https://www.faz.net/-gxh-98k35

Deutschland : Zwiesprache mit der Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, der in seiner Entwicklung einen solch strahlenden Aufstieg und einen derart tiefen Fall durchlebt hat wie Magdeburg. Bild: Picture-Alliance

Magdeburg zählte einst zu den bedeutendsten deutschen Städten. Davon ist nur ein schwacher Widerschein zu spüren.

          Ein Morgen im Spätwinter, Milchglaslicht. Noch kann sich die Sonne nicht recht entscheiden, ob sie das Land mit ein paar kräftigen Strahlen aus seinem Schlaf wecken oder weiter im Nebel dahindämmern lassen soll. Alles ringsum scheint versunken, nur die beiden Türme des Magdeburger Doms sind in einiger Entfernung zu erkennen, stumme Zeugen einer Geschichte von Größe, Glauben, Hoffnung und Tod.

          Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, der in seiner Entwicklung einen solch strahlenden Aufstieg und einen derart tiefen Fall durchlebt hat wie Magdeburg. Im zehnten Jahrhundert von Otto dem Großen noch vor Köln, Mainz und Trier als ranghöchstes Erzbistum im deutschen Sprachraum durchgesetzt, wurde die Stadt an der Elbe nach Konstantinopel bald als das „Dritte Rom“ gepriesen. Später zählte sie zu den Speerspitzen der Reformation, um schließlich 1631 im mörderischsten Massaker des Dreißigjährigen Krieges unterzugehen. „Magdeburgisieren“ wurde zum Synonym für totale Zerstörung.

          Jeder Stein, jede Säule, jede Plastik in der Magdeburger Kathedrale erzählt eine Geschichte.

          Man braucht heute schon einiges an Phantasie, um sich vorzustellen, welch überragende Bedeutung Magdeburg einmal hatte, denn im Stadtbild finden sich dafür nur noch wenige Hinweise. Ein Ort aber gibt auch heute noch einen Eindruck von Anspruch und Größe früherer Tage: der Dom St.Mauritius und Katharina, eine auf einer felsigen Geländestufe am westlichen Hochufer der Elbe errichtete dreischiffige Gewölbebasilika. Die erste gotische Kathedrale auf deutschem Boden, 1520 mit der Fertigstellung der beiden mehr als hundert Meter hohen Türme vollendet, ist in Marmor und Stein gegossene Stadt-, Kirchen- und Kunstgeschichte. Zahllose Legenden ranken sich um das alte Gemäuer, und wie so oft sind die unglaubwürdigsten die besten – wie die von Erzbischof Udo, der trotz himmlischer Warnungen einen sündhaften Umgang mit einer Klosteräbtissin pflegte und für den Frevel eines Nachts im Hohen Chor des Doms vom heiligen Mauritius enthauptet wurde – in Gegenwart von Maria und den zwölf Aposteln, wie die Chroniken verzeichnen. An der Elbe hat es nie einen Erzbischof Udo gegeben. Wahr ist allerdings, dass Magdeburg für Kirchenfürsten ein gefährliches Pflaster sein konnte.

          Liebesgeschichte mit Happy End

          Das beste Beispiel dafür ist Erzbischof Burchard III., der ohne Übertreibung als der am meisten gehasste Geistliche in der Magdeburger Geschichte gelten darf. Mit immer neuen Abgaben brachte er die Bürger derart gegen sich auf, dass er sich eine – heute nicht mehr vorhandene – Brücke vom nahe gelegenen Bischofspalast zum Dom bauen ließ, um sich auf dem Weg zur Arbeit nicht unter das wütende Volk mischen zu müssen. Irgendwann erhöhte er dann auch noch die Biersteuer, und aus dramaturgischen Gründen wollen wir hier annehmen, dass er genau damit das Fass zum Überlaufen brachte. Am 29. August 1325 wird Burchard jedenfalls festgesetzt und in seinem Palast unter Hausarrest gestellt. Von ihrem eigenen Wagemut überrascht, scheinen die Stadtväter drei Wochen lang nicht recht gewusst zu haben, was sie mit ihrem prominenten Fang anstellen sollen. Am Ende aber lassen sie ihn in den Ratskeller schaffen, in dem der Vertreter Roms in finsterer Nacht mit einer eisernen Türklinke erschlagen und daselbst verscharrt wird. Heute kann man am Tatort Variationen von gebratener Gänse- und Entenleber mit Feldsalat, karamellisierten Walnüssen und Birne bestellen. Sie sind sehr zu empfehlen.

          Hundertdreißigtausend Menschen besuchen jedes Jahr den Magdeburger Dom – in Köln sind es sechs Millionen.

          Um Kaiser und Papst zu besänftigen, die über Magdeburg Reichsacht und Bann verhängt hatten, wurde der ungeliebte Steuerbischof schließlich ein Jahr später mit allen Ehren im Dom beigesetzt, und zwar höchst prominent unmittelbar hinter dem Liturgie-Altar. Wer heute an einem Wochentag die Kathedrale betritt, hat gute Chancen, sich mit Burchard und all dem anderen historischen Personal allein im Zwiegespräch wiederzufinden. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Dom zu Magdeburg nach Angaben des örtlichen Tourismusbüros hundertdreißigtausend Besucher. Im Kölner Dom standen sich mehr als sechs Millionen Menschen auf den Füßen.

          Das Nischendasein bietet allerdings den Vorteil, dass man als Besucher die Chance hat, einen Nachhall der Vergangenheit zu spüren, der anderswo längst in der Kakophonie der großen Touristenströme untergegangen ist. Jeder Stein, jede Säule, jede Plastik in der Magdeburger Kathedrale erzählt eine Geschichte – und Uwe Jahn, der Domküster, kennt sie alle. „Als Kind bin ich im Dom oft auf Entdeckungstour gegangen“, sagt der Achtundfünfzigjährige. „Das war so etwas wie mein Spielplatz. Schon mein Vater war Küster hier.“ Es ist offensichtlich eine gute Schule gewesen. Jahn führt seine Gäste auf eine Reise durch tausend Jahre Stadt- und Domgeschichte, an deren Anfang die Liebe zweier Teenager stand. Wenn es je eine arrangierte Ehe mit Happy End gab, dann war es wohl die zwischen dem ostfränkischen Thronfolger Otto, den sie später den Großen nennen sollten, und Prinzessin Editha aus dem angelsächsischen Hause Wessex – ein einziger Glücksgriff. Magdeburg, das Otto seiner Braut im Jahr 929 als Morgengabe schenkte, wurde die Lieblingspfalz des jungen Paares. Und hier fanden beide auch ihre letzte Ruhestätte – nur wenige Schritte voneinander entfernt.

          Die „Vernichtung des Ketzernestes“

          Ottos schlichter Sarkophag im Hohen Chor der Kathedrale könnte fast darüber hinwegtäuschen, dass hier die Gebeine des ersten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches bestattet sind. Überhaupt erscheint der Dom in seiner himmelwärts stürmenden Symmetrie zwar erhaben, doch auch kühl und nüchtern. Dabei zählte er einst zu den am reichsten ausgestatteten Kirchen Deutschlands. Zum Domschatz gehörten Gold, Elfenbein und Edelsteine, Gemälde, wertvolle Gefäße und fast achttausend Reliquien, darunter Teile des Schädels des heiligen Mauritius und ein Fingerknochen der heiligen Katharina. Doch gegen die Verwüstungen der Reformation waren die beiden Schutzheiligen machtlos. Viele Kostbarkeiten fielen wenige Jahre nach Vollendung der Kathedrale protestantischen Bilderstürmern zum Opfer. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geplündert oder zerschlagen. Auch die meisten hölzernen Kunstwerke, insbesondere die Bildnisse für die sechsundvierzig Seitenaltäre des Doms, gingen im religiösen Furor unter.

          „Heute sind die Plastiken unsere größten Schätze“, sagt Uwe Jahn und deutet auf die einmaligen Sandsteinfiguren und Grabreliefs, die die Wirren der Zeiten überstanden haben. Darunter sind die Klugen und Törichten Jungfrauen in der Paradiesvorhalle, die Alabaster-Kanzel aus dem Jahr 1597, eines der schönsten Renaissancekunstwerke in Deutschland, oder auch die Skulptur des heiligen Mauritius, der seit Mitte des dreizehnten Jahrhunderts über dem Grab Ottos des Großen wacht – es ist die erste realistische Darstellung eines Schwarzafrikaners in der europäischen Bildhauerei. „Wie im Zeitraffer lässt sich anhand der Standbilder die Entwicklung in der Kunst nachzeichnen“, sagt Jahn. „Von der Maske zu menschlicher Mimik: Der Stein wird lebendig.“

          Die Skulptur des heiligen Mauritius ist die erste realistische Darstellung eines Schwarzafrikaners in der europäischen Bildhauerei.

          Über die Stadt aber kam der Tod. Jahrzehntelang hatte sich Magdeburg, die erste deutsche Großstadt, die sich 1524 dem protestantischen Glauben anschloss, als „Unsers Herrgotts Kanzel“ gegen Papst und Kaiser behauptet. Doch 1631 wechselt Gott die Seiten. Am 10. Mai stürmen Truppen unter dem katholischen Feldherrn Tilly das Magdeburger Bollwerk, das bis dahin als uneinnehmbar galt, und richten ein Blutbad an. Der Dom wird zur letzten Zuflucht für viertausend Menschen, andere retten sich ins nahe gelegene Kloster Unser Lieben Frauen. Ringsum aber geht die Stadt in Flammen auf. Am Ende liegen zwanzigtausend Tote in Straßen und Häusern, fast zwei Drittel der Bevölkerung, Männer, Frauen, Kinder. Die von Leichen aufgestaute Elbe tritt über die Ufer, und Papst Urban VIII feiert die „Vernichtung des Ketzernestes“.

          Außer dem Dom, dem romanischen Kloster sowie einigen Häusern unten am Fischerufer hat nichts die Katastrophe überstanden, die Zeitgenossen mit dem Untergang Trojas verglichen. Nur vierhundertfünfzig Menschen blieben in der Stadt zurück, und es dauerte bis ins neunzehnte Jahrhundert, ehe die einstige Bevölkerungszahl wieder erreicht war. Zu alter Macht und Größe fand Magdeburg nie wieder zurück, der Dom aber hat alle Prüfungen überdauert. Auch den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs hielt der schwarzgraue Koloss, wenngleich schwer angeschlagen, stand – ein Überlebender, ein Gezeichneter.

          Magdeburg, sein Dom und die Schätze der Romanik

          • Straße der Romanik: Diese touristische Straße verläuft in Form einer Acht, in deren Zentrum sich Magdeburg befindet. Die Route verbindet Dome, Burgen, Klöster und Kirchen, die in der Zeit vom zehnten bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt errichtet wurden. Sie führt an achtzig romanischen Gebäuden in 65 Orten vorbei. Die Straße der Romanik ist Teil der Transromanica, zu der Stationen in Deutschland, Italien, Österreich und Slowenien gehören (www.strassederromanik.de).

          • Dommuseum Ottonianum: Für den kommenden Herbst ist im ehemaligen Reichsbankgebäude direkt gegenüber den Westtürmen der Kathedrale die Eröffnung des Dommuseums Ottonianum Magdeburg geplant, das sich dem Leben und Wirken von Kaiser Otto und Königin Editha widmen und aktuelle archäologische Forschungsergebnisse vorstellen wird (www.dommuseum-magdeburg.de).

          • Kloster Unser Lieben Frauen: Eine der bedeutendsten romanischen Anlagen in Deutschland und das älteste Bauwerk Magdeburgs. Das Kloster geht auf eine Gründung im Jahre 1016 zurück. Es beherbergt heute das Kunstmuseum der Stadt (www.kunstmuseum-magdeburg.de).

          • Kulturhistorisches Museum: Im Kulturhistorischen Museum Magdeburg steht unter anderem das Original des Magdeburger Reiters, des ältesten freistehenden Reiterstandbilds nördlich der Alpen. Eine vergoldete Kopie befindet sich auf dem Marktplatz vor dem Rathaus (www.khm-magdeburg.de).

          • Unterkunft: Die Grüne Zitadelle von Magdeburg ist das letzte Bauwerk, das nach den Plänen von Friedensreich Hundertwasser errichtet wurde. In diesem Wohn- und Geschäftshaus am nordwestlichen Ende des Domplatzes ist das empfehlenswerte Arthotel untergebracht, Doppelzimmer ab 87 Euro (http://arthotel-magdeburg.de).

          • Informationen: im Internet unter www.magdeburg-tourist.de und www.tourismus-magdeburg.info.

          Weitere Themen

          Happy Birthday, Currywurst! Video-Seite öffnen

          70 Jahre heiß und fettig : Happy Birthday, Currywurst!

          Entstanden ist der Snack in der Nachkriegszeit, als Lebensmittel knapp waren. Dieses Jahr feiert das Rezept 70-jähriges Jubiläum. Seitdem ist Nachfrage nach der Wurst mit würzigem Ketchup ist ungebrochen und zählt für viele zum deutschen Kulturgut.

          Wo ist seine Reisegruppe?

          Proust in Venedig : Wo ist seine Reisegruppe?

          Noch einmal zum Venedig-Besuch Marcel Prousts im Mai 1900. Von diesem Gast des Hôtel de l’Europe erfuhr Hugo von Hofmannsthal aus einem Brief von Hans Schlesinger. Die Begegnung mit Schlesinger ging in die „Recherche“ ein.

          Topmeldungen

          Dr. Ruth Gomez arbeitet  im universitären Kinderwunschzentrum in Mainz als Pränataldiagnostikerin.

          Spezielles Verfahren : Einzige Chance auf ein gesundes Kind

          In der Mainzer Universitätsklinik sind zum ersten Mal Babys nach einer Präimplantationsdiagnostik auf die Welt gekommen. In das ethisch umstrittene Verfahren setzen verzweifelte Paare ihre ganze Hoffnung.
          Bald nicht mehr vonnöten: Eine gelbe Krankschreibung.

          Digitale Krankschreibung : Der „gelbe Schein“ wird verschwinden

          Es geht um Millionen Zettel: Das Kabinett hat heute die Abschaffung der Krankschreibung auf Papier beschlossen. Außerdem steigen die Hartz-4-Sätze, Paketzustellern soll geholfen und überflüssige Bürokratie abgeschafft werden. Wir zeigen, was die Beschlüsse bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.