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Deutschland : Zwiesprache mit der Ewigkeit

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Das Nischendasein bietet allerdings den Vorteil, dass man als Besucher die Chance hat, einen Nachhall der Vergangenheit zu spüren, der anderswo längst in der Kakophonie der großen Touristenströme untergegangen ist. Jeder Stein, jede Säule, jede Plastik in der Magdeburger Kathedrale erzählt eine Geschichte – und Uwe Jahn, der Domküster, kennt sie alle. „Als Kind bin ich im Dom oft auf Entdeckungstour gegangen“, sagt der Achtundfünfzigjährige. „Das war so etwas wie mein Spielplatz. Schon mein Vater war Küster hier.“ Es ist offensichtlich eine gute Schule gewesen. Jahn führt seine Gäste auf eine Reise durch tausend Jahre Stadt- und Domgeschichte, an deren Anfang die Liebe zweier Teenager stand. Wenn es je eine arrangierte Ehe mit Happy End gab, dann war es wohl die zwischen dem ostfränkischen Thronfolger Otto, den sie später den Großen nennen sollten, und Prinzessin Editha aus dem angelsächsischen Hause Wessex – ein einziger Glücksgriff. Magdeburg, das Otto seiner Braut im Jahr 929 als Morgengabe schenkte, wurde die Lieblingspfalz des jungen Paares. Und hier fanden beide auch ihre letzte Ruhestätte – nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Die „Vernichtung des Ketzernestes“

Ottos schlichter Sarkophag im Hohen Chor der Kathedrale könnte fast darüber hinwegtäuschen, dass hier die Gebeine des ersten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches bestattet sind. Überhaupt erscheint der Dom in seiner himmelwärts stürmenden Symmetrie zwar erhaben, doch auch kühl und nüchtern. Dabei zählte er einst zu den am reichsten ausgestatteten Kirchen Deutschlands. Zum Domschatz gehörten Gold, Elfenbein und Edelsteine, Gemälde, wertvolle Gefäße und fast achttausend Reliquien, darunter Teile des Schädels des heiligen Mauritius und ein Fingerknochen der heiligen Katharina. Doch gegen die Verwüstungen der Reformation waren die beiden Schutzheiligen machtlos. Viele Kostbarkeiten fielen wenige Jahre nach Vollendung der Kathedrale protestantischen Bilderstürmern zum Opfer. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geplündert oder zerschlagen. Auch die meisten hölzernen Kunstwerke, insbesondere die Bildnisse für die sechsundvierzig Seitenaltäre des Doms, gingen im religiösen Furor unter.

„Heute sind die Plastiken unsere größten Schätze“, sagt Uwe Jahn und deutet auf die einmaligen Sandsteinfiguren und Grabreliefs, die die Wirren der Zeiten überstanden haben. Darunter sind die Klugen und Törichten Jungfrauen in der Paradiesvorhalle, die Alabaster-Kanzel aus dem Jahr 1597, eines der schönsten Renaissancekunstwerke in Deutschland, oder auch die Skulptur des heiligen Mauritius, der seit Mitte des dreizehnten Jahrhunderts über dem Grab Ottos des Großen wacht – es ist die erste realistische Darstellung eines Schwarzafrikaners in der europäischen Bildhauerei. „Wie im Zeitraffer lässt sich anhand der Standbilder die Entwicklung in der Kunst nachzeichnen“, sagt Jahn. „Von der Maske zu menschlicher Mimik: Der Stein wird lebendig.“

Die Skulptur des heiligen Mauritius ist die erste realistische Darstellung eines Schwarzafrikaners in der europäischen Bildhauerei.

Über die Stadt aber kam der Tod. Jahrzehntelang hatte sich Magdeburg, die erste deutsche Großstadt, die sich 1524 dem protestantischen Glauben anschloss, als „Unsers Herrgotts Kanzel“ gegen Papst und Kaiser behauptet. Doch 1631 wechselt Gott die Seiten. Am 10. Mai stürmen Truppen unter dem katholischen Feldherrn Tilly das Magdeburger Bollwerk, das bis dahin als uneinnehmbar galt, und richten ein Blutbad an. Der Dom wird zur letzten Zuflucht für viertausend Menschen, andere retten sich ins nahe gelegene Kloster Unser Lieben Frauen. Ringsum aber geht die Stadt in Flammen auf. Am Ende liegen zwanzigtausend Tote in Straßen und Häusern, fast zwei Drittel der Bevölkerung, Männer, Frauen, Kinder. Die von Leichen aufgestaute Elbe tritt über die Ufer, und Papst Urban VIII feiert die „Vernichtung des Ketzernestes“.

Außer dem Dom, dem romanischen Kloster sowie einigen Häusern unten am Fischerufer hat nichts die Katastrophe überstanden, die Zeitgenossen mit dem Untergang Trojas verglichen. Nur vierhundertfünfzig Menschen blieben in der Stadt zurück, und es dauerte bis ins neunzehnte Jahrhundert, ehe die einstige Bevölkerungszahl wieder erreicht war. Zu alter Macht und Größe fand Magdeburg nie wieder zurück, der Dom aber hat alle Prüfungen überdauert. Auch den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs hielt der schwarzgraue Koloss, wenngleich schwer angeschlagen, stand – ein Überlebender, ein Gezeichneter.

Magdeburg, sein Dom und die Schätze der Romanik

• Straße der Romanik: Diese touristische Straße verläuft in Form einer Acht, in deren Zentrum sich Magdeburg befindet. Die Route verbindet Dome, Burgen, Klöster und Kirchen, die in der Zeit vom zehnten bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt errichtet wurden. Sie führt an achtzig romanischen Gebäuden in 65 Orten vorbei. Die Straße der Romanik ist Teil der Transromanica, zu der Stationen in Deutschland, Italien, Österreich und Slowenien gehören (www.strassederromanik.de).

• Dommuseum Ottonianum: Für den kommenden Herbst ist im ehemaligen Reichsbankgebäude direkt gegenüber den Westtürmen der Kathedrale die Eröffnung des Dommuseums Ottonianum Magdeburg geplant, das sich dem Leben und Wirken von Kaiser Otto und Königin Editha widmen und aktuelle archäologische Forschungsergebnisse vorstellen wird (www.dommuseum-magdeburg.de).

• Kloster Unser Lieben Frauen: Eine der bedeutendsten romanischen Anlagen in Deutschland und das älteste Bauwerk Magdeburgs. Das Kloster geht auf eine Gründung im Jahre 1016 zurück. Es beherbergt heute das Kunstmuseum der Stadt (www.kunstmuseum-magdeburg.de).

• Kulturhistorisches Museum: Im Kulturhistorischen Museum Magdeburg steht unter anderem das Original des Magdeburger Reiters, des ältesten freistehenden Reiterstandbilds nördlich der Alpen. Eine vergoldete Kopie befindet sich auf dem Marktplatz vor dem Rathaus (www.khm-magdeburg.de).

• Unterkunft: Die Grüne Zitadelle von Magdeburg ist das letzte Bauwerk, das nach den Plänen von Friedensreich Hundertwasser errichtet wurde. In diesem Wohn- und Geschäftshaus am nordwestlichen Ende des Domplatzes ist das empfehlenswerte Arthotel untergebracht, Doppelzimmer ab 87 Euro (http://arthotel-magdeburg.de).

• Informationen: im Internet unter www.magdeburg-tourist.de und www.tourismus-magdeburg.info.

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