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Mailand : Leonardos verlorene Wasserstraßen

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„Leonardos Traghetto“ heißt die hölzerne Fähre, die Platz für zwei Autos sowie ein Dutzend Passagiere bietet. Von der Strömung angetrieben, pendelt die Fähre an einem Stahlseil ans gegenüberliegende Ufer. Laut einer vergoldeten Plakette mit dem Bildnis des bärtigen Genies wurde sie „nach Plänen Leonardos“ erbaut. Da Ingrid, die Fährfrau, „eine eigenwillige, interessante Person“, sich momentan in Bergamo aufhält, steht hier alles still. Gasparini nimmt es gelassen. „Der Fuchs verliert sein Fell, aber nicht sein Laster“, erklärt er. Soll heißen: Er ist geschieden und Single. Die Gelegenheit, wieder mal Ingrid zu treffen, die ebenfalls keinen Partner hat, wollte er sich nicht entgehen lassen, aus ihnen beiden könnte ja vielleicht etwas werden.

Das Bild ist genau hier entstanden

Anschließend kurven wir ins Nachbardorf Paderno. Es verdankt seine vergangene Blüte der Kanalschifffahrt. Die Adda hat hier eine Schlucht durch die Felsen gegraben, so dass jahrhundertelang am Flussufer die Waren von den Schiffen auf Eselrücken umgeladen werden mussten. 1516 erhielt Leonardo den Auftrag, hier einen Kanal zu planen. Eingeweiht hat ihn allerdings erst der österreichische Gouverneur im Jahr 1777, damals gehörte das Herzogtum Mailand zum Habsburgerreich.

Mit etwas Geld ließen sich die Schleusen reparieren, doch die Stromgesellschaften sitzen am längeren Hebel.
Mit etwas Geld ließen sich die Schleusen reparieren, doch die Stromgesellschaften sitzen am längeren Hebel. : Bild: Helmut Luther

Den Kanal, die hölzernen Schleusen und mehrere Elektrizitätswerke mit korinthischen Säulen, Fresken sowie riesigen stählernen Turbinen aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg zeigt uns Vittorio Alberganti, achtzig Jahre alt, der sich gut mit der Technik auskennt. Der drahtige Alte marschiert in knöchelhohen Schuhen voran. Wir folgen im Gänsemarsch und stapfen über einen Waldpfad, es riecht nach modrigem Laub, und unter Totholz blühen himmelblaue Veilchen. Mit etwas Geld ließen sich die Schleusen reparieren, so dass hier Bootsfahrten für Touristen angeboten werden könnten. „Die Stromgesellschaften geben aber keinen Wassertropfen her, sie sitzen am längeren Hebel“, seufzt Alberganti. „Dabei tummeln sich hier im Sommer Massen an Radlern, Kajakfahrern und Wanderern.“ Als wir das Heiligtum Madonna della Rocchetta hoch über der Schlucht besichtigen, erzählt der alte Herr, wie er in Paris den Louvre besucht und vor Leonardos Felsengrottenmadonna gestanden habe: „Das Bild ist genau hier entstanden!“

Am schönsten ist das sanfte Schweben

Am Abend komme ich in Trezzo sul Adda an. Über dem Dorf erhebt sich ein Schloss der Visconti. Es gibt hier mittelalterliche Kirchen und aus Stein gemauerte Bauernhöfe, die Burganlagen ähneln. Die Adda wird bei Trezzo für ein weiteres Elektrizitätswerk aufgestaut. Der trockengelegte Kanal, durch den die Schiffe früher eine Felsstufe überwanden, wird heute von einem efeubewachsenen Wärterhäuschen bewacht. Im zu einem Gasthof umgebauten ehemaligen Waschhaus am See, zu dem sich der Fluss an dieser Stelle weitet, frage ich den Wirt, was er vom Kanal und den Schleusen wisse. Ab und zu, erklärt der Mann, schwemme Hochwasser ein Stück Schleuse von weiter oben an. Dabei zeigt er auf etwa vier Meter lange, zugespitzte und an der Kopfseite mit runden Haltegriffen versehene graue Holzpfähle, die er herausgefischt und an die Wand seines Lokals gehängt hat.

Albairate, etwas außerhalb Mailands: Der Kanal ist hier Austragungsort eines Langstrecken-Schwimmwettbewerbs.
Albairate, etwas außerhalb Mailands: Der Kanal ist hier Austragungsort eines Langstrecken-Schwimmwettbewerbs. : Bild: Picture-Alliance

Obwohl mir Jean Marie, so heißt der Wirt, Bier und ein Speckbrötchen spendiert, lasse ich mich von ihm nicht von einer Fahrt mit dem Flussboot abhalten, das nebenan ablegt. „Du verschwendest dein Geld“, brummt Jean Marie. Es dämmert bereits, als ich mit einem Grüppchen das flache Boot besteige, wo uns ein schwarz livrierter Kellner ein Sektglas reicht. Hinter einem Glaskasten züngelt eine Flamme. Der Bootsführer sagt ein paar Worte über den Naturpark, durch den wir tuckern, hält sich dann aber mit weiteren Erläuterungen angenehmerweise zurück. Am schönsten ist hier nämlich das sanfte Schweben auf dem spiegelglatten, moorschwarzen Gewässer. Die dünnen Beine wie Ausrufezeichen steif nach hinten gestreckt, segelt ein Graureiher auf einen kahlen Baum zu, wo er sich niederlässt und seinen spitzen Schnabel ins Gefieder versenkt. Ein Pulk Blässhühner stochert im Uferschlick und verschwindet trompetend im Schilf, sobald sich das Boot nähert. Die Mitpassagiere, lauter Paare, sind hauptsächlich mit Turteln beschäftigt. So beachten sie die silbrigen Kreise nicht, die sich an der Wasseroberfläche ausdehnen, nachdem ein Fisch emporgesprungen und mit einem dumpfen Klatschen untertaucht ist. Am Himmel über unseren Köpfen schießen Zugvögel in Pfeilformation den mäandernden Fluss entlang.

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