https://www.faz.net/-gxh-9bxfz

Luxusreise durch die Mongolei : Chardonnay statt Stutenmilch

Die Weite und Leere der Mongolei vermittelt in all ihrer Unzugänglichkeit dennoch etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Bild: Freddy Langer

Wer bei einem Preis von 35.000 Euro für eine Woche auch nur mit der Wimper zuckt, hat sich schon disqualifiziert: Mit Silversea zu Nomaden und Adlerjägern.

          15 Min.

          Der Bub war drei. Höchstens vier. Zu klein jedenfalls, um im Sitzen aus dem Fenster schauen zu können. Und so stand er den gesamten Flug über von Ulan Bator bis Bayan Ulgii auf Zehenspitzen vor seinem Sessel, die Fingerchen in den Kunststoffrahmen der Scheibe gekrallt, die Stirn ans Glas gepresst, und starrte hinunter in die Endlosigkeit einer ockerbraunen, staubigen Hügellandschaft, durch die hin und wieder entfesselte Flüsse mäanderten wie Ornamente entlang eines Frieses. Und hinter der einmal, weit am Horizont, sich von gleißendem Eis überzogene Gipfel so scharf wie Reißzähne in den stahlblauen Himmel verbissen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es war das einzige Mal, dass der Junge im Laufe von zwei Stunden den Mund aufmachte, aber er sagte nichts. Es kam nur ein Laut des Erstaunens heraus, ganz leise und ganz kurz, fast wie verschluckt angesichts der dramatischen Natur. Und sein Vater antwortete mit einem einzigen Wort, das er mehrmals wiederholte. Ganz bedächtig, jede Silbe gleich betont, gerade so, als wolle er dem Bub die Vokabel überhaupt erst beibringen. Sie hätte vieles bedeuten können.

          Halb verzaubert, halb entsetzt

          Ich kannte sie nicht. Ich spreche ja auch kein Mongolisch. Sagte er: Berge? Schnee? Eis? Oder sagte er: Erhaben? Majestätisch? Erbarmungslos? Was überhaupt soll man denn sagen angesichts dieser unfassbaren Weite und Leere, die in all ihrer Unzugänglichkeit dennoch etwas Beruhigendes, fast Meditatives vermittelt und die deshalb immer dann umso mehr erschreckt, wenn plötzlich eine Autospur von einem Nirgendwo zu einem anderen Nirgendwo tief in den Boden gefräst ist oder inmitten dieses den Verstand überfordernden Nichts verloren und allein ein weißes Pünktchen aufblitzt: die Jurte einer Nomadenfamilie.

          Der Bub jedenfalls schaute immer nur starr nach unten. Halb verzaubert, halb entsetzt. Wäre er ein paar Jahre älter gewesen, er hätte vermutlich darüber nachgedacht, wie es möglich ist, in einem solchen Land zu leben. Vor allem: zu überleben. Und dann hätte für ihn natürlich die Frage nahegelegen, wie er selbst es anstellen wird. Mir jedenfalls wirbelte dieser Gedanke durch den Kopf.

          Mitglieder der Tsaatan auf dem Rücken ihrer Rentiere.

          Doch als wir später am Tag nach langer, holpriger Fahrt durch dieses topographische Vakuum unser Lager erreicht hatten, hingetupft zwischen einem Fluss, an dessen Ufer ein paar Reiher entlangstaksten, und der gewaltigen Flanke eines bizarr erodierten Bergs, dessen Falten und Furchen und Kerben aussahen wie eine gichtige Hand, die ihre verkrüppelten Finger zum Tal hinunterstreckt, waren derlei Gedanken über Leben und Tod augenblicklich verflogen. Für die Gäste waren in Reihe schneeweiße Zelte aufgestellt, darin Betten mit aufgeplusterten Kissen und Federdecken, von denen man ahnte, dass die Bezüge zart knistern würden, wenn man sich darunterlegt, daneben ein Nachttisch mit Lämpchen, davor ein bunter Teppich, auf dem artig ein Paar kuschelweicher Pantoffeln aus Filz wartete, bestickt mit verspielten Mustern, die Spitzen orientalisch nach oben gebogen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.