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Mayotte : Wenn dich ein Maki nach der Uhrzeit fragt

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Als es vor ein paar Jahren fünf vor zwölf war für Mayotte und die wirtschaftlichen Probleme aus dem Ruder zu laufen drohten, warteten die Menschen nicht, bis sie ein Maki nach der Uhrzeit fragte. Stattdessen stimmten sie zu 95 Prozent für den Anschluss an Frankreich. Nun genießen sie es, Europäer zu sein samt Kindergeld, Mindestlohn, Arbeitslosengeld und guter Gesundheitsversorgung. Mayotte ist wirtschaftlich stabil, neidisch beäugt von den anderen Komoren-Inseln, die am liebsten denselben Weg einschlagen würden. Doch Frankreich will davon nichts wissen. Es gibt keinen Politiker mehr, der davon träumt, neue Territorien für den Staat zu erschließen. Schließlich sind alle Überseedépartements exorbitante Zuschussgeschäfte, und Mayotte ist das hilfsbedürftigste Gebiet von allen.

Die erste Steuerabgabe der Inselgeschichte

Jetzt soll es der Tourismus richten. Mayotte ist nicht einmal halb so groß wie Rügen und rundherum von weißen, hellbraunen und auch schwarzen Sandstränden umgeben, achtzig an der Zahl, von denen jeder seinen eigenen Charakter hat. N’Gouja Beach ist der schönste von allen. Im 26 Grad warmen Wasser schwimmen grüne Meeresschildkröten, so groß wie Wagenräder. Mit etwas Glück kann man die wuchtigen Tiere nachts beobachten, wie sie schwerfällig an Land kriechen und golfballgroße Eier im Sand ablegen. N’Gouja Beach ist ein geschütztes Reservat und gehört zu den Vorzeigeprojekten der Tourismusbehörden.

Für die einheimischen Männer ist eine Frau richtig schön, wenn sie eine Gesichtsmaske aus Sandelholzpaste  trägt.
Für die einheimischen Männer ist eine Frau richtig schön, wenn sie eine Gesichtsmaske aus Sandelholzpaste trägt. : Bild: Birgit Weidt

Die Straßen sind gut ausgebaut, die einzige Verkehrsampel, die vor noch nicht allzu langer Zeit in Betrieb genommen wurde, funktioniert tadellos, und zwei schöne Hotels gibt es auch. Im nächsten Jahr müssen die Mahorais zum ersten Mal in der Inselgeschichte Steuern zahlen. Das Geld wird dringend benötigt, vor allem, um eine funktionierende Müllabfuhr aufzubauen. Es liegt einfach zu viel Dreck herum, um Besucher guten Gewissens empfangen zu können. Die wenigen Müllautos sind oft kaputt, deswegen werden die öffentlichen Abfalltonnen nicht regelmäßig geleert. Immerhin haben die Kinder in der Schule ein Unterrichtsfach, das sich mit dem Abfallproblem und der Mülltrennung befasst, während dieser Stunde ziehen die Mädchen und Jungen regelmäßig mit riesigen Säcken los, um herumliegendes Zeug einzusammeln.

Die Jungen wollen die Herkunft hinter sich lassen

Attoumanis Handy klingelt, Georgette, seine älteste Tochter, fragt, ob sie das Taschengeld für den nächsten Monat vorgeschossen bekommt, sie will am Abend mit ihrer Freundin einkaufen gehen. Ihr Vater, sonst meist lächelnd und von heiterer Gelassenheit, wirkt streng und verneint entschieden, klappt das Telefon zu und vergräbt es grimmig in der Hosentasche.

Es gibt kaum eine Insel im Indischen Ozean, auf der sich der Kontrast der Generationen so deutlich zeigt wie auf Mayotte. Nach Schulschluss zum Beispiel schlurfen die Kinder, lässig in Jeans gekleidet, mit der Colaflasche in der Hand und übergestülptem Kopfhörer aus dem Hoftor heraus, vorbei an Frauen mit Wickelröcken und Schönheitsmasken, vorbei an Männern in weiten Kapuzenmänteln und mit bestickter Kopfbedeckung. Die Jungen wollen ihre Herkunft hinter sich lassen und haben beim Lebensstil einzig Europa als großes Vorbild im Blick.

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