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Madrid ohne Männer : Die Stadt der starken Frauen

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Dass ein patriarchalisches Land wie Spanien ebenso starke Frauen wie Männer hervorbringt, ist keine Überraschung. Ein weiterer Beweis dafür ist Carlota Álvarez Basso, Direktorin des Kulturzentrums Matadero, seit 2007 die Attraktion am Rand des aufwendig begrünten Madrid Rio Parks. Ein fester Handschlag, dann sagt sie: „Kommt mit!“ Unprätentiös und spontan führt Carlota zu den künstlerischen Höhepunkten des ehemaligen Schlachthofs. Das Zentrum bietet Workshops und Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst, ein Kino, ein Theater, ein Designzentrum, vor allem aber eine Plattform für regen kreativen Austausch. „Nach Franco war das Feld der Kultur ein weiter Spielplatz für Frauen, während die Männer sich eher für ökonomische Dinge interessierten“, sagt Carlota, Jahrgang 1964 und studierte Soziologin. Sie stammt aus Vigo in Galicien. „In Galicien arbeiteten viele Männer als Fischer und waren deswegen viel weg. Also mussten die Frauen ran. Sie hatten keine Zeit, das Weibchen zu geben.“

Diese Leidenschaft ist echt

Nach zahlreichen Ausstellungen männlicher Künstler konzentriert sich Carlota nun auf Künstlerinnen. „Aber nicht, weil es Werke von Frauen sind, sondern weil sie einfach gut sind“, sagt sie mit Nachdruck. Dann spricht sie über die Leidenschaft, mit der sie ihre Arbeit tue, über die „pasión“, die in allen persönlichen und politischen Dingen so wichtig sei, und darüber, dass wir dankbar sein müssten für all die Frauen, die für uns und vor uns gekämpft haben, für Rechte, für ein neues Selbstverständnis. Dabei hat sie tatsächlich Tränen in den Augen - Carlotas „pasión“ ist echt.

Das Bild der Frauen von Madrid, der spanischen Frauen, der Frauen überhaupt hat viele Facetten, heute und erst recht damals. „Die Bilder vermitteln viel mehr als einen momentanen Eindruck, sie zeigen die soziale Schicht und die Rolle der Frau zur jeweiligen Zeit“, sagt die Kunsthistorikerin Gema Sesé, während sie ihre Besucherinnen durch das Museum Thyssen-Bornemisza führt. „Weibliche Blicke“ heißt dieser Rundgang, der den Fokus auf Frauenporträts lenkt. Gema zeigt Werke ganz unterschiedlicher Epochen und Maler wie Jan van Eyck, Frans Hals, Rogier van der Weyden, Caravaggio, Rubens oder Hopper. Wie ein Profiler entschlüsselt sie dabei ihren Zuhörern die bildsprachlichen Codices der jeweiligen Zeit. Dann stehen wir vor Ghirlandaios Gemälde „Giovanna Tornabuoni“. „Sie ist die Königin unserer Sammlung“, sagt Gema, bevor sie zu van Dongens „Kiki de Montparnasse“, Beckmanns „Quappi“ oder Sargents „Duquesa de Sutherland“ wechselt.

Ballerina, Braut, Baronin oder Bäuerin

Ob Arbeiterin oder Ballerina, Braut, Baronin oder Bäuerin, ob Heilige oder Mätresse, Venus oder Königin - die Sammlung ist voller starker Frauen. Ganz besonders in Erinnerung bleibt aber Edward Hoppers Bild „Hotel Room“: Es ist eine Momentaufnahme, eine Frau sitzt allein auf dem Hotelbett, sie ist auf Durchreise, vielleicht etwas müde, sie schaut in den Fahrplan, wann der nächste Zug am Morgen geht. Sie muss sich entscheiden, vielleicht sogar die Fahrt ihres Lebens antreten. Viele Wege sind möglich, die Zukunft ist offen - ein Bild, das in seiner Vieldeutigkeit nicht nur für die Frauen von Madrid steht.

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