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Malediven : Nachts sind wir Hai

LED-Trip über dem Meeresboden: Nachtschnorcheln über fluoreszierenden Korallen Bild: LOUISE MURRAY/SCIENCE PHOTO LIBR

Nachts sind vielleicht alle Katzen grau, für Fische gilt das aber nicht. Wenn man sie mit LED-Lampen anstrahlt, leuchten sie in allen Farben: Nachtschnorcheln auf den Malediven vor Maalifushi.

          4 Min.

          Da heißt es immer: Malediven, einsame Inseln mit Sandstränden und türkisfarbenem Wasser, Traumurlaub.

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das ist alles Unsinn, eine Hitze-Illusion, ein durch Tourismusmarketing geschürtes Missverständnis. Denn die Ferientage im Indischen Ozean zerlaufen wie Wachs in der Hitze, und jenseits der Aircon-Bereiche droht man innerhalb von Minuten zu kollabieren wie nach einem Sauna-Aufguss. In der Sonne verglüht man ohne Hut und Schutzfaktor 50, und der Anblick weißer Sandstrände schmerzt in den Augen. Man schleppt sich schließlich ins 30 Grad warme Wasser, um sich abzukühlen, unterbricht so aber nur die Bewegungslosigkeit am Strand, gefühlter Temperaturunterschied gleich null. Dabei wäre die Lösung so einfach: Urlaub auf den Malediven, das muss mal klar gesagt werden, beginnt erst, wenn der helle Tag vorübergeht, das Meer sich verdunkelt und die tropische Nacht schnell wie ein Theatervorhang herabfällt.

          Ein Tintenfisch auf dem Weg durch das Hausriff von Maalifushi.
          Ein Tintenfisch auf dem Weg durch das Hausriff von Maalifushi. : Bild: Como-Hotels

          Es beginnt um 18.30 Uhr. Vor einer halben Stunde war es noch hell, nun umgibt Maalifushi eine alles verschluckende Dunkelheit. Die Insel liegt im Thaa-Atoll, 200 Kilometer südlich der Hauptstadt Malé, und am Strand tritt Francesco Comezzi aus der Finsternis. Er kommt vom Tauchcenter und hat Schnorchel, Taucherbrillen und Lampen in den Händen und zwei paar Flossen unter die Achseln geklemmt. Der italienische Meeresbiologe ist seit zwei Jahren im „Como“-Hotel auf der Insel, hält Vorträge über Fische und Korallen und geht mit den Gästen schnorcheln und tauchen, jeden Tag und zweimal pro Woche auch nachts.

          Vom Steg aus direkt ins „Hausriff“

          Wir gehen über den Steg hinaus zum Hausriff. Links und rechts brandet das schwarze Meer an die Holzplanken und strahlt plötzlich eine gewisse Bedrohlichkeit aus. Die dunkle Seite des Meeres. Noch vor einer Stunde leuchteten hier die Korallen in den irrsten Farben, und man konnte vom Steg aus beobachten, wie grüne Fische blaue Fische küssen und dann von gelben Fischen verjagt wurden. Wir gehen an der Anlegestelle vorbei, wo vormittags die Touristen ankommen, bis zum Ende des Stegs. Es geht los und kostet eine gewisse Überwindung, die Schnorchelausrüstung anzulegen und über die Treppe in diese unheilvolle schwarze Masse zu steigen. Doch dann passiert etwas Erstaunliches: Sobald wir die Köpfe unter Wasser legen, die 500-Lumen-LED-Lampe anschalten und durch die Taucherbrille in die Tiefe blicken, ist das Unbehagen wie weggespült. Wir schweben im warmen Wasser über die Korallen hinweg und hören nur das Glucksen des Wassers, den eigenen Atem und das typische Gluckern des Schnorchels, wenn wir ein paar Meter hinabtauchen, um eine der Korallen genauer anzusehen.

          Ein Papageienfisch im Licht der Unterwasserlampe.
          Ein Papageienfisch im Licht der Unterwasserlampe. : Bild: Como-Hotels

          Im Lichtkegel strahlen wogende Seeanemonen, Seesterne und Hunderte Korallenfische noch heller als am Tag oder heben sich zumindest deutlicher vom nun dunklen Hintergrund ab. Eine Meeresschildkröte liegt ruhig auf dem Meeresgrund, ein blauer Papageienfisch lugt hinter einer Koralle hervor, eine winzige Qualle pumpt meditativ dahin, und ein gelber Tintenfisch sieht aus wie ein rückenschwimmender Captain Jones aus „Fluch der Karibik“. Francesco schwimmt voraus und macht seine Lampe bald wieder aus. Wir erreichen einen hellen Scheinwerfer, der am Seil einer Boje befestigt ist und mit der Dünung hin und her wippt. Francesco taucht kurz auf und sagt: „Licht zieht Plankton an, und Plankton zieht kleine Fische an. Kleine Fische wiederum ziehen große Fische an - Riffhaie und Mantarochen“, und taucht wieder ab. Die ersten beiden Dinge können wir beobachten: Ein Schwarm kleiner Fische schwirrt durch einen Planktonnebel aus winzigen Würmchen, Pünktchen und Kringelchen, der sich im Licht gebildet hat. Später erzählt Francesco, dass er und seine Kollegen den Scheinwerfer erst vor vier Tagen installiert haben. „Das muss sich erst rumsprechen unter den großen Fischen.“ Die Lampe leuchtet jeden Abend von sieben bis elf Uhr, und bald sollen sechs weitere an einer Linie quer durch das Hausriff folgen.

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