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Mailand entdeckt sich neu : Über dem Pflaster liegt der Sand

Nervosität? Skyline von Mailand mit Blick auf das Finanzviertel Porta Nuova - gesehen vom Mailänder Dom. Bild: Picture-Alliance

Wind aus der Sahara, ein neuer Kunsttempel und die Geheimnisse einer alten Dame: Mailand entdeckt sich selbst neu.

          Die Stadt war nicht wiederzuerkennen. Eine feine Staubschicht hatte sich über alle Dinge gelegt, Mailand wirkte wie ein altes Foto, dessen Farben unter der senkrecht herunterbrennenden Sonne ausgeblichen sind, das grelle Rot des alten Fiat, der vorn an der Via Plinio parkte, hatte sich über Nacht in ein milchiges Braun verwandelt, die Scheiben waren matt geworden, sogar die Luft sah irgendwie milchig aus. „Polvere sahariana“, erklärte der Kellner vor der „Bar Basso“, der den Staub mit ausgestrecktem Arm und würdevoll kreisenden Bewegungen, ganz so, als dirigiere er ein Orchester aus leicht widerständigen Staubpartikeln, von den Tischen wischte.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Polvere sahariana war die Erklärung für den Staub, der Mailand über Nacht überfallen und entfärbt hatte: Der Sciroccowind, der aus dem Süden, von Afrika her, weht, hatte nicht nur die warmen Temperaturen, sondern auch Sandwolken aus der Sahara übers Mittelmeer bis an den Alpenrand getragen, und jetzt lagerte der Wüstensand, der viel feinkörniger ist als der Sand europäischer Strände, auf allen Dingen und in allen Ritzen. In den Nachrichten warnten die Wettermoderatoren, es sei sinnlos, sein Auto zu waschen, und vor der „Bar Basso“ saßen zwei Mailänder Herren in feinen anthrazitfarbenen Anzügen und klopften sich von den Ärmeln den Sand, der kurz zuvor noch an Kamelen und Oasen vorbeigeweht war, und bestellten das, wofür die „Bar Basso“ berühmt ist, den Negroni Sbagliato, der hier 1968 erfunden wurde, eine leichtere, „falsche“ Variante des Negroni, bei dem sie hier Spumante statt Gin zum Campari mit Wermut mixen.

          Die Bar wurde 1933 von Giuseppe Basso an der Porta Vigentina eröffnet; an dieser Stelle gibt es sie seit 1947, was man dem braun-samtgrünen Interieur anmerkt, in dem die dunkle Eleganz der Stadt jedes Detail durchdringt. Damals war die Bar ein Treffpunkt von Ehrenleuten und zwielichtigen Geschäftsmännern, Banditen, Spitzeln und Industriellen, erklärte der Barbesitzer Maurizio Stocchetto gern in Interviews. In den sechziger Jahren kam ein modernes Werbeschild für die Champagnermarke Diamant, ein Achtundsechziger-Intellektuellenpublikum und etwas später ein orangefarbener Münzfernsprecher dazu, der jetzt wie ein verwirrter älterer Herr rechts an der abgewetzten grünen Schwingtür steht, während sich draußen und an der Bar die Gäste wie Bimetalle über ihre Mobiltelefone krümmen.

          Über allem liegt der Sand aus der Sahara.

          Die Bar erholte sich gerade vom Salone del Mobile, bei dem Hunderttausende von Messebesuchern über die Stadt kommen wie der Saharasand, und davon rund tausend jeden Abend den Platz vor der „Bar Basso“ besetzen und für alle Autos unpassierbar machen und erst um vier Uhr in der Früh wieder freigeben, wenn die Straßenreinigungsfahrzeuge sich fauchend einen Weg durch die Menge der trinkenden und wilde Gesänge anstimmenden Feiernden bahnen und der chinesische Barbetreiber gegenüber laut rasselnd die Jalousien herunterlässt, um die Uneinsichtigen zu vertreiben.

          Nach Navigli

          Jetzt war es wieder ruhig geworden, diejenigen, die feiern wollten, hatten sich Richtung Navigli verzogen, ins Viertel an den uralten Kanälen, wo die Restaurants liegen und die Luftballonverkäufer sich durch die Eis essenden Mengen drängen. Früher war das Viertel an den Kanälen das wirtschaftliche Zentrum der Stadt. Mailand, in der Antike „Mediolanum“, mitten im Land, getauft, war schon damals eher eine Art große Maschine zur Geldvermehrung als eine repräsentative, nach ästhetischen Gesichtspunkten entworfene Stadt. Im Mittelalter hatte man die Kanäle, die es schon zur Zeit Kaiser Hadrians gab, zu einem Warenbeförderungssystem mit Schleusen ausgebaut: Der Naviglio Grande brachte Wasser aus dem Ticino, das Wasser aus den Alpen wurde hier als Antrieb der Mühlen genutzt, der Transport schwerer Güter lief vor allem über Flüsse und Kanäle, noch der Marmor für den Mailänder Dom konnte so aus den Alpen bis direkt vor die Baustelle transportiert werden; dass man „mitten im Land“ als Schiffbauer zu Ruhm kommen kann, zeugt vom Mailänder Willen, das Gegebene nie als unveränderlich hinzunehmen.

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