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Mailand : Leonardos verlorene Wasserstraßen

  • -Aktualisiert am

Blick auf den Naviglio Grande, den ältesten Kanal Mailands. Bild: Picture-Alliance

Mailands Hafen bildete einst das wirtschaftliche Herz der Metropole. Nun wollen Bewohner die Wasserstraßen, die die Stadt umgeben, wieder schiffbar machen.

          7 Min.

          Roberto Biscardini ist Politiker und Architekt. Sein Büro befindet sich in bester Lage von Mailand, nicht weit von der Porta Venezia und der Parkanlage Giardini Pubblici entfernt. Im Raum stapeln sich Bücher bis zur Decke, einige davon hat Biscardini selbst verfasst. Er ist jetzt nicht in Stimmung, über seine Schriften zu plaudern, der Herr mit silbergrauem Zehn-Tage-Bart hat eine Mission. Er sei „als Sozialist auf die Welt gekommen und werde es immer bleiben“, sagt der 72-Jährige, der lange Mitglied des Stadtrates war und einige Jahre im Parlament in Rom saß. Fast noch schwieriger als die Aufgabe, seiner geschrumpften Partei neues Leben einzuhauchen, gestaltet sich allerdings eine weitere Herzensangelegenheit Biscardinis: Er ist Präsident der Bürgerinitiative „Riaprire i Navigli“, die Mailands aus dem Mittelalter stammende Wasserwege wieder schiffbar machen möchte.

          Die lombardische Metropole ist eine Stadt am Wasser, durchzogen von Flüssen und einem Kanalgeflecht, das sie mit dem Hinterland und der Adria verbindet. Über die Wasserstraßen gelangten Getreide, Holz, Sand, Marmor und Kohle in die Stadt. Die Fluten trieben Mühlräder und Schmiedepressen an und ermöglichten Mailands industriellen Aufstieg. „Wir waren die Vorreiter. Der Naviglio Grande, im zwölften Jahrhundert erbaut, ist der älteste schiffbare Kanal in Europa“, behauptet Biscardini.

          Kein Auge für all die Schönheiten

          Ohne den mit dem Lago Maggiore verbundenen Naviglio Grande gäbe es den Mailänder Dom nicht, dieses in Zartrosa erstrahlende Wunderwerk aus Marmor. „Leonardo da Vinci, der zwanzig Jahre in Mailand lebte, hat nicht nur Festungen entworfen, er verbesserte auch das Kanal- und Schleusensystem.“ Die Stadtbewohner hätten allerdings wenig Sinn für das historische Erbe. Den Mailänder interessiere nur die Arbeit, der Profit. „Einer unserer angeborenen Defekte ist, dass wir mit gesenktem Blick durch das Leben eilen. Für die Schönheiten ringsum hat der Mailänder kein Auge.“

          Ohne die alten Kanäle wäre auch der Dom so nicht gebaut worden: Darstellung des Naviglio in Mailand 1840.
          Ohne die alten Kanäle wäre auch der Dom so nicht gebaut worden: Darstellung des Naviglio in Mailand 1840. : Bild: Picture-Alliance

          Der Architekt hat unterdessen Computerbilder mit von Bäumen gesäumten Kanälen auf dem Tisch ausgebreitet. Mit einem Bleistift bekritzelt er ein Blatt: Links oben der Lago Maggiore, rechts der Comer See und die Adda, ganz unten der Po und die Adria, eine gigantische zweizinkige Gabel aus Wasserwegen, in deren Mitte Mailand liegt. Etwa achtzig Kilometer sind es von Lecco am Comer See die Adda entlang bis zum Mailänder Dom. Mein Plan ist, die Strecke mit dem Fahrrad in zwei Tagen zu schaffen. Es wird eine Fahrt durch die Landschaft Leonardos. Durch hübsche Städte und eine großartige Natur, mit viel Geschichte am Wegrand.

          Es ist noch früh am Tag, als ich die Schleuse von Garlate und den gleichnamigen See passiere, zu dem die Adda südlich von Lecco aufgestaut wurde. Zäher Nebel hängt über dem dunklen Gewässer, an dessen Ufern Boote dümpeln. Wende ich den Blick zurück nach Norden, ragen hinter Lecco schroffe Felsberge mit glitzernden Schneehauben empor. Das wenige Gepäck, das ich benötige, ist im geschulterten Rucksack verstaut. Ich trage Fleece-Handschuhe, die Mütze habe ich tief über mein Gesicht herabgezogen. Während ich kräftig in die Pedale steige, huschen Brücken, Mauern, Zäune und Strommasten vorüber, außer vereinzelten Joggern bin ich allein unterwegs.

          Nach Plänen Leonardos erbaut

          In einer Bar in Inbersago lege ich einen Frühstücksstopp ein. In Daunenjacken gepackte Alte sitzen am Nachbartisch. Sie spielen Karten, trinken Weißwein und zeigen sich Filme auf ihren Handys, die mit lauten „Hehes!“ und „Hohos!“ kommentiert werden. Um zehn Uhr bin ich mit Luigi Gasparini verabredet. Der pensionierte Lehrer ist Präsident einer Sozialkooperative, die Gestrauchelte bei der Rückkehr ins soziale Leben unterstützt. In Gasparinis Wagen fahren wir an Gehöften mit Bogenportalen und umgepflügten Feldern vorbei hinunter zum kleinen Flusshafen an der Adda.

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