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Mailand : Leonardos verlorene Wasserstraßen

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Die Lega kümmert sich nicht um die Kulturschätze

Am nächsten Morgen mache ich in Crespi D’Adda halt. Das Dorf, es gehört zum Weltkulturerbe der Unesco, wurde im neunzehnten Jahrhundert von dem Industriellen Cristoforo Benigno Crespi nach dem Vorbild englischer Gartenstädte für die Herstellung von Baumwollprodukten gegründet – samt Arbeiterwohnungen, Gaststätten, eigener Kirche, Friedhof, Sportanlagen, einer Schule, Kindergarten und Krankenhaus. Im ehemaligen öffentlichen Bad, das Warmwasser lieferte früher die Fabrik, spreche ich einen Mann in ölverschmierter Drillichhose an, der hier an seinen Oldtimerautos herumschraubt.

„In Crespi gab es die erste öffentliche Beleuchtung in Italien“, erzählt er, um dann auf eine stuckverzierte Villa zu zeigen. Darin hätte während der faschistischen Diktatur der Fabrikdirektor gewohnt, ein Jude und hoher Parteifunktionär. „Durch sein Amt auch unter der deutschen Besatzung geschützt, versteckte er im Dachboden verfolgte Glaubensbrüder, die von Helfern in die Schweiz geschleust wurden.“ Was die aktuelle Situation im Dorf betrifft, zuckt der Mann mit den Schultern – die Fabrik, in der seit geraumer Zeit nichts mehr produziert wird, hat ein Unternehmer aus Bergamo gekauft. „Es ist unklar, was damit geschehen soll. Hier regiert die Lega, die sich um Kulturschätze nicht kümmert. Man hetzt gegen Einwanderer, obwohl im Ort nie etwas passiert ist.“ Nach einem Kaffee in der Dorfbar pedaliere ich weiter.

Bild: F.A.Z.

Es herrscht Feierabendstimmung, als ich im Viertel Navigli in Mailand ankomme. Hier, wo der Naviglio Grande und Naviglio Pavese aufeinandertreffen, wo steinerne Bogenbrücken die Kanäle überspannen, ist die lombardische Metropole eine grüne Stadt am Wasser. In niedrigen Häusern an den Ufern, mit viereckigen Innenhöfen, wo wilder Wein an den umlaufenden Balkonen, den Ballatoi, emporrankt, lebten früher die Handwerker. Jetzt werkeln hier Künstler in ihren Ateliers, Bars und Restaurants reihen sich aneinander. Im öligen Wasser spiegelt sich die schräg stehende Sonne. Junge Leute lehnen ihre Rücken an aufgewärmte Steinmauern. Andere sitzen, die Beine verschränkt, an der Ufermauer, rauchen, plaudern oder lesen in einem Buch. Angler haben ihre Ruten ausgeworfen.

Mit Blick auf ein Ausflugsboot, zwei Meter vom glucksenden Wasser entfernt, trinke ich Wein und halte mein Gesicht in die Sonne. Dann klettere ich abermals in den Sattel. An der Cerchia Interna, wo sich die mittelalterlichen Stadtmauern erhoben und später schiffbare Kanäle angelegt wurden, rumple ich, bedrängt von Autos, auf Holperpflaster um die Innenstadt. An aufgegebenen Schleusen wuchert Gestrüpp. Vor dem Dom, den die untergehende Sonne rot entflammt, lege ich meinen Kopf in den Nacken. Bis zum wenige hundert Meter entfernten „Laghetto“, heute ein Platz mit einem Partisanendenkmal hinter Lorbeerbüschen, gelangten früher die Lastkähne. So heißt es an Schautafeln an der Südfassade des Gotteshauses, wo der Weg der Kähne die Adda abwärts erklärt wird. Da ich ihn kenne, fühle ich mich nun inmitten der Touristenmassen wie ein Achttausenderbezwinger, wenn er zurück ins Tal kommt und sich unter die Normalsterblichen mischt.

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