gesichter mit einer hellen Paste ein. Attoumani schaut mit lüsternem Blick in die Runde: „Für uns Männer ist die Mzindzano, die Schönheitsmaske aus Sandelholzgemisch, aufregender als ein knallroter Lippenstift. Sie schützt vor der Sonne und macht die Haut ganz zart. Je schöner eine Frau sich zurechtmacht, desto höher ist die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes. Tut sie das nicht, schadet das dem Ansehen der Familie.“

          Was für Fremde wie eine Theaterinszenierung aussieht, ist für Attoumani als Mahorais, also hier geborenen Inselbewohner, ein vertrauter Anblick: Frauen lehnen an meterbreiten, knorrigen Baobabstämmen, die aussehen wie erstarrtes Urgetier. Baobabs am Strand sind weltweit eine Seltenheit, sie wachsen meist in der Savanne oder in Trockenwäldern, hier stehen sie Schulter an Schulter mit Königspalmen, Bambusstauden und Takamaka, afrikanischen Tulpenbäumen. Selbst Botaniker können sich dieses seltsame Miteinander nicht erklären. Attoumani zieht die schwere, feuchte Luft tief durch die Nase, schaut noch immer zu den Frauen hinüber und beginnt zu rechnen: „Ich könnte mit meinem Einkommen und meiner Stellung zehn Frauen heiraten“, sagt der Vierundvierzigjährige. „Mein Vater hatte drei Frauen, mehr konnte er sich nicht leisten.“ Die Polygamie, seit Generationen auf der Komoreninsel Mayotte Alltag, kommt für ihn jedoch nicht in Frage. Zwar ist sie mittlerweile offiziell verboten, denn Mayotte ist seit 2011 das 101. Département Frankreichs und damit Mitglied der Europäischen Union. „Aber wie das so ist mit den Verboten, besteht der Reiz darin, sie zu umgehen. Und uralte Traditionen lassen sich nicht so einfach abschaffen. Ich jedoch bevorzuge die einfache Ehe und habe vier Kinder von einer Frau“, sagt Attoumani, was den gutaussehenden, durchtrainierten Mann sichtbar stolz macht.

          Eine absolute, atemlose Stille

          Er lebt nicht nur monogam, er ist auch ehrgeizig und bekleidet eine Führungsposition in der Inselregierung, in der selten Mahorais, sondern meistens Metros, also Festlandfranzosen, angestellt sind. Doch um nicht nur im Büro zu sitzen, jobbt er zum Ausgleich als Wanderführer, klettert mit Touristen über Berge und streift durch die Tropenwälder im Landesinneren. Eine seiner Lieblingsstrecken zieht sich durch den Forêt Domaniale. Gut ausgebaute Pfade, nach europäischem Standard befestigt und ausgeschildert, schlängeln sich zwischen Riesenfarnen und Drachenbäumen, Nelkenbüschen, Kakaopflanzen, Palmen und Vanilleorchideen hindurch. Man kennt ihn und grüßt ihn mit dem traditionellen „Caribou“. Mal plaudert Attoumani mit einem Bauern, der auf dem Kopf einen Korb voller Papayafrüchte balanciert, mal tätschelt er eine Kuh, die im Schatten döst. Ab und zu begegnen ihm Waldarbeiter und nur gelegentlich Touristen.

          In großen Abständen tauchen im Dschungeldickicht versteckte Pensionen auf. Im grünen Innern des Forêt Domaniale herrscht Stille. „Es ist eine absolute, eine atemlose Stille, lauter als der Gesang der Vögel“, beschreibt Nadine das, was sie jeden Tag aufs Neue fesselt und wofür die ehemalige Physiotherapeutin mit ihrem Mann Gil Bordeaux verlassen hat, um auf Mayotte ihr Waldhaus zu bauen. Nadine backt Maniokfladen und schenkt Palmwein in große Saftgläser. Attoumani trinkt das erste Glas zügig aus und schnalzt mit der Zunge: „Ich bin wie die meisten Mahorais Muslim, doch wir legen den Islam großzügig aus. Die Moschee besuche ich nur, wenn ich das Bedürfnis habe. Und auf Palmwein zu verzichten fiele mir nicht im Traum ein. Santé!“

          Das Schloss des schönen Junggesellen

          Frisch angesetzt, mit fünf Prozent Alkohol, gibt es das süffige Gebräu bereits zum Frühstück. Den Tag über gärt der Palmwein weiter, erreicht mittags zwanzig Prozent und wird als Digestif nach dem Déjeuner gereicht. Abends liegt er um die vierzig Prozent und sorgt als Rachenputzer für ausgelassene Stimmung. Gil prostet Attoumani zu, beide stoßen zum zweiten Mal an, während Nadine noch am ersten Glas nippt, eher aus Höflichkeit. Die kleine, zarte Frau mit den großen, blauen Augen ist Yogalehrerin und bietet Kurse an, die sogar in dieser Einöde ausgebucht sind. Einheimische haben die Wohltat der Bewegung schätzen gelernt. Touristen, meist diejenigen, die in ihrer Pension übernachten, genießen die meditative Wirkung von Yogaübungen samt himmlischer Ruhe und gigantischem Ausblick auf das glitzernde Meer.

          Gil, ehemaliger Mitarbeiter von France Telecom, ist der Hausmeister ihrer Pension „Le Relais Forestier“. Er hat sich das nötige Handwerk selbst beigebracht und hält die Holzbungalows instand. Derzeit ist der flinke, drahtige Südfranzose dabei, mit Vacoa-Blättern und Lehm eine weitere Hütte zu bauen, und zwar eine ganz besondere: eine Banga. So heißen die traditionellen Häuschen, die von jungen Mahorais errichtet werden, um im Teenageralter das Elternhaus zu verlassen und zum Mann zu reifen. Sie sollen auf eigenen Füßen stehen, den Haushalt führen, kochen lernen und zu einem guten Liebhaber werden – wofür eigene Räumlichkeiten bitter nötig sind. Denn das typische Familienanwesen auf Mayotte hat zwei Zimmer, eins für die Eltern, eins für die zahlreichen Kinder, von denen die Jungs ausziehen, während die Mädchen so lange zu Hause bleiben, bis sie heiraten. Bangas sind bunt bemalt und mit solchen Sprüchen verziert: „Haus Eden“, „Frei sein, was gibt es Schöneres“ oder „Schloss des schönen Junggesellen“. Die Banga von Gil ist für Touristen gedacht, die in einer urigen, nur aus Naturmaterialien hergestellten Hütte übernachten wollen, ohne notwendigerweise zum Mann reifen zu müssen.

          Der betörende Duft der Insel: Wanderführer Attoumani mit einem Ylan-Ylang-Zweig.
          Der betörende Duft der Insel: Wanderführer Attoumani mit einem Ylan-Ylang-Zweig. : Bild: Jochen Müssig

          Vom Genuss, Europäer zu sein

          Attoumani beginnt zu grunzen – um Makis anzulocken, die ursprünglich aus Madagaskar kommen und auf Mayotte unter Naturschutz stehen. Es dauert nur wenige Sekunden, schon kommt eine Horde kleiner Halbaffen angeflitzt, springt von Ast zu Ast und grunzt lautstark zurück. Eine Banane in der ausgestreckten Hand reicht aus, und schon hat Attoumani den Wagemutigsten und Frechsten auf der Schulter sitzen. Makis sind überall präsent, allseits beliebt und häufig Helden von Märchen. „Wenn dich ein Maki nach der Uhrzeit fragt“, heißt es in einer Erzählung, „ist es schon zu spät.“

          Als es vor ein paar Jahren fünf vor zwölf war für Mayotte und die wirtschaftlichen Probleme aus dem Ruder zu laufen drohten, warteten die Menschen nicht, bis sie ein Maki nach der Uhrzeit fragte. Stattdessen stimmten sie zu 95 Prozent für den Anschluss an Frankreich. Nun genießen sie es, Europäer zu sein samt Kindergeld, Mindestlohn, Arbeitslosengeld und guter Gesundheitsversorgung. Mayotte ist wirtschaftlich stabil, neidisch beäugt von den anderen Komoren-Inseln, die am liebsten denselben Weg einschlagen würden. Doch Frankreich will davon nichts wissen. Es gibt keinen Politiker mehr, der davon träumt, neue Territorien für den Staat zu erschließen. Schließlich sind alle Überseedépartements exorbitante Zuschussgeschäfte, und Mayotte ist das hilfsbedürftigste Gebiet von allen.

          Die erste Steuerabgabe der Inselgeschichte

          Jetzt soll es der Tourismus richten. Mayotte ist nicht einmal halb so groß wie Rügen und rundherum von weißen, hellbraunen und auch schwarzen Sandstränden umgeben, achtzig an der Zahl, von denen jeder seinen eigenen Charakter hat. N’Gouja Beach ist der schönste von allen. Im 26 Grad warmen Wasser schwimmen grüne Meeresschildkröten, so groß wie Wagenräder. Mit etwas Glück kann man die wuchtigen Tiere nachts beobachten, wie sie schwerfällig an Land kriechen und golfballgroße Eier im Sand ablegen. N’Gouja Beach ist ein geschütztes Reservat und gehört zu den Vorzeigeprojekten der Tourismusbehörden.

          Für die einheimischen Männer ist eine Frau richtig schön, wenn sie eine Gesichtsmaske aus Sandelholzpaste  trägt.
          Für die einheimischen Männer ist eine Frau richtig schön, wenn sie eine Gesichtsmaske aus Sandelholzpaste trägt. : Bild: Birgit Weidt

          Die Straßen sind gut ausgebaut, die einzige Verkehrsampel, die vor noch nicht allzu langer Zeit in Betrieb genommen wurde, funktioniert tadellos, und zwei schöne Hotels gibt es auch. Im nächsten Jahr müssen die Mahorais zum ersten Mal in der Inselgeschichte Steuern zahlen. Das Geld wird dringend benötigt, vor allem, um eine funktionierende Müllabfuhr aufzubauen. Es liegt einfach zu viel Dreck herum, um Besucher guten Gewissens empfangen zu können. Die wenigen Müllautos sind oft kaputt, deswegen werden die öffentlichen Abfalltonnen nicht regelmäßig geleert. Immerhin haben die Kinder in der Schule ein Unterrichtsfach, das sich mit dem Abfallproblem und der Mülltrennung befasst, während dieser Stunde ziehen die Mädchen und Jungen regelmäßig mit riesigen Säcken los, um herumliegendes Zeug einzusammeln.

          Die Jungen wollen die Herkunft hinter sich lassen

          Attoumanis Handy klingelt, Georgette, seine älteste Tochter, fragt, ob sie das Taschengeld für den nächsten Monat vorgeschossen bekommt, sie will am Abend mit ihrer Freundin einkaufen gehen. Ihr Vater, sonst meist lächelnd und von heiterer Gelassenheit, wirkt streng und verneint entschieden, klappt das Telefon zu und vergräbt es grimmig in der Hosentasche.

          Es gibt kaum eine Insel im Indischen Ozean, auf der sich der Kontrast der Generationen so deutlich zeigt wie auf Mayotte. Nach Schulschluss zum Beispiel schlurfen die Kinder, lässig in Jeans gekleidet, mit der Colaflasche in der Hand und übergestülptem Kopfhörer aus dem Hoftor heraus, vorbei an Frauen mit Wickelröcken und Schönheitsmasken, vorbei an Männern in weiten Kapuzenmänteln und mit bestickter Kopfbedeckung. Die Jungen wollen ihre Herkunft hinter sich lassen und haben beim Lebensstil einzig Europa als großes Vorbild im Blick.

          Bild: F.A.Z.

          Der sichtlich verstimmte Vater will seinen Ärger vergessen, schnappt sich eine lange Holzzange und hilft Gil beim Grillen der Dorade. Danach bereiten sie die Nachspeise zu, Crêpe mit Baobabkonfitüre, eine Spezialität von Nadine. „Baobabfrüchte“, schwärmt sie, „sind echte Vitamin-C-Bomben. Meine Yogis bekommen Baobabpulver ins morgendliche Müsli, es schmeckt süß mit einer fein säuerlichen Note.“ Die ältesten Baobabs auf Mayotte wurden von den Portugiesen gepflanzt, sind sechshundert Jahre alt und kommen erst noch in die besten Jahre, schließlich können sie tausend Jahre alt werden.

          Zuckerperlen im Loft

          Nach dem Déjeuner geht es für Attoumani weiter. Er wandert mit französischen Touristen unterhalb des Mont Combani an Ylang-Ylang-Plantagen vorbei, von denen einige dem Parfumhersteller Guerlain gehören. Die Essenz dieses geheimnisvollen Annonengewächs ist Bestandteil vieler Düfte, auch der blumigen Kreation „Mayotte“, die Guerlain der Insel zu Ehren kreiert hat. Vor einer Waldhütte, die mit der lilafarbenen Kletterpflanze Ipomée dekoriert ist, beginnen Attoumanis Augen zu leuchten. „Die Ipomée ist uns heilig“, sagt er, „wenn zum Beispiel der Haussegen schief hängt, dann holt man aus dem Garten einen langen Zweig, mit dem in allen Zimmern die schlechte Stimmung fortgewedelt wird. Das haben meine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern schon so gemacht.“ Und als Jugendliche hätten sie heimlich die Samen im Mörser zerrieben, mit Wasser zu Tee gekocht oder in Agavenbier quellen lassen. „Davon dann ein paar Schluck getrunken, und wir waren vollkommen berauscht.“ Schamanen nutzen die Essenzen des Ipomée-Samens, um mit Geistern oder Dämonen in Kontakt zu treten, verlorene Gegenstände wiederzufinden oder Verbrechen aufzuklären. Die Mahorais haben die Pflanze aber nicht nur für ihre hauseigenen Rituale im Garten, sondern auch, weil sie wunderbar schnell wächst und Schandflecken an Gemäuern und Zäunen wuchernd überdeckt.

          Doch es gibt auch ein modernes Mayotte jenseits des Schamanismus, vor allem in der Hauptstadt Mamoudzou. Der Verkehr ist hier genauso dicht wie die Zahl der Geschäfte, Cafés und Märkte. Auf der Place de Mariage nahe dem Hafen lungern Jugendliche herum und schlagen die Zeit tot, bis abends die Stadt aufdreht. Sobald es dunkel ist, füllen sich die Snack-Bars, und gegen Mitternacht stehen die Leute Schlange vor den Diskotheken, besonders vor dem Loft, dem angesagten Treff junger Mahorais, in die Jahre gekommener Funktionäre, flirtbereiter Festlandsfranzosen und neugieriger Touristen. Kleine Zuckerperlen, auf Ketten gefädelt, werden kostenlos in der Disco verteilt. Sie machen Durst und lassen die Kassen an den Bars klingeln. Bier, Wein, Cocktails, alles wird durcheinandergetrunken. Und es wird wie wild getanzt, Reggae, Hip-Hop, Rock’n’Roll, nichts Traditionelles. Wahada, der uralte, verführerische Geschicklichkeitstanz der Mahorais nach dem schnellen Rhythmus klackernder Mörser, hat hier nichts zu suchen. Da mehr als die Hälfte der Einwohner jünger als zwanzig Jahre sind, kennen sie Wahada höchstens noch von den Großeltern und haben damit nichts am Hut.

          Der Saal leert sich, wenn der Morgen graut. Flughunde schaukeln träge im Mangobaum, schwingen sich dann, genervt von den hyperaktiven Makis, in die Lüfte und flattern davon. Es regnet. „Das bleibt den ganzen Tag über“, sagt Attoumani mit Blick auf den wolkenverhangenen Himmel. „Das gute Wetter wird gerade vom schlechten weggedrückt. Bis es zurückkommt, kann es drei Tage dauern.“ Doch es ist ein warmer Regen.

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