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Madagaskar : Ein Gespenst namens Fortschritt

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Die Andringitra Felsen sind Königen geweiht und ein heiliges Tabu. Bild: srt/Jule Reiner

Seit dem Abzug der Kolonialmacht ist das Land traditionsverbundener als zuvor: Es gibt keine Minuten, sondern Sommer und Winter. Und der Gott Zanahary wacht über allem.

          Anders als die Küstenbewohner sind die Betsileo, die größte Ethnie im Hochland Madagaskars, von sehr kleiner Statur und sprechen eine wie Maultrommeln klingende Sprache. Im uralten Kulturzentrum Fianarantsoa ertönt sie vor himmelblau und meergrün getünchten Bauten aus der Kolonialzeit über einem reich bestückten Markt.

          Die Hügel ringsum könnten in einem Bild des Bauernmalers Breughel verewigt sein: lehmverputzte schmale Häuser mit unsymmetrischen Fensteröffnungen, Getreidespeicher, Ochsenkarren, archaische Feldwerkzeuge und die wimmelnde Bemühung der Menschen in ihren rotkarierten Umhängen. Die gezausten Strommasten, die altersschwache Eisenbahn, die Fianá mit der Küste verbindet, die zerlöcherten Pisten, welche die Franzosen ins Land geschnitten und dem Zahn der Zeit überlassen haben, erscheinen nachträglich und widerrechtlich hineingemalt. Denn ihr "Fortschritt" entspricht nicht den Klangfarben dieser Landschaft.

          Afrikas Arche Noah bleibt auf Kurs

          Das werden die Ahnen der Betsileo immer wieder gepredigt haben, selbst wenn sich der Stamm stärker als andere mit der Kolonialmacht arrangiert hat. Seit sie abgezogen ist, misst sich das Leben der Hochlandbewohner wieder allein an den gewaltigen Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter, zwischen Feldsaat und Ernte.

          Über allem wacht der Gott Zanahary, der für die Menschen viel zu hoch steht, als dass sie ihn begreifen könnten. Deshalb wäre es eine empfindliche Störung für sie, ein Bündnis mit den Gespenstern des Fortschritts einzugehen. Womöglich könnten sie zwischen Zanahary und die Geister der Ahnen treten und so am seit Jahrhunderten eingerichteten sozialen Gleichgewicht der Familien und Stämme rütteln. Und dann würde Afrikas Arche Noah allzu leicht von ihrem einsamen, aber doch einigermaßen stabilen Kurs abweichen.

          Die Zeichen von Moderne überlagern deshalb auf diesem sechsten der Kontinente immer nur das Alte. Und ohne die Einwilligung der Ahnen wird diese Arche an keinem anderen Erdboden festmachen.

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