https://www.faz.net/-gxh-9fflm

Malaysia in zwei Tagen : Wie der Blitz

So bunt, so laut: Rikscha in Malakka Bild: Sebastian Eder

Entschleunigung? Macht jeder. Aber was erlebt man, wenn man in 48 Stunden zwei, ach was, drei Städte in Malaysia erkundet? Ein Liveticker.

          6 Min.

          Dienstag, 10.30 Uhr. Das Erste, was man in der malaysischen Küstenstadt Malakka hört, ist ohrenbetäubend lauter Heavy Metal. Das Erste, was man sieht, ist eine mit knallbunten Stofftieren geschmückte Rikscha, die in der Fußgängerzone an einem vorbeirast, der Krach gehört offenbar zur Stadt wie das Meeresrauschen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          11.20 Uhr. Auf dem Platz vor der christlichen Kirche in Malakka herrscht ein Treiben wie in Disneyland. Ein Mann hat sich seinen Anzug, seinen Gehstock und seinen Hut golden angemalt und steht regungslos in der sengenden Hitze vor einer Spendenbox. Daneben drängen sich Touristen um menschenhohe Buchstaben, die zusammen den Satz „i LOVE MELAKA“ formen. Selfies werden geschossen. Am Rande des Platzes sitzen Straßenhändler neben Bergen von T-Shirts, auf denen die Kitschrikschas abgebildet sind. Eines der Fahrradtaxis rollt heran, direkt vor der Kirche macht der Fahrer die Technomusik aus, fängt Streit mit einem Kollegen an, der ihm plötzlich ins Gesicht schlägt.

          12 Uhr. Eine alte Chinesin führt Besucher durch das Baba Nyonya Heritage Museum. Das Haus wurde 1896 vom Urgroßvater von Chan Kim Lay gebaut, der daraus 1986 ein Museum machte. Darin wird seitdem gezeigt, wie Chinesen traditionell in Malaysia leben. Die Präsidenten von China und Singapur waren schon zu Besuch. Was vor Ort in Erinnerung bleibt? Schöne Vasen, schönes Porzellan, schöne Möbel, knarzender Boden. Und die Pointen der alten Chinesin, die sie mit plötzlich aufblitzendem Lächeln am Ende ihrer strengen Vorträge setzt – um Sekunden später wieder todernst zu sein.

          13 Uhr. Essen. Der Reis im „Restoran Atlantic 1 Nyonya Food“ ist grün, eine alte Taktik in Malaysia, um Kinder für das sonst langweilige Essen zu interessieren. Für uns hätten die Beilagen gereicht: Neben einem gebratenen Fisch in Chilipaste (Chili Garam Fish) liegt auf dem Tisch ein saftiges, mit fermentierten Garnelen zubereitetes Omelett (Telur Cincaluk), ein Teller voller Okraschoten (Ulam Bendih), lockeres Tofu (Tauhu Tempura), eine mit Garnelenpaste aromatisierte Spinatpfanne (Kangkung Belacan) und das berühmte Rendang Ayam: ein trockenes Curry mit zartem Hühnchen, das vorher stundenlang in Kokosmilch und Gewürzen geschmort hat, um dann mit gerösteter Kokosnuss karamellisiert zu werden. Neun Personen zahlen für dieses Festessen am Ende etwa 70 Euro – in einem Restaurant, das aussieht wie eine bessere Dönerbude in Deutschland.

          Harmony Street von Malakka:  Überall in Malaysia gibt es diese Straßen, in denen Moscheen, buddhistische und hinduistische Tempel eng beieinanderstehen.

          13.45 Uhr. Alan Wong führt durch die Harmony Street von Malakka. Überall in Malaysia gibt es diese Straßen, in denen Moscheen, buddhistische und hinduistische Tempel eng beieinanderstehen. Wong, dessen chinesische Familie in dritter Generation in Malaysia lebt, steht gegenüber der Moschee vor einem Restaurant und erzählt: „Hierher bin ich früher immer mit meinem Vater gekommen. Morgens um fünf Uhr haben wir Schweinefleisch gegessen, gegenüber sind die Muslime beten gegangen. Es gab nie Probleme. Wir akzeptieren uns alle gegenseitig. Das haben wir schon in der Schule gelernt.“ Warum das hier funktioniere, aber in anderen Ländern nicht, wird er gefragt. „Das müssen Sie in den anderen Ländern fragen.“ Warum es Nichtmuslimen 2013 verboten wurde, ihren Gott „Allah“ zu nennen, wie das auch Christen in dem Land taten, würde man dagegen gerne mal die Richter in Malaysia fragen.

          14.30 Uhr. Plötzlicher Platzregen, Wassermassen stürzen vom Himmel. Flucht in die Moschee. Nora Kassim arbeitet darin, sie trägt Kopftuch und muss darauf achten, dass Touristen beim Betreten des Gotteshauses die Schuhe ausgezogen und ihre Haut angemessen bedeckt haben. Sie lädt zu Bananenchips an einen kleinen Tisch. Ob sie das wirklich nicht stört, dass gegenüber Schweinefleisch gegessen wird? „Wer hat Ihnen das gesagt?“, fragt sie, und zieht die Augenbrauen hoch. Dann sagt sie milde: „Das ist schon okay. Solange sie es im Laden essen und nicht auf der Straße.“

          19 Uhr. Und jetzt nach Kuala Lumpur! Daniel Kaeflein kommt ursprünglich aus Heidelberg, seit einem Jahr ist er Manager im „Shangri-La“ in Kuala Lumpur, einem der größten Luxushotels der Stadt. Er hat die Besucher aus Deutschland zum Abendessen in das Gourmet-Restaurant seines Hotels geladen. Bald wird am Tisch wieder davon geschwärmt, wie tolerant doch die verschiedenen Kulturen in Malaysia miteinander umgingen. Schade, dass das in Deutschland mit den Flüchtlingen nicht funktioniere. Irgendwann kann man sich ein paar Zwischenfragen nicht mehr verkneifen: Es stimme doch, dass Homosexualität im ganzen Land strafbar ist? Und Muslime sich vor Scharia-Richtern verantworten müssen? Und zwischen Malaysia und Thailand eine Mauer gebaut werden soll? Betretenes Schweigen.

          Changkat Avenue in Kuala Lumpur: Hier reiht sich eine vollgestopfte Bar an die nächste.

          22.30 Uhr. Zwei deutsche Geschäftsmänner sitzen am Straßenrand vor einer Whiskeybar in der Changkat Avenue in Kuala Lumpur. Hier reiht sich eine vollgestopfte Bar an die nächste, die Bäume sind mit Lichterketten geschmückt, Sterne aus Papier hängen über der Straße, laute Gespräche, Gelächter, Musik. Kai Schaefer ist Chef einer Firma aus Rheinland-Pfalz, die eine Kalkfabrik in Malaysia hat. Was ihn auf die Changkat Avenue geführt hat? „Es gibt guten Whiskey, man sitzt draußen, hier sind viele junge Leute unterwegs – auch Einheimische. Und in der Nebenstraße gibt es super Essen.“ Eine Frage noch: Am Vortag hatte es auf dem Weg von Penang nach Kuala Lumpur plötzlich einen Schlag gegeben, und aus dem Busfenster sah man einen ganzen Hang samt Waldstück in die Tiefe rasen. War das ihre Firma? „Nein, das war bestimmt die Konkurrenz aus den Niederlanden.“ Großes Gelächter.

          Mittwoch, 0.10 Uhr. Durch die „SkyBar“ im „Traders Hotel“ tanzen zwar keine Menschen, aber immerhin Lichtkegel. Sie spiegeln sich in einem Wasserbecken, das den ganzen Raum durchzieht. An den Scheiben sitzen die Gäste, trinken Cocktails, genießen den Blick auf das Wahrzeichen der Stadt: die beleuchteten Petronas Towers. Cocktail bestellen, Selfie machen, ab ins Hotel.

          8.30 Uhr. Frühstück fällt aus, zu müde. Mit Apfel in den Bus. Man könnte sich jetzt Kuala Lumpur anschauen. Aber einen ganzen Tag für eine Stadt mit gerade mal acht Millionen Einwohnern? Zeitverschwendung. Also ab nach Putrajaya. Die Stadt wurde in den neunziger Jahren gegründet, seitdem sitzt dort die Regierung. Putrajaya sieht so aus, wie man sich eine am Reißbrett entworfene Stadt vorstellt. Eine breite Straße führt kerzengerade auf den Sitz des Premierministers zu, er arbeitet in einem riesigen Gebäude neben einem künstlich angelegten See und einer fast genauso großen Moschee. Fotos, Abfahrt, Nickerchen.

          Moschee in Putrajaya: Die Stadt sieht so aus, wie man sich eine am Reißbrett entworfene Stadt vorstellt.

          11.10 Uhr. Die Tour durch Kuala Lumpur beginnt am ehemaligen Königspalast. Obwohl das Staatsoberhaupt mittlerweile auch in Putrajaya residiert, kann man den Istana Negara (Nationalpalast) mit seinen goldenen Kuppeln nur aus der Ferne durch Gitterstäbe begutachten. Bewaffnete Wachmänner müssen stattdessen als Selfie-Beigabe herhalten. Ein Tourist nach dem anderen traut sich in das Wachhäuschen, skeptischer Blick auf das große Gewehr und in das teilnahmslose Gesicht, lächeln fürs Foto und wieder raus. Der Busfahrer wartet schon. Jeweils „zehn Minuten für Fotos“ gibt es am Nationaldenkmal für gefallene Soldaten und am Sultan Abdul Samad Building, in dem früher die britische Kolonialregierung saß. In Erinnerung bleiben vor allem die Straßenlaternen, sie sind geformt wie Hibiskuspflanzen.

          12.45 Uhr. Essen im indischen Viertel. Das Zusammentreffen der Kulturen in Malaysia ist vor allem für die Küche ein unglaublicher Gewinn. Wo kann man sonst ganze Stadtviertel voller indischer, chinesischer und malaiischer Restaurants finden, in denen es fast immer sensationell gut schmeckt? Man muss sich nur vorher kurz versichern, ob jetzt mit Stäbchen (China), Löffel und Gabel (Malaysia – „Messer sind Waffen“) oder den Händen (Indien) gegessen wird. Im „Betel Leaf“ gibt es eine kurze Einführung, wie man die vielen scharfen Saucen am besten mit den Fingern isst. Der Trick: viel Reis, und immer schön kneten. Was zu empfehlen ist? Zum Beispiel Biryani Rice, Butter Chicken, Mutton Rogan Josh, Chicken Chettinad, Chicken Lollipops, Mutton Chukka, Cheese Naan, Garlic Naan. Oder anders gesagt: alles, was auf der Karte steht.

          14 Uhr. Die Markthalle im Zentrum Kuala Lumpurs ist, wie Städte im ganzen Land, aufgeteilt in chinesische, indische und malaiische Straßen. In einem winzigen Shop sitzt eine Chinesin zwischen Bergen bestickter Handtaschen und bemalter Holzschuhe. Als man sie fragt, ob sie es nicht unfair finde, dass Muslime in Malaysia gesellschaftliche, soziale und politische Privilegien genießen, fängt sie an zu flüstern: „Nicht fair. Pssst.“ Sie redet leise weiter: „Für Muslime ist es jetzt sehr leicht, die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Es werden immer mehr. Und für uns Chinesen wird es immer schwerer. Unsere Schulen wollen sie schließen, viele meiner Freunde haben das Land verlassen.“ Einen Rat hat sie noch: „Schreiben Sie nichts Kritisches über die Politik. Sonst kommen Sie ins Gefängnis.“ Kurze Stichprobe: Redet hier jeder Chinese, zumindest leise, über das schwierige Leben in einem immer strenger islamisch werdenden Land? Fünf Versuche, fünf Mal Schweigen. Taxi ins Hotel.

          16 Uhr. Schönster Moment des Tages: Sprung in den Hotelpool. Kurz auf die Liege. Drumherum blicken die Hochhäuser gnädig auf einen herab. In welcher Stadt sie stehen? Vollkommen egal.

           Blick von den Petronas Towers, die Zwillingstürme ragen 452 Meter über Kuala Lumpur in die Höhe.

          19 Uhr. Na gut, ein Programmpunkt geht noch. Warteschlange vor den Petronas Towers, die Zwillingstürme ragen 452 Meter über Kuala Lumpur in die Höhe. Bevor man in den Aufzug steigen darf, wird man durchleuchtet. Dann hebt man ab. Als sich die Aufzugtüren an der Brücke öffnen, die in 172 Meter Höhe von einem Turm zum anderen führen, geht gerade die Sonne unter. Perfektes Licht für Bilder von Hochhäusern, die weiter unten in goldenem Licht baden. Schnell weiter, ganz nach oben. Dort leider Ernüchterung: Die Aussicht ist phänomenal, aber man kann nur durch Scheiben fotografieren, die schmutzig sind und furchtbar spiegeln. Neidischer Blick auf den KL Tower, dort trennt Beobachter und Skyline keine schmutzige Scheibe.

          21 Uhr. Der Rückweg zum Hotel ist ganz einfach, trotzdem verlaufen wir uns. Und freuen uns wenig später: In einer dunklen Seitengasse sitzen Malaien auf Plastikstühlen, neben ihnen wird unter Planen Essen gegart. Als der Teller mit Nudeln, Huhn, Ei und Gemüse auf dem Tisch steht und die erste Gabel gegessen ist, wird wieder klar: Man kann in Malaysia nichts Besseres machen, als zu essen. Am besten die ganze Nacht lang, wenn die Hitze nachlässt. Was wir sonst gelernt haben? Die schönsten Orte und die interessantesten Menschen entdeckt man, wenn man vor Regen flieht, sich verläuft, oder ziellos über den Markt schlendert – und nicht im Bus von A nach B rast.

          Anreise: Qatar Airways fliegt via Doha (ab Frankfurt und München je zweimal täglich, ab Berlin einmal täglich) nach Kuala Lumpur. Preis ab 532 Euro in der Economy und ab 2335 Euro in der Business Class (qatarairways.com)

          Unterkunft: Kuala Lumpur hat eine hervorragende Hotelinfrastruktur. Zimmer im luxuriösen „Shangri-La-Hotel“ ab 130 Euro (shangri-la.com)

          Weitere Informationen beim Fremdenverkehrsamt unter malaysia.travel/de-de/de

          Weitere Themen

          Touristenboom auf Kosten der Natur? Video-Seite öffnen

          Grönland : Touristenboom auf Kosten der Natur?

          Mit seiner wilden Natur und der unberührten Landschaft lockt Grönland immer mehr Touristen an. In den Regionen im Osten freuen sich zwar viele über die Entwicklung, doch sie fürchten auch Negativfolgen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.