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Marokko : Irgendwann ist alles andere überflüssig

Die alte Berberstadt Ait Ben Haddou: Eine Festung aus Lehm und Stroh.

Marokko ist ein eigentlich mediterranes Land, das sich die Araber mühsam erobern mussten. Hier im Süden fühlt es sich jedoch nicht arabisch, sondern eher afrikanisch an. Die Menschen haben die Ruhe weg, niemand hält es für nötig, lauter und schneller zu sprechen als unbedingt erforderlich. Die Architektur neigt zum kastigen Lehmbau. Es ist das Land der Berber, wie die Römer sie einst nannten, oder der Imazighen, wie sie sich selbst nennen, „freie Menschen“. Es gibt verschiedene Stämme, Kabylen oder Tuareg, und vermutlich waren sie schon immer hier. Herodot erwähnt sie, die alten Ägypter kannten sie.

Willkommen im Rothenburg Marokkos

Seit Jahrtausenden ziehen die Berber umher und züchten Kamele und Ziegen. Manchmal bauten sie auch Ansiedlungen. Eine der ältesten Berberstädte, Ait-Ben-Haddou, steht am Fuß des Hohen Atlas etwa dreißig Kilometer vor Ouarzazate an der alten Karawanenroute nach Marrakesch. Städte, die mit „Ait“ beginnen, sind Berbergründungen, erzählt Hossein. Irgendwann zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert entstand das geradezu kubistisch verschachtelte Konglomerat aus Wohnburgen, Höfen, Stallungen und Gassen aus Lehm, gekrönt von einer Kasbah, einer Festung. Sämtliche wüstenlastigen Filmproduktionen von „Lawrence von Arabien“ über „Gladiator“ bis „Game of Thrones“ wurden hier gedreht. Ait-Ben-Haddou ist das Rothenburg Marokkos, und die Touristenmassen sind auch ähnlich groß.

Frühstück auf der Düne: Housseine hat Tee und Kaffee gekocht – letzteren mit Kardamom, getrunken wird er „nos nos“, „halb halb“ mit Milch.

Aber die Politik der jüngeren Zeit hat die nomadischen Berber dazu gezwungen, ihr Leben umzukrempeln. Die Grenze zwischen Marokko und Algerien ist seit dem Krieg von 1963 geschlossen, es gibt keine Grenzübergänge, man ist sich nicht grün. In dieser Zeit gaben die Nomaden das Wandern auf und wurden notgedrungen sesshaft. Die Größe des Gebietes reicht nicht mehr zum Leben. Es reicht jedoch, um sich ab und zu die traditionellen Gewänder überzustreifen, die Sandalen anzuziehen, die Kamele zu satteln und zumindest mit ein paar Touristen loszuziehen, um ihnen die Lebensweise der Väter und Großväter zu zeigen. Und immer öfter dürfen auch die Kinder und Enkel mit, die nichts anderes kennen als das Leben in der Stadt.

Aber dazu müssen wir die Kamele erst einmal finden. Wie orientiert man sich in dieser Wüste? Eine Straße oder wenigstens Piste gibt es seit ein paar Kilometern nicht mehr. Nach der dritten Runde um ein Dünenfeld, das uns irgendwie bekannt vorkommt, wissen wir: gar nicht. Wenn der Berber auf dem Jeepdach steht, des besseren Handyempfangs wegen, dann stimmt etwas nicht. Und Gespräche, die auf „Inshallah“ enden, sind immer ein schlechtes Zeichen. Das kenne ich schon von meinem marokkanischen Autoschrauber daheim in Frankfurt.

Blühender Rucola und halbwilde Kamele – es ist nicht alles Sanddüne, was Wüste heißt.

In der letzten Abendsonne glühen die Kuppen der Dünen rot, und weil es vor wenigen Wochen geregnet hat, blühen überall Büsche, kniehoch sind sie, hellgelb die Blüten, die in den Scheinwerfern der Jeeps aufleuchten. Die Blätter sehen verdächtig nach Rucola aus, und genauso schmecken sie auch. Wir werden also nicht verhungern. Dass der Berber immer noch auf dem Jeepdach steht und telefoniert, macht uns nur noch marginal nervös: Uns bleibt immer noch der Rucola.

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