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Luxus an der Mosel : Ein Hochamt für den Historismus

Kein Fürst, ein Großindustrieller residierte hier: Das monumentale Schloss Lieser am Ufer der Mosel ist seit kurzem ein Hotel. Bild: Autograph Collection

Diese Pracht hat der Mosel so dringend gefehlt: Mit Schloss Lieser gibt es endlich ein luxuriöses Hotel am Fluss, das eine ebenso internationale wie anspruchsvolle Klientel anzieht – auch wenn es hier und da noch knirscht.

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          Das ist eine Märchenschlossgeschichte. Es treten auf: leibhaftige Kaiser, Könige und Prinzessinnen, ein märchenhaft reicher Retter in höchster Not, dazu allerlei Lumpengesindel, und die Geschichte geht so:

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Es war einmal ein Großindustrieller, der hieß Eduard Puricelli und war so reich wie König Krösus. Ende des neunzehnten Jahrhunderts ließ er sich ein gewaltiges Schloss im Stil des Historismus am Moselufer des Winzerdorfes Lieser errichten und vererbte es auf dem Totenbett seiner Tochter Maria. Sie heiratete den preußischen Beamten Clemens Freiherr von Schorlemer-Lieser, der ein enger Freund von Kaiser Wilhelm II. war und außerdem viel Verwandtschaft in der niederländischen Hocharistokratie hatte, so dass das Schloss zu einem Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens in der Kaiserzeit wurde. Dreimal war allein Wilhelm II. zu Besuch, die spätere niederländische Königin Juliane spielte als Kind im Garten des Palastes, Prinz Bernhard soll ihr hier den Heiratsantrag gemacht haben, und als der gestürzte Kaiser aus Deutschland fliehen musste, arrangierte Baron Schorlemer sein Exil in Holland.

          Liebe auf den ersten Blick

          Eines Tages aber lebte nur noch eine steinalte Baronin, die Letzte ihres Geschlechts, mit Gärtner und Haushälterin in dem Schloss, das zur Ruine verfiel. Die Gemeinde Lieser kaufte es 1981 notgedrungen und suchte händeringend nach einer sinnvollen Nutzung. Ein Hotel war im Gespräch, auch eine Seniorenresidenz, dubiose Investoren sprachen vor, versprachen viel und hielten nichts. So stand Schloss Lieser viele Jahre lang leer als trauriger Abglanz seiner einstigen Pracht und drohte als Geisterschloss zu enden. Doch dann tauchte der niederländische Finanzinvestor Piet Killaars auf, der Lieser bei Weinproben kennengelernt und sich Hals über Kopf in das Schloss verliebt hatte. Er kaufte es 2007 für 1,2 Millionen Euro, steckte mit mehr Herzblut als Sinn und Verstand das Zwanzigfache in die Restaurierung, wollte selbst ein Hotel betreiben, merkte aber schnell, dass er professionelle Partner brauchte. So wurde er sich mit der Autograph Collection einig, die eng mit dem amerikanischen Hotelkonzern Marriott kooperiert und lauter sehr verschiedene, immer einzigartige Hotels betreibt, etwa eine umgebaute Kirche in der holländischen Stadt Breda. Und so fand die Geschichte im August vergangenen Jahres ein gutes Ende, als Schloss Lieser in Gestalt eines luxuriösen Hotels aus den Ruinen auferstand.

          Auch Erzkapitalisten brauchen göttlichen Beistand: die Privatkapelle von Schloss Lieser.
          Auch Erzkapitalisten brauchen göttlichen Beistand: die Privatkapelle von Schloss Lieser. : Bild: Autograph Collection

          Jetzt überstrahlt es mit seinem hochherrschaftlichen Synkretismus aus Palladio, Neorenaissance und Jugendstil wieder das Dörfchen Lieser als kolossalster Bau weit und breit, errichtet aus Moselschiefer und Buntsandstein, gespickt mit Erkern, Türmen und Giebeln, ein Märchenschloss am Moselstrand. Jeder Radwanderer, jeder Motorradfahrer, jeder Spaziergänger bleibt an der Promenade vor diesem Fanal imperialer Pracht stehen, hinter dem die Weinberge steil in den Himmel aufsteigen, und bekommt den Mund kaum zu.

          Monumentalvasen mit Pfauenfedern

          Im Inneren setzt sich der Historismus noch radikaler fort als außen. Die originale Anmutung des Schlosses wurde detailversessen wiederhergestellt, so dass man sich als Gast wie Kaiser, Prinz und Baron in einem fühlen kann – was besonders die vielen Touristen aus Amerika und Asien berauscht und entzückt. Den Boden bedecken wahlweise Mosaiken, Marmor, Perserteppiche oder knarzende Dielen. Das Mobiliar besteht aus Kommoden mit kostbaren Intarsien, Kachelöfen mit manieristischem Dekor, Kleiderschränken mit knirschenden Türen. Die Wände schmücken Familienporträts in Öl, bukolische Landschaften in Pastell, Malereien mit den Sehenswürdigkeiten entlang der Mosel von der Porta Nigra über Burg Eltz bis Cochem und ein Monumentalgemälde von Baron Schorlemer bei einer päpstlichen Audienz im Vatikan. Es gibt eine Bibliothek mit deutschen Klassikern, eine Privatkapelle mit Kreuzgewölbe, ein Jagdzimmer mit Trophäensammlung, Salons mit Kassettendecken, Monumentalvasen mit Pfauenfedern, hölzerne Rollläden mit Seilzügen, kannelierte Säulen mit korinthischen Kapitellen und Bleiglasfenster mit Heiligenporträts und frommen Sprüchen dieser Sorte: „Gott bleibt mit seiner Engelsmacht / in diesem Hause Tag und Nacht.“ Kurzum: Es ist ein einziger Rausch im Glanz der Gründerzeit.

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