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Auf der Seidenstraße durch Usbekistan : Das kostbare Erbe des großen Menschenschinders

So unwirklich, als sei sie aus Bauklötzchen errichtet, wirkt die fast dreitausend Jahre alte Wüstenstadt Chiwa, die wie Treibsand der Geschichte in die Gegenwart geweht wurde. Bild: (c) Marc Dozier/Corbis

Samarkand, Chiwa, Buchara: Gleich drei mythische Städte der Seidenstraße liegen in Usbekistan. Bis heute erzählen sie Geschichten wie aus Tausendundeiner Nacht - von grandioser Schönheit, grausamer Schicksalsmacht und der Sehnsucht nach dem Meer inmitten der Wüste.

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          Gib mir einen Kuss, denn ich habe mich in dich verliebt, sagte der vorwitzige Baumeister zu Bibi Khanum, sonst vollende ich die Moschee nicht, die du deinem Gatten als Willkommensgeschenk bei seiner siegreichen Rückkehr nach Samarkand überreichen willst. Weißt du denn nicht, wer ich bin? schrie die schöne Bibi, die Lieblingsfrau des Weltenherrschers und Menschenschlächters Timur ibn Taraghai Barlas, schimpfte den Baumeister einen Frevler und drohte ihm mit Tod und Verderben. Doch die Zeit verrann, und ihre Verzweiflung wurde so groß, dass sie schließlich nachgab: Einen Kuss auf die Wange durch den Schleier gewährte sie dem frechen Kerl, und er war so feurig, dass er sich in Bibis Wange einbrannte als ein Mal des Verrats und der Treulosigkeit. Timur sah es sofort, tobte, wütete und wollte den Baumeister bei lebendigem Leibe einmauern lassen. Dieser aber baute sich Flügel aus Rehleder und Schilfgras und flog davon wie ein usbekischer Ikarus, dem weder der grausamste aller Feldherren noch die heißesten aller Sonnenstrahlen das Leben nehmen konnten.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wir stehen in den Ruinen der Moschee von Bibi Khanum und erschaudern in der Hitze Samarkands, weil das Schicksal zwar nicht Frechheit und Vorwitz, dafür aber Hybris und Hochmut so schrecklich bestraft. Das größte Gotteshaus Zentralasiens ließ Bibi in grenzenloser Liebe für ihren Timur errichten, ein Fanal der Gigantomanie mit fünfzig Meter hohen Portalen und Platz für zwölftausend Gläubige, ein Monstrum von Moschee, das dem Gewicht seiner eigenen Maßlosigkeit nicht standhielt. Erdbeben zertrümmerten es, zerschlugen die Portale zu gewaltigen Torsi, stutzten die Minarette zu kolossalen Stümpfen, sprengten die Kuppeln in tausend Stücke. Drei von ihnen hat man restauriert, unter denen jetzt zwei Arbeiter engelsgeduldig die Majolikamosaiken aus den geretteten Kacheln zu rekonstruieren versuchen wie ein Puzzle mit Millionen von Teilen. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende würden sie dafür brauchen. Und trotzdem wird Samarkand nie wieder das sein, was die Hauptstadt von Timurs Reich nach dem Willen des Tyrannen sein sollte: der Mittelpunkt des Weltalls.

          Allahs Schatten auf Erden

          Ein Krüppel und einer der skrupellosesten Eroberer der Weltgeschichte war dieser Timur, den seine Feinde „den Lahmen“ und der sich selbst „Allahs Schatten auf Erden“ nannte. Zwischen 1370 und 1405 schuf er ein riesenhaftes, doch auf den tönernen Füßen des Terrors stehendes Reich, das von Anatolien bis nach Indien, von Syrien bis nach Persien, von Georgien bis fast an die Grenze der Mongolei reichte. Und er tränkte dabei die Erde mit Strömen von Blut. Hunderttausend Gefangene ließ er bei der Eroberung von Delhi hinrichten, hunderttausend Menschenschädel bei der Unterwerfung von Bagdad zu Pyramiden auftürmen und Hunderttausende von Handwerkern bei seinen Feldzügen nach Samarkand verschleppen, um seine Hauptstadt in die strahlendste Perle des Planeten zu verwandeln. Dabei wurde sie schon lange zuvor als ein Ort von überirdischer Anmut gerühmt. „Alles, was ich über die Schönheit dieser Stadt gehört habe, ist wahr - nur dass sie noch viel schöner ist, als ich es mir vorgestellt habe“, sagte Alexander der Große, nachdem er sie 329 vor Christus erobert hatte. Vom „herrlichsten Antlitz der Erde“ sollten später arabische Reisende schwärmen, vom Anblick Samarkands als „einem der überwältigendsten Augenblicke, die dem menschlichen Auge jemals vergönnt waren“. Und bis heute schmerzt das Auge, wenn es von Samarkands Schönheit geblendet wird.

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