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Kuriose Krippen : Kunst, Kitsch und Tradition

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Ein ausgewogenes Arrangement unter Folie: Marco Rigamonti kehrt seit 2016 jedes Jahr in seine Heimat zurück, um die Krippen zu dokumentieren. Bild: Marco Rigamonti

In der italienischen Region Terre Traverse in der Po-Ebene gibt es den seltsamen Brauch, Krippen an kuriosen Stellen aufzustellen. Marco Rigamonti hat sie gesucht – und fotografiert.

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          Heutzutage, in unserer modernen Zeit, in der die christlichen Motive zunehmend aus der Weihnachtsdekoration im öffentlichen Raum verschwinden, sind vielerorts auch die Krippen aus der Mode gekommen. In der norditalienischen Region Terre Traverse allerdings ist dieser Trend unbemerkt geblieben. Einige Dörfer halten die Tradition der Weihnachtskrippe sehr lebendig, sie haben ihr allerdings bisweilen einen völlig eigenen, neuen, kreativen Ausdruck gegeben. Fasziniert von diesem Mysterium, kehrt der in Piacenza lebende Fotograf Marco Rigamonti seit 2016 jedes Jahr zur Weihnachtszeit zurück. Er widmet seine Aufmerksamkeit vor allem der Beziehung der Menschen zu ihren Orten.

          Und die Krippen? Was haben die damit zu tun? Man muss bei seinen Arbeiten schon sehr genau hinschauen, denn seine Fotografien von unprätentiösen Bauernhöfen und Dorflandschaften offenbaren sich nur selten auf den ersten Blick. Erst bei genauer Betrachtung erkennt man in den Motiven mal weniger, mal sehr versteckte Krippen. Manche sind in kuriosen Alltagsgegenständen plaziert, so in das Gehäuse eines alten Fernsehapparats, in eine Zementmischmaschine, in eine Schubkarre oder unter der Kühlerhaube eines Automobils. Das ist nicht ohne surrealen Effekt. Aber die ebenso komisch anmutende Installation einer Krippe etwa in einem Kinderwagen ergibt ja durchaus Sinn. So erhält Jesus verspätet jene Wiege, die ihm bei seiner Geburt vorenthalten wurde. Die in Koffer gepackten Krippen hingegen lassen sich als Hinweis auf die Reise von Maria und Josef und ihre – vergebliche – Suche nach einer Herberge lesen. Und so fort. Während die meisten Krippen eher bescheiden und einfach daherkommen, zeugt mindestens eine Installation von ungewöhnlichem Aufwand: Als bunt strahlender Festzug schreitet eine wie ein überdimensionierter Neonschriftzug gestaltete Karawane bei Nacht über einen Acker.

          Open-Air-Galerie neben Eseln und Traktoren

          Rigamontis Bilder machen schmunzeln bei all der überbordenden Phantasie, aber auch der Unbefangenheit der Krippenbauer, die keine Scheu vor absurden Orten haben und auch nicht vor dem Bekenntnis zum Kitsch. Doch so, wie die Bewohner der Region Terre Traverse weit davon entfernt sind, sich über Glaube und Kirche lustig machen zu wollen, so ist es dem Fotografen Rigamonti keineswegs darum zu tun, diese Schöpfungen lächerlich zu machen. Er sieht in ihnen vielmehr eine im alltäglichen Leben meist verdrängte Spiritualität, „einen Spiegel von einem inneren Bedürfnis, sich selbst zu manifestieren“, wie er es einmal formuliert hat.

          Neon Jesus: Und der Engel trompetet vom Strommast, Po-Ebene, 2017. Bilderstrecke
          Weihnachtskrippen in Italien : Kunst, Kitsch, Tradition

          Die Wurzeln seiner Sensibilität für derlei Kuriositäten finden sich in seiner Kindheit. So sagt er über seine Serie „Il Giardino Nascosto“ – also der verborgene Garten: „Unser Haus hatte einen kleinen versteckten Garten auf der Rückseite, in den mein Vater gerne Gegenstände, Bilder, Statuen, Spiele und Fake-Tiere einfügte, die ihn in einen einzigartigen und absolut persönlichen Raum verwandelten. Dieser seltsame und chaotische Garten, ohne Sinn und Verstand, hat mich immer fasziniert, ohne dass ich jemals den wahren Grund verstanden hätte. Ich wusste es nicht, aber dieser magische Ort enthielt die naive Geschichte des Lebens meines Vaters und meiner Mutter, zusammen mit einer Art Vorahnung ihrer Schicksale.“

          Marco Rigamonti, im Jahr 1958 in Piacenza geboren, entdeckte erst während seines Ingenieurstudiums die Fotografie für sich. Zuerst beschäftigte er sich mit Sportfotografien, für die er prompt einige Preise erhielt. Dann wandte er sich der Dokumentarfotografie zu, und 1995 eröffnete er parallel zu seiner Arbeit als Ingenieur, der er seit 1983 nachging, ein Studio für Hochzeitsfotografie, das er vierundzwanzig Jahre lang erfolgreich betrieb. Seinem Interesse an künstlerischen Arbeiten anderer Fotografen folgend, rief er für fünf Jahre ein Fotofestival ins Leben. Heute widmet er sich neben seiner Tätigkeit als Kurator nur noch eigenen Projekten. „Ich denke, einige Krippen, die ich fotografiert habe, sind vergleichbar mit unbewussten Kunstinstallationen“, sagt er, „einer Art von Open-Air-Galerie in den Bauernhöfen, neben Eseln, Traktoren und entlang der Straßen. So wie es sicherlich auch die meines Vaters in seinem Garten waren – auch wenn er selbst es gar nicht begriffen hat.“

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