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Am Matterhorn : So großartig, dass man einfach hinauf muss

Steiles Schotterfeld: Blick auf den Gipfel vom Hörnli Grat aus. Bild: Freddy Langer

Kein Berg versteht sich besser auf die Kunst der Verführung als das Matterhorn. Doch viele lässt es abblitzen. Ein Gipfelversuch 149 Jahre nach der Erstbesteigung.

          14 Min.

          Auch in der vorigen Nacht habe ich wieder vom Matterhorn geträumt. Seit ein paar Wochen geht das nun so. Und immer ist es derselbe Traum: Der Berg taucht aus dem Nebel auf, ganz allmählich, fast so, wie Greta Garbo in „Anna Karenina“ am Bahnsteig dem Dampf einer Lokomotive entstieg. Und er ist keineswegs weniger verführerisch als deren Antlitz es war. Im frühen Morgenlicht glitzert und leuchtet der Gipfel, als lächele er auf rätselhafte Weise, als verspreche er etwas, während die restliche Felswand noch im Dunkeln liegt, düster, drohend, steil. In dieser Wand bin ich unterwegs, gehe am kurzen Seil dem Bergführer hinterher. In waagrechter Linie. Gefährlich wird es nie. Auch schwierig nicht. Jeder Griff stimmt, jeder Tritt ergibt sich wie von selbst. Fast ist es, als schwebten wir an der Wand entlang. „Nach oben“, rufe ich da dem Bergführer zu, „wir müssen doch nach oben.“ Aber er schüttelt bloß den Kopf, und da erst bemerke ich, dass wir die ganze Zeit auf der Stelle gehen und überhaupt nicht vom Fleck gekommen sind. Der Gipfel bleibt fern, glitzert noch eine Weile. Dann legt sich der Nebel wieder darüber. Verpasst, denke ich. Chance verpasst.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          ***

          Natürlich war ich enttäuscht. Aber erst später. Etliche Tage später sogar. Denn als wir am Grat standen, Harald, der Bergführer, und ich, viertausendundfünfundvierzig Meter über dem Meer und noch immer knapp vierhundert Meter unterhalb des Gipfels, da schien es die richtige Entscheidung zu sein, umzukehren. Ganz sicher war es das sogar. Niemand, hatten die Bergführer am Morgen prophezeit, als wir gegen drei Uhr am Frühstückstisch saßen, elf Teams von jeweils zwei Personen, niemand würde an diesem Tag den Gipfel erreichen. Den ganzen Sommer über war ja kaum jemand oben gewesen. Zwei Monate lang hatten die Zermatter Bergführer die Tour sogar komplett aus ihrem Programm gestrichen. Und nun schienen die Umstände noch ein wenig schlimmer zu sein. Nicht nur lag viel zu viel Schnee, so viel, dass die Ostwand weiß war statt schwarz, wie mit Mehl bestäubt sah sie aus oder mit Puderzucker.

          Matterhorn-Besteigung : Kurz vor dem Solvay-Gipfel

          Es war auch zu windig, viel zu windig, was uns die Nacht über nicht entgangen war. Denn der Sturm hatte gegen die Blechschachteln des provisorischen Basislagers gehämmert, als wollte er sie auf ihre letzten Tage noch umwerfen und die Steilwand hinunterrollen. Ein kleines Camp hatte man diesen Sommer über als Ersatz für die wegen Renovierung geschlossene Hörnlihütte am Berg errichtet: zwei Dutzend Zelte aus Metall, in jedem zwei Matratzen und zwei Schlafsäcke. Fertig. Gegessen und gekocht wurde in drei großen Blechschachteln. Mehr schlecht als recht. Aber draußen hätte man schön sitzen können. Wie inmitten eines Arrangements des Bildhauers Heinz Mack, der seine spiegelglatten, das Licht reflektierenden Arbeiten ja ebenfalls gern in unwirtlichen Gegenden aufgestellt hat. Wenn denn nur der Sommer nicht so kalt und nass gewesen wäre.

          Viel zu kalt

          Jetzt war es eisigkalt. Halb vier am Morgen mittlerweile. Viel zu kalt, wie die Bergführer sagten. Dick eingemummelt, machten wir uns auf den Weg in die Finsternis. Eine lange Schlange, deren Stirnlampen als gepunktete Linie den Weg markierten. Fünfhundert Höhenmeter waren es bis zur Hörnlihütte oder eben deren Baustelle, dem Quartier, in dem seit Generationen alle Bergsteiger ihre Tour zum Matterhorn beginnen. Als wir dort ankamen, war es uns warm. Und nun, nach dem Einstieg, von dem aus es nur noch steil nach oben geht, zwölfhundert Meter insgesamt, kletterten wir im Windschatten des Bergs. Geht doch, dachte ich. Als ich das nächste Mal nach oben schaute, waren die anderen schon so weit entfernt, dass die hellen Pünktchen ihrer Stirnlampen aussahen wie Sterne am Nachthimmel.

          Es war leer am Berg. Und still. Einmal ließen wir zwei Bergsteiger passieren. Ansonsten waren wir allein, hörten stundenlang weder Stimmen noch Geräusche. Nur Harald flüsterte bisweilen Kommandos: Greif hier hin, greif dorthin. Im Schein der Stirnlampe warfen die kleinsten Zacken endlose Schatten. Um uns herum war es finster. Und das war gut so. Der Abgrund unter den Füßen verlor sich im Schwarz der Nacht.

          Viel zu windig

          Menschen sahen wir erst wieder in der Solvayhütte, einem winzigen Schutzhäuschen auf halbem Weg zwischen dem Einstieg zum Matterhorn und seinem Gipfel. Wir machten Pause, um die Steigeisen anzuziehen. Die Hütte war brechend voll mit jungen Menschen. Sie hatten dort übernachtet, obwohl die Biwakschachtel für Bergsteiger gedacht ist, die in Not geraten sind. Aber darum scherten sie sich nicht. Manche kochten auf kleinen Gasbrennern Wasser für ihr Müsli oder ihren Tee, einige lagen noch zusammengekauert in den Betten. Überall stapelten sich Rucksäcke, Seile, Klettergurte. Es sah aus wie am Abend nach dem Schlussverkauf in einem Ausstatterladen.

          Dann kamen zwei Bergsteiger herein. In ihren Wimpern klebten Eiszapfen, ihre Rucksäcke waren mit Rauhreif überzogen. Sie waren auf dem Weg nach unten. „Keine Chance“, sagten sie in die Runde. Und schon setzten die beiden ihren Abstieg fort. In der Hütte hatte das niemand hören wollen: „Keine Chance.“ Nicht einer sprach mehr ein Wort. Nicht einmal einen Abschiedsgruß rief man uns hinterher, als wir nach draußen gingen.

          Eine schauerliche Leere

          Ein bisschen weiter wollten wir noch aufsteigen, bis dorthin wenigstens, wo der Grat so scharf wird wie eine Messerklinge. Um auf die andere Seite zu blicken. Und um hinunterzuschauen in den Schlund der Nordwand. In diese schauerliche Leere. Und um vielleicht einen Zipfel vom Gipfel zu erwischen. Als sei er schon zum Greifen nah.

          Ausweichquartier für einen Sommer: das provisorische Base Camp
          Ausweichquartier für einen Sommer: das provisorische Base Camp : Bild: Freddy Langer

          Wir schnürten die Kapuze eng über den Helm und zogen uns am Fixseil die Obere Moseleyplatte hinauf, eine besonders steile Passage. Nebel war aufgezogen. Viel war nicht mehr zu sehen. Auf dem glatt polierten Fels, über den unsere Steigeisen wie Folterwerkzeuge kratzten, bildeten Eiskristalle eine zarte Decke. Der Wind, der die Nordwand hinaufbrauste, blies Wolkenfetzen vor sich her wie eine Herde galoppierender Pferde. Das war kein Ausflug mehr an einem Spätsommertag in den Alpen, das glich schon fast einer Tour im Himalaja. Bald darauf führte die schmale, getretene Spur nur noch durch Eis und Schnee nach oben. Dann löste sie sich vollends im Weiß einer Wolke auf.

          Dem Zeitplan hinterhergeklettert

          Als wir uns über die Kante lehnten, um die eisglatte Nordwand hinunterzuschauen, fast senkrecht, so wenigstens wirkte es von oben, traf uns der eisige Sturm wie ein Schlag ins Gesicht. Minus neun Grad war die Vorhersage für diesen frühen Vormittag, im Wind wird es gut und gern doppelt so kalt gewesen sein. Es war deshalb schwer zu entscheiden, ob mir die eisige Temperatur oder der schwindelerregende Anblick den Schauder über den Rücken jagte. Immerhin wusste ich jetzt, wie die Eiszapfen ihren Weg in die Wimpern der beiden Bergsteiger gefunden hatten.

          Vom Gipfel nicht die leiseste Andeutung. Aber einmal, als der Nebel einen Augenblick lang aufriss, tauchten weit über uns zwei Pünktchen auf, die hintereinander hergingen. Bergsteiger. Also doch, dachte ich. Ob sie hoch oder runter gingen, war nicht zu erkennen. „Selbst wenn“, sagte Harald. Er brauchte nicht weiter zu reden. Ich wusste auch so, was er meinte. „Selbst wenn“, wiederholte er trotzdem, „es ist zu spät.“ Zu weit hingen wir schon jetzt dem Zeitplan hinterher.

          Keine Markierung irgendwo

          Wir waren zu langsam geklettert, nein: ich war zu langsam geklettert. Denn leider ist es keineswegs so, wie es die Mär erzählt: dass nämlich die Zermatter Bergsteiger auf Gedeih und Verderb jeden Gast am Seil bis hinauf auf den Gipfel ziehen. Und bei ihrem Zeitplan kennen sie leider auch keinen Spaß. Hundert Mal schon hat Harald auf dem Gipfel des Matterhorns gestanden. Wer unten nicht recht vom Fleck kommt, sagte er, wird oben ganz bestimmt nicht schneller. Außerdem dauert der Abstieg über den Hörnligrat ebenso lang wie der Aufstieg.

          Wie gemalt: das Matterhorn
          Wie gemalt: das Matterhorn : Bild: Freddy Langer

          Der Hörnligrat ist die populärste Route hinauf aufs Matterhorn. Bei gutem Wetter verstehen ihn manche Bergsteiger als eine Art Autobahn. Die geübten zumindest. Es ist ein Weg durch Geröll, über Platten, an Felswänden entlang und um riesige Blöcke herum. Markiert ist nichts, und wer sich nicht auskennt, landet rasch im Abseits, dort, wo die Steine locker liegen, der Boden nachgibt und ein falscher Tritt für Steinschlag sorgt. So einfach wie es von unten den Eindruck erweckt, immer nur parallel zum Grat, ist es dann eben doch nicht.

          Am Gipfel kollabiert

          Sam Branson war oben gewesen, der Sohn des Milliardärs Richard Branson. Das war erst wenige Tage her. Und den Vater hatte ich sogar in Zermatt herumlaufen sehen, ihn allerdings zunächst für einen der beiden „Abba“-Sänger gehalten. Sam Branson hatte seinen eigenen Bergführer aus England dabei. Der hatte ihn auch artig auf den Gipfel gebracht, aber dort kollabierte der junge Mann, hustete ordentlich und übergab sich dann mehrmals, wie man schon kurze Zeit später auf Youtube sehen konnte. In Zermatt war man einigermaßen entrüstet, zumal der Junge am Abend eine wilde Party im Ort geschmissen haben soll, statt sich vornehm zu verkrümeln. Nur Bruno Jelk blieb gelassen, der Chef der Bergrettung. „Wenn jemand in Not ist“, sagte er, „holen wir ihn herunter. Da fragen wir nicht lange, wie es dazu gekommen ist.“ Wen er da am Seil unter seinem Helikopter hängen hatte, wurde ihm angeblich erst nach der Landung mitgeteilt.

          Noch einmal schaute ich nach oben. Vielleicht wäre Kollabieren eine Option, dachte ich. Hinaufquälen - und dann mit dem Heli hinunter. Aber da war nichts als Fels und Schnee im Nebel. Ohne jegliche Konturen. Einfach nur Materie pur. Nichts Verlockendes. Nichts Erhabenes. Nichts Großartiges mehr. Dazu passten die nichtssagenden Fotos, die wir schnell noch von uns machten: schwarze Gestalten vor einer weißen Wand. Dann drehten wir uns um und stiegen ab. Dass das Matterhorn nur von unten schön ist, das hat schon Reinhold Messner gesagt.

          Wie aus dem Bilderbuch

          Aber wie schön! Welch ein Berg! Wie aus dem Bilderbuch. So schön, dass es schöner nicht geht. Das Matterhorn ist der Inbegriff eines Bergs. Wie von einem Bildhauer aus dem Fels gehauen, in Perfektion. Von zwei Seiten sieht es aus wie eine Pyramide. Vom Norden her und von Osten. Das ist der Blick von Zermatt und seinen umliegenden Bergen aus, dem Rothorn und dem Riffelberg, dem Breithorn und dem Gornergrat. Es sind die Ansichtskartenperspektiven, deretwegen sich das Tourismusamt von Zermatt jeden Tag von Neuem beim Herrgott bedanken müsste, weil deretwegen jedes Jahr die Besucher zu Hunderttausenden kommen. Viele nur für einen einzigen Tag, nur um zu schauen. Rund um die Uhr stehen Trauben von Menschen auf der Brücke über die munter sprudelnde Gornera, den Bach, der Zermatt der Länge nach teilt, und blicken zum Berg hinauf. Es gibt für die Besucher sogar eigens eine kleine Ausbuchtung auf der Brücke, damit sie den Passanten nicht im Wege stehen. Aber das tun sie natürlich doch, weil es viel zu viele sind. Selbst nachts kann es passieren, dass Fotografen in Reihe ihre Kameras auf Stative geschraubt haben, um mit Langzeitbelichtungen den Berg zu bannen, der trotz Vollmonds mit dem bloßen Auge bestenfalls in Schemen auszumachen ist.

          Es ist eine eigenartige Magie, die vom Matterhorn ausgeht. Und niemand kann sie wirklich erklären. Nicht einmal die Japaner, die uns doch in der meditativen Betrachtung von Bergen so haushoch überlegen scheinen. Auch sie, die zu Hunderten im Ort unterwegs sind, zucken nur mit den Achseln, sagen „Beautiful!“ und schießen, rückwärts ans Brückengeländer gelehnt, mit dem Handy Selfies.

          Jede Minute anders

          Jede Minute sehe der Berg anders aus, sagen die Einheimischen, sagen alle Einheimischen, als sei es ihr Mantra. Man könne sich am Matterhorn nicht sattsehen, sagen sie. Und wenn man ihnen zuhört, gewinnt man den Eindruck, sie alle wohnten so, dass ihnen der Berg direkt zum Schlafzimmerfenster hineinblinzelt, wenn sie morgens die Vorhänge aufziehen. Oben, auf dem Gipfel, waren die wenigsten von ihnen. Der Anblick genügt, als betrachteten sie ein Kunstwerk. Dabei kann ein Mensch mit gesundem Verstand doch angesichts dieses Bergs gar nicht anders, als auf dessen Gipfel steigen zu wollen.

          Klettertraining: das „Egg“ am Riffelhorn
          Klettertraining: das „Egg“ am Riffelhorn : Bild: Freddy Langer

          „Das Matterhorn zog mich einfach durch seine Großartigkeit an“, begründete schon Edward Whymper, der Erstbesteiger, seine Ausdauer. „Eine Niederlage nach der andern reizte mich bloß zu neuen Anstrengungen, und Jahr auf Jahr kehrte ich zum Matterhorn zurück, um entweder einen Pfad zu seinem Gipfel zu fin-den oder zu beweisen, dass es wirklich unersteiglich ist.“ Erst im achten Anlauf erreichte er sein Ziel. Am 14. Juli 1865, um 13 Uhr 40.

          Das Goldene Zeitalter

          Zermatt war damals keineswegs mehr ein unbedeutendes Bergbauerndorf gewesen. Längst gab es einige Hotels im Ort, in die sich vor allem Engländer einmieteten, um rundherum die Gipfel zu besteigen. Es war ein Sport der Aristokratie und besseren Gesellschaft. Und die Einheimischen erkannten rasch, dass mit dem Führen in den Bergen mehr Geld zu verdienen war als mit der Jagd oder Landwirtschaft im hochalpinen Gelände. Hundert Bergführer boten in Zermatt bereits ihre Dienste an, und Frauen konnten sich in Sänften oder auf dem Rücken von Maultieren zumindest zu den bis heute prominenten Aussichtspunkten bringen lassen. Unterwegs wurden ihnen von Sennern und Sennerinnen aus winzigen Hütten Tee und kleine Speisen angeboten, die sich damit ein „Zustupf“ verdienten - ein Zubrot.

          Es war das Goldene Zeitalter des Alpinismus. Zwischen 1854 und 1865 wurden mehr als sechzig Gipfel in den Schweizer Alpen erstbestiegen. Rund um Zermatt ging das wie im Akkord. Allein im August 1861 kamen Liskau, Castor und Monte Rosa auf die Liste - allesamt Viertausender. Als Edward Whymper im folgenden Jahr seinen ersten Versuch am Matterhorn unternahm, noch von der italienischen Seite aus, war dies der letzte prominente Alpengipfel, auf dem noch niemand gestanden hatte. Neun Versuche anderer Bergsteiger waren erfolglos abgebrochen worden - und man kann sich den Wahn vorstellen, der die Bergsteiger umso mehr antrieb, je überzeugender das Matterhorn als „durchaus unersteiglich“ bezeichnet wurde. Wie es dann zum Sturm auf den Gipfel kam - „Das Matterhorn war besiegt. Hurrah!“, schrieb Whymper -, das hätte sich kein Romancier phantastischer ausdenken können.

          Spannender als ein Roman

          Denn am Ende starteten Edward Whymper und sein langjähriger Bergführer und Seilgefährte Jean Antoine Carrel am selben Tag, aber nicht gemeinsam, wie ursprünglich geplant, sondern als Konkurrenten von unterschiedlichen Seiten des Bergs aus. Whymper ging in Zermatt los und folgte dem Hörnligrat, Carrel in Breuil in Italien, er nahm den Liongrat. Die Besteigung wurde zum Wettlauf. Hier der Italiener, der am Fuße des Berges aufgewachsen war und sich fast zehn Jahre lang mit dessen Graten und Wänden beschäftigt hatte. Dort der Engländer, der 1860 ursprünglich in die Alpen gekommen war, um sie zu zeichnen, dann aber immer hitziger einen Berg nach dem anderen bestieg, wie im Rausch. Schon 1861 schrieb er sich im Gästebuch eines Hotels mit der Formulierung ein: „On route for the Matterhorn.“

          Weil er plötzlich ohne Partner dastand, nämlich ohne Carrel, bildete Whymper kurzerhand und buchstäblich über Nacht mit einigen Engländern und deren Führern eine neue Seilschaft. Darüber, wie gut sie vorankamen, kann man sich nur wundern. Mal führte Whymper, mal führte Charles Hudson, ein Vikar, den damals viele für den besten Bergsteiger der Welt hielten. Eine Nacht verbrachten sie am Berg, notdürftig in einem Zelt, bevor es mit dem ersten Tageslicht weiterging. Kurz vor dem Gipfel befreiten Whymper und Michel Croz, ein prominenter Bergführer aus Frankreich, sich vom Seil und stellten „Kopf an Kopf“ ein Wettrennen an. Whymper erreicht den Gipfel zuerst und wirft Arme und Hut in die Höhe. Dann beginnen die beiden, Steine auf der italienischen Seite herunterzuschmeißen, bis Carrel und seine Leute, nicht mehr weit vom Gipfel entfernt, kehrtmachen. „Unser Siegesgeschrei sagte ihm“, schreibt Whymper, „dass er sein höchstes Lebensziel verfehlt habe.“ Fügt aber mitfühlend an: „Von allen, die das Matterhorn zu ersteigen versuchten, verdiente er am meisten, den Gipfel zuerst zu erreichen.“ Als Croz eine Zeltstange in den Schnee rammt und sein Hemd daran bindet, glauben Beobachter in Italien, durch ihre Teleskope Carrel zu erkennen - und feiern ihn als Helden. Bei Whympers Gruppe indes reißt beim Abstieg ein Seil, und vier der sieben Männer stürzen mehr als tausend Meter tief in den Tod.

          Das zerrissene Seil

          Das zerrissene Seil liegt heute im Museum in Zermatt, als handele es sich um eine Reliquie. Was genau damals geschehen ist, konnte nie restlos geklärt werden. Das Seil war fraglos zu dünn, um die Gruppe zu halten. Vielleicht brauchte man es, weil Whymper und Croz sich kurz vor dem Gipfel losgeschnitten hatten. Vielleicht, weil die unerfahrenen Männer in der Gruppe panisch wurden und man sich einbildete, zu siebt am Seil sicherer zu sein als in zwei getrennten Gruppen. Zwei der Engländer waren noch Buben, nicht einmal zwanzig Jahre alt, und wenn man die anderen Ausrüstungsgegenstände sieht, die im Museum liegen, die ausgelatschten Schuhe vor allem, dann wundert man sich in erster Linie, dass sie überhaupt nach oben gekommen sind.

          Museumsstück: Das zerrissene Seil von Edward Whymper
          Museumsstück: Das zerrissene Seil von Edward Whymper : Bild: Freddy Langer

          Königin Viktoria war entsetzt über die Tragödie und erwog ernsthaft, den Engländern das Bergsteigen zu verbieten. Für Zermatt jedoch war die Erstbesteigung des Matterhorns der Beginn des Massentourismus - von einem Tag zum anderen war der Berg weltberühmt. Er wurde zur Sehenswürdigkeit. Jeder wollte ihn sehen. Seither wird der Ort von Besuchern förmlich überrannt.

          Das Jubiläum feiern

          Das Tourismusamt hat sich denn auch einiges zum Jubiläum im kommenden Sommer ausgedacht. Und damit niemand den Termin verpasst, steht auf dem Bahnhofsplatz eine große Uhr in Form einer Pyramide, auf der die Zeit bis zum Jubiläum Sekunde für Sekunde zurückgezählt wird. Mit dem Umbau und der Modernisierung der Hörnlihütte - deren Schlafplätze bei der Gelegenheit von hundertsiebzig auf hundertvierzig reduziert werden, jeder zu hundertfünfzig Schweizer Franken pro Nacht - setzt man das auffälligste Zeichen. Zum größten Spektakel indes wird wohl das von Livia Anne Richard eigens für den Anlass geschriebenen Stück „The Matterhorn Story“ werden: das Drama der Erstbesteigung als Theaterstück, aufgeführt auf einer Freilichtbühne auf dem Riffelberg in zweieinhalbtausend Meter Höhe, im Hintergrund als Kulisse das Matterhorn. Eine Einladung zu dem Ereignis wurde in diesem Sommer der englischen Königin überbracht - zugesagt hat sie noch nicht; und im Ort hofft man darauf, dass wenigstens Prinz Harry in Vertretung kommt. Zumal er hier schon einmal einen Skiurlaub verbracht hat. Außerdem verfilmt der Regisseur Frank Senn mit einem Fernsehteam zurzeit noch einmal die Erstbesteigung.

          Luis Trenker hat das schon 1937 getan, unter dem Titel „Der Berg ruft“. Er führte Regie und schrieb sich zugleich die Rolle des Bergführers Jean Antoine Carrel auf den Leib. Gedreht hat er am Riffelhorn, einem Bergstock, der gegenüber des Matterhorns gut hundertfünfzig Meter fast senkrecht in die Höhe steigt. Der Film beginnt mit den ersten Versuchen, das Matterhorn zu besteigen. Die Figur des John Tyndall lässt Trenker dabei „4100 m“ an die Felswand pinseln, daneben die Unterschrift. Er selbst malt etwas später „4300 m“ an den Stein und setzt ebenfalls den Namen dazu: Carrel. Bis heute kann man das sehen, wenn auch erst nach gehöriger Kletterei - Graffiti als Überbleibsel großen Heimatkinos.

          Senkrecht hinauf aufs Riffelhorn

          Früher war es vorgeschrieben, mit einem Bergführer am Riffelhorn zu klettern, am „Egg“, fünf Seillängen im unteren fünften Grad, das sind hundertfünfzig Meter steil nach oben, bevor man mit ihm oder einem seiner Kollegen aufs Matterhorn durfte. Mir kam das ganz gelegen, weniger als Test denn als Vorbereitung. Aber so hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt: Es war, als steige man an der Ecke eines Hauses hinauf, nur dass die Wasserrinne fehlt. Der Fels fühlte sich an wie eine rauh verputzte Fassade. Kaum irgendwo Halt, nirgendwo die Aussicht, mehr als die Zehenspitzen aufzustellen. Das war seriöses Klettern, nicht spaßiges Kraxeln. Und so etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gemacht. Aber das behielt ich vorsichtshalber für mich. Runter ging es dann schnell, wir seilten uns ab.

          Gratwanderung: Aufstieg aufs Breithorn
          Gratwanderung: Aufstieg aufs Breithorn : Bild: Freddy Langer

          Auch auf dem Breithorn waren wir zur Vorbereitung gewesen, zu einer halben Traverse. Früher war das ebenfalls Bedingung vor einem Aufstieg aufs Matterhorn. Es ist ein grandioser Berg. Eine riesige, vergletscherte Kuppel, mehr als viertausend Meter hoch. Direkt oberhalb der Seilbahnstation glitzert sein verschneiter Hang wie eine Spiegelwand. Wir nahmen allerdings den Umweg, über den Grat, über Fels so gezackt wie der Schwanz des Drachens aus der Legende des Heiligen Georgs. Manchmal Eis, manchmal Stein, einmal eine Wechte, durch die der Griff des Eispickel durchrutschte, dass ich befürchtete, durch das Loch hinunter ins Tal schauen zu können. Vorsichtshalber schaute ich nach vorne.

          Der Länge nach aufs Breithorn

          Oft genug war es ein Balanceakt zwischen Himmel und Erde. Fünf Stunden dauert die Tour. Und es verging kaum eine Minute, ohne dass Roman, der Bergführer an diesem Tag, nicht noch einen Tipp parat hatte. „Du musst den Schnee streicheln, nicht treten“, sagte er beim Aufstieg. „Geh’ gerade, wir sind stolz“, als ich mich dem Hang entgegenlehnte. „Lieber im Fels mit Steigeisen gehen, als im Eis ohne“, saget er, als ich wieder einmal ungelenk über Steine stöckelte. Allmählich wunderte ich mich über die aufwendige Vorbereitung. „Das Matterhorn ist kein schwieriger Berg für einen guten Bergsteiger“, hieß es einmal in einem populären Bergbuch. Das Problem sei, sagte Roman, dass der zweite Teil des Satzes im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten ist.

          Mehr als vierzig Viertausender sieht man vom Breithorn aus. Einem aufgewühlten Ozean gleichen die Alpen von dort oben. Ein Auf und Nieder, zu Stein erstarrt, die Gipfel allesamt schneebedeckt, weiß wie die Fahnen der Gischt über den Wellen. Der Abstieg glich einem Spaziergang. Mäßig steil durch den Schnee. Es waren nicht einmal Serpentinen nötig.

          Anstrengender Abstieg

          Beim Matterhorn ist das anders. Dort ist der Abstieg genau so anstrengend wie der Weg nach oben. Auch deshalb kehren die Bergführer von einem gewissen Zeitpunkt an um. Und den hatten Harald und ich bereits überschritten, als wir am Grat standen, im eisigen Sturm. Abgeseilt wird nur an einer Handvoll Stellen. Ansonsten ist es eine endlose Kletterei. Es gibt keine drei Meter am Stück in der Horizontalen. Immer bleibt es steil. Oft genug geht es senkrecht hinunter. Fast immer braucht man die Hände, und kaum einen Schritt kann man tun, ohne zu überlegen, ohne sich zu konzentrieren. Nahezu die gesamte Strecke über könnte man sich problemlos in die gähnende Tiefe fallen lassen. „Absturzgelände“, hatte Harald den Hörnligrat genannt.

          Mehr als siebenhundert Menschen sind seit der Erstbesteigung am Matterhorn ums Leben gekommen. Als die Grenzen nach Osteuropa geöffnet wurden, waren es besonders viele. Jetzt ist die Zahl mit durchschnittlich drei Toten im Jahr so niedrig wie lange nicht mehr. Das ist einer pro tausend, die versuchen hinaufzugehen. In diesem Jahr, in diesem schlechten Sommer, in dem nur etwa dreihundert Bergsteiger bis zum Gipfel kamen, wird bisher nur ein Japaner vermisst. Ganz elend wurde uns deshalb zumute, als wir weit unter uns, im Schotterfeld am Fuße eines Gletschers etwas Rotes sahen, wie Beine, hingestreckt, eine rote Hose, darüber ein dunkler Fleck. Wir alarmierten die Bergwacht, aber der Hubschrauber suchte an der falschen Stelle, so wenigstens sah es aus unserer Perspektive aus, dann drehte er ab.

          Blick zurück, ganz still

          Es soll nur ein Rucksack gewesen sein, sagten andere Bergführer später. Aber das hatten sie auch nur irgendwo aufgeschnappt. Da waren wir wieder im Basislager und saßen an den langen Tischen zwischen den blechernen Zelten, die im Sonnenlicht funkelten wie Brillanten. Tatsächlich war die Sonne herausgekommen, und das Matterhorn reckte seine Spitze in einen fast makellos blauen Himmel. Jetzt hätten wir losgehen sollen, dachte ich, und bestellte bei der Wirtin noch zwei Dosen Bier. Aber die weiße Fahne aus Schnee, die über dem Gipfel flatterte, ließ keinen Zweifel daran, wie stürmisch es dort oben war.

          Irgendwann war unser kleiner Trupp wieder beisammen. Vier der elf Teams waren überraschend bis zum Gipfel gekommen. Zwei Frauen, zwei Männer. Eine der Frauen hatte sich die Finger angefroren, das sah ernst aus. Alle sprachen wenig. Sie saßen nur auf den Bänken und schauten in die Höhe, die Wand hinauf, auf dieses perfekte Dreieck. Dabei machten sie nicht einmal einen erschöpften Eindruck. Sie waren einfach nur still.

          Auf den Berg

          Information über Matterhornbesteigungen gibt es beim Alpin Center Zermatt, Telefon: 0041 / 279662460 und unter: www.alpincenter-zermatt.ch. Die Reise wurde unterstützt von Zermatt Tourismus sowie Schweiz Tourismus.

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