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Madrid ohne Männer : Die Stadt der starken Frauen

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Die Botschafterin der guten Laune

Orange, Maigrün oder Pink, das Ganze in plakativen Mustern, grafischen Silhouetten, geometrischen Schnitten. Beim Showroom-Termin im vierten Stock eines Altbaus präsentiert Assistentin Miren Baselga einen wahren Farb-Flash, ein Potpourri flirrigen Pastells, wohin das Auge auch blickt. Das noble Schwarz der spanischen Mode, der Mantillas und Reifröcke, das einst die höfische Kleiderordnung prägte, ist hier verpönt. Und das gilt für den Dresscode von Agathas Mitarbeitern ebenso wie für die Ordner im Büro, die in Rot, Grün, Blau oder Gelb leuchten. An langen Kleiderstangen reihen sich poppige Entwürfe, über Ärmel und Röcke tanzen Tupfen, Kreise, Streifen, Herzen, Sterne oder auch mal Spiegeleier.

So lässt es sich leben: Sommerstimmung im Retiro-Park von Madrid.

Dann präsentiert die Assistentin Agathas clowneske Entwürfe für Theaterstücke, für Produktionen wie - wen wundert’s - „Alice im Wonderland“ oder „Der gestiefelte Kater“. Minuten später zeigt sie auf unifarbene Gadgets in den Regalen: Als Königin des Licensing hat Agatha ihren Namen schon an mehr als siebzig Marken verliehen, darunter für Produkte wie Kopfhörer, Schreibgeräte, Parfüms, Autos und Barbies. „Man kann alles ,agathizen“, sagt Miren. „Farbe gibt Dir ein mächtiges Gefühl, Farbe ist für reiche Leute“, erklärt Designer Juan Carlos Mesa, der ganz linientreu einen babyblauen Pullover und dazu einen pinkgefärbten Irokesenschnitt trägt. Ein paar Straßen weiter, an der Calle Serrano, liegt Agathas Modetempel. Als Botschafterin der guten Laune lässt sie ihr Geschäft konsequent in Softeistönen schwelgen. Die Pullis, Shirts und Röcke wirken wie Vitaminkicks fürs Auge und sind dabei gar nicht mal teuer. Denn Agatha, als geborene Marquesa de Castelldosríus und Baronesa de Santa Pau ein Mitglied der Hocharistokratie, steht für demokratisches Design: Sie zeigt ihre erschwinglichen Kollektionen in den üblichen Trendhochburgen, aber auch in Ländern wie Polen, Gambia, Serbien oder Sri Lanka.

Rettung für das entmenschlichte Individuum

Wesentlich wertkonservativer wirkt Bürgermeisterin Ana Botella bei einer Stippvisite im Palacio Cibeles. Im dezenten Zweireiher begrüßt sie die deutsche Delegation der Journalistinnen. Ein kurzer Händedruck, ein breites Lächeln, etwas Smalltalk und ein Foto, mehr sieht das Rathaus-Protokoll nicht vor. Seit Ende 2011 ist die Juristin, Ehefrau von Ex-Ministerpräsident Aznar, als Oberbürgermeisterin im Amt - als erste Frau überhaupt. Es ist ein Amt mit Gegenwind, nicht nur in Zeiten der Krise, der Ana Botella kaum etwas entgegenzusetzen hat und deswegen viel Kritik einstecken muss.

Die Krise, die Hektik der Stadt, das Leben in den Großstadtbüros - all das nahm die Wirtschaftsjournalistin Natalia Sanmartín, Jahrgang 1970, zum Anlass, ein fiktionales Buch über eine bessere Welt zu schreiben. In „Das Erwachen der Señorita Prim“ entwirft sie ein Gegenmodell zur genormten Industriewelt mit ihren entmenschlichten Individuen. Doch gleicht Sanmartíns bessere Welt - angesiedelt im fiktiven Dorf San Ireneo - eher einer Enklave für eremitische Besserwisser, eine Art Schlumpfhausen für Gelehrte. Was sie dort den ganzen Tag tun? Ein bisschen arbeiten, viel Tee trinken, Kuchen essen und tote Sprachen studieren, vorzugsweise Aramäisch. Schönheit soll die Welt retten, so Sanmartín, frei nach Dostojewski.

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