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Marokko : Die Straße der Kasbahs - Lehmburgen am Rande der Wüste

  • -Aktualisiert am

Berberfrauen in der traditionellen Tracht Bild: dpa

„...als habe Allah alles Überflüssige entfernt, damit wir Menschen hinter den Erscheinungen das wahre Wesen der Dinge zu erkennen vermögen.“

          Östlich des Hohen Atlas führt die "Straße der Kasbahs" von Quarzazate durch das grüne Dadestal, weiter durch steinerne, flimmernde Geröllwüste, vorbei an der senkrechten Todra-Schlucht bis hin zum Beginn der größten Datteloase Marokkos, dem Tafilalet. Mühevoll quält sich der Bus die steilen Kehren zum 2.270 Meter hohen Pass Tizi-n-Tichka hinauf.

          Hier beginnt das Stammesgebiet eines ehemals mächtigen Berberstammes, dem Glaouai-Clan. Immer auf Unabhängigkeit von den arabischen Marokkanern bedacht, kam sein Herrscher Si Thami el-Glaouai, der "Löwe des Atlas", während des französischen Protektorats zu unrühmlicher Bekanntheit. War er doch mit fliegenden Fahnen zu den Franzosen übergelaufen und schließlich daran beteiligt, den marokkanischen König Mohammed V. ins Exil zu schicken. Eine Schandtat, die man ihm bis heute nicht verziehen hat.

          Kurzlebige Hollywood-Kulissen

          Im Süden Marokkos ist Si Thami el-Glaouai noch immer eine Legende. Die in seiner Zeit erbauten Kasbahs thronen über den fruchtbaren Flussoasen. Aus Lehm, Stroh und feinem Kies errichtet, dienten die erdfarbenen Familienburgen als Schutz vor verfeindeten Berberstämmen und nomadischen Räubern. Wind und Regen setzen den fragilen Bauwerken systematisch zu, gerade einmal 50 Jahre hält ein solches Gebäude. Bei Regen zerfließen die Zinnen, Scharten und filigranen Ornamente buchstäblich im Sande.

          Bei der Durchfahrt des Dadestals reiht sich Kasbah an Kasbah, mal mehr, mal weniger stark dem Verfall preisgegeben. Etwas abseits der Strecke, nahe Quarzazate, steht die wohl am besten erhaltene Kasbah Aït Benhaddou. Gehegt und gepflegt, hier und da sogar umgebaut, diente die imposante Anlage in diversen Hollywood-Filmen als spektakuläre Kulisse. Wer es sich leisten kann, der lebt längst nicht mehr in den pflegebedürftigen, alten Gemäuern. Die Männer verdienen ihr Geld irgendwo anders in Marokko oder Frankreich. Doch seit die UNESCO das befestigte Dorf zum Weltkulturerbe erklärte, werden die verfallenen Häuser wieder restauriert und die Menschen dazu ermuntert zurückzuziehen.

          Millionen von Dattelpalmen

          Bei Boulmane-Dades verlässt die "Straße der Kasbahs" die Oase und führt durch flirrende Einöde. Erst bei Tinerhir erreicht sie wieder das saftige Grün einer Flussoase. Tinerhir ist Ausgangspunkt für einen Besuch der Todra-Schlucht. Fern vom Sonnenlicht, eingezwängt zwischen 300 Meter hohen, überhängenden Felswänden steht am kühlen Grund der Schlucht ein Hotel. Es ist ein ideales Quartier für Wanderungen in die abgelegenen Bergdörfer des Atlas.

          Bedrängt von der Sahara windet sich das Tafilalet tief in die Hammada, die graue, flimmernde Steinwüste, hinein. Oase reiht sich an Oase, mehr als eine Million Dattelpalmen recken ihre Blätter der sengenden Wüstensonne entgegen. Sie werden mit Tiefbrunnen, aber auch noch durch Jahrhunderte alte, unterirdische Kanäle bewässert, die das Wasser aus den fernen Bergen in die tiefer gelegenen Oasen transportieren.

          Das wahre Wesen der Dinge erkennen

          Das unbestrittene Highlight einer Tour entlang der "Straße der Kasbahs" ist ein Abend im größten Sanddünengebiet Marokkos, dem Erg Chebbi. In tobender Fahrt geht es über eine nimmer enden wollende Wellblechpiste zum Ort Merzouga. Hier recken sich majestätische Sanddünen bis zu 100 Meter hoch in den Himmel. Sie zu besteigen kostet bei 40 Grad und mehr unglaubliche Mühe. Doch es lohnt sich: Den Anblick des endlos erscheinenden Sandmeeres wird man nie wieder vergessen. Wie schrieb der Wüstenforscher Uwe George: " ... als habe Allah aus der Sahara alles Überflüssige entfernt, damit wir Menschen hinter den Erscheinungen das wahre Wesen der Dinge zu erkennen vermögen. Für mich ist die Sahara tatsächlich ein großes Abenteuer der Selbsterkenntnis, die allem menschlichen Tun und Wollen eine neue Dimension gibt."

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