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Love Locks - Liebesschlösser : Schloss mit lustig

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Überall auf der Welt kippen Laternen um, nur weil ein paar Leute ihre Gefühle anketten wollen. Was soll der Schrott?

          5 Min.

          Dieser so schmählich verglühende Sommer 2016 - hätte er nicht ein Sommer der Liebe werden können? Ein triomphe de l’amour, ein Fanal der voll und frisch Verliebten? Überall schlenderten junge Pärchen durch die Städte, Hand in Hand - und in der freien anderen ein Vorhängeschloss mit Namensgravur. Sie suchten das Wasser, sie suchten Brücken, sie suchten Anschluss. Doch was schlug ihnen entgegen? Allenthalben Wut und Unverständnis, wo nicht sogar Flex und Bolzenschneider. Aber warum?

          Metallverteilungsmode

          Seit dem Jahr 2006 verzeichnen die Vorhängeschlosshersteller dieser Welt traumhaft steigende Absatzzahlen. Wo auch immer Liebende die Romantik überkommt, hinterlassen sie ein niedliches kleines Liebesschloss, um ihren ehernen Bund für die Ewigkeit zu markieren. Und das längst nicht nur in Venedig oder Wuppertal, denn Liebe ist universal und überall. Wie beruhigend und genugtuend ist es doch, wenn man nach schweißtreibendem Aufstieg im Dschungel von Mauritius endlich den Aussichtspunkt auf die fast hundert Meter in die Tiefe stürzenden Zwillingswasserfälle von Chamarel erreicht, wenn man das schmiedeeiserne Geländer erblickt - und dann beglückt feststellt, dass Fenja und Thorben, Franziska und Marco, Heiko und Hajo schon vor einem da waren.

          Die Anfänge dieser hormonbefeuerten Metallverteilungsmode liegen wohl in Italien. Wo auch sonst? Dort erschien 2006 Federico Moccias Bestseller „Ich steh auf dich“, dessen verliebte Protagonisten in Rom ein Vorhängeschloss an einer Laterne auf der Milvischen Brücke anbringen und den Schlüssel anschließend in den Tiber feuern. Weil die Römer schon immer alles in den Tiber schmissen. Gut zweitausend Jahre war die antike Milvische Brücke komplett vorhängeschlossfrei - doch schon kurz nach Erscheinen des Romans erlag die erste Brückenlaterne der Last der Liebeshinterlassenschaften und knickte um.

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          Doch aufrichtig Liebende ficht dergleichen nicht an. Inzwischen findet man an allen schönen Orten dieser Welt Sicherheitsschlösser, vorzugsweise an Brücken. Weil die so symbolisch sind. So gilt die Hohenzollernbrücke in Köln mit einer geschätzten Viertelmillion Liebesschlösser schon jetzt als das größte unnatürliche Altmetallvorkommen Deutschlands. Argwöhnisch wacht die Deutsche Bahn, der die Brücke gehört, über die wertvollen Hinterlassenschaften. Ein Frevler, der nächtens fünfzig Schlösser von der Brücke brach, um sie für 3,20 Euro pro Kilo beim Schrotthändler zu versetzen, wurde zu drei Monaten Haft verknackt. Dabei wird die Brücke ohnehin in zehn Jahren kippen, weil alle die Schlösser immer nur an der Südseite anbringen.

          Liebesschlosshandel

          Doch der Schließwarenhandel boomt munter weiter, vor allem in Paris, der Stadt der Liebe schlechthin. „Besonders schön ist hierfür der Pont Neuf, an dem auch Sylvie van der Vaart vor kurzem mit ihrer neuen Liebe sehr medienwirksam ein Liebesschloss angebracht hat“, radebrecht es von der Internetseite dein-liebesschloss.de. Doch man muss gar nicht online bestellen, die afrikanischen Straßenhändler in Paris haben längst eine breite Palette an Bügelschlössern im Angebot; statt mit einer umständlichen Gravur werden die Namen schnell und preiswert mit Edding verewigt. Wer’s jedoch etwas stimmungsvoller mag: Der „Love Lock Workshop“, betrieben von „den ersten Liebesschlosshändlern auf dem Pont des Arts“, bietet im Vollversorgungspaket maßgeschneiderte und handdekorierte Liebesschlösser mit Guide, Fotosession beim Anbringen und ein Glass Champagner für schlappe 125 Euro - pro Person, mais oui.

          Auf dem Pont des Arts werden Anschlusssuchende indes nicht mehr glücklich werden. Im Sommer vor zwei Jahren war die Seinebrücke gesperrt worden, weil ein Geländer einstürzte. Das olle Gestänge sah sich nicht in der Lage, ein paar tausend Liebesschlösser für die Ewigkeit zu halten. „Wir werden in etwa eine Million Stück entfernen, rund 45 Tonnen“, sagte der stellvertretende Bürgermeister Bruno Juillard und nannte die amourösen Memorabilien „eine Verschandelung unseres Kulturguts“, ja „ein Sicherheitsrisiko für die Besucher“. Inzwischen wurden die Schlösser entfernt und das neue Geländer durch eine Plexiglasplatte versperrt. Klar, dass Sprayer sich eine solch klare, plane Fläche an prominentester Stelle nicht würden entgehen lassen - schon Tage später waren die Plexiplatten vollgesprüht.

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          Inzwischen sind elf Pariser Brücken und diverse Denkmäler mit Schlössern verziert. „Die Leute hängen ihre Schlösser sogar an Mülleimer und Privathäuser“, ringt die Seite nolovelocks.com um Fassung, doch damit nicht genug: „Illegale Händler befestigen Fahrradschlösser an Brücken, damit auch diese noch vollgehängt werden können.“ Und auf change.org wurde die Petition „Verbietet Liebesschlösser in Paris! Schützt unsere historischen Orte!“ bereits über elftausend Mal unterzeichnet.

          Bolzenschneiderpolitik

          Der Liebesgott, der Eisen wachsen ließ, hat einen immer schwereren Stand. In Venedig zahlen Verliebte, die etwas an die Rialtobrücke schließen, dreitausend Euro Bußgeld. Die Tageszeitung „La Repubblica“ forderte als Dreingabe noch ein Jahr Gefängnis. In getrennten Zellen. Berlin macht’s wie immer billiger, dort kostet die Ordnungswidrigkeit nur 35 Euro, verboten ist die Liebesschlossanheftung aber generell. In Frankfurt wuchert der historische, aufwändig renovierte Eiserne Steg über den Main langsam und sicher zu. Gerade forderte eine Künstlervereinigung namens „Frankfurter Hauptschule“ die Bürger via Facebook dazu auf, die Schlösser vom Steg zu entwenden: „Für jedes Schloss zahlen wir einen Euro.“ Anschließend sollen die Liebeseisen eingeschmolzen und zu einem Kunstwerk verarbeitet werden. „Liebesschlösser sind ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle“, klagen die Hauptschüler und stellen fest: „Diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel. Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz.“ Auch in Nürnberg und Heidelberg geht regelmäßig der Bolzenschneider gegen korrodierende Liebesgehänge vor.

          Den schließwütigen Liebenden des Landes dräut wahrlich ein schweres Los - sie müssen künftig nach Heilbronn. Die Käthchenstadt am Neckar nämlich „liebt die Liebesschlösser“, wie die „Südwest Presse“ nicht schlecht staunt: „Der 10. August gilt in Heilbronn neuerdings als ,Tag des Liebesschlosses‘“, dann wird gefeiert: „mit Piccolo-Sektfläschchen und Losaktionen“. Ach, wer da mitfeiern könnte!

          Was aber machen Liebende, die den Weg nach Heilbronn scheuen? Klarer Fall: Sie pilgern in den Harz. Dort wartet nämlich der einzige „Liebesbankweg“ Deutschlands. Und wer da glaubte, dieser Liebesbankweg sei ein Wanderweg wie jeder andere, den belehrt die Seite liebesbankweg.de eines Besseren: „Der Liebesbankweg ist kein Wanderweg wie jeder andere. Es sind zahlreiche Highlights eingefügt worden“, und die können wir hier gar nicht alle aufzählen, es sind einfach zu viele Highlights: „Tor der Liebe“, „Quelle der Liebe“, „Harzgondeln“, „Liebesschaukel“ und „Wassertretbecken“ müssen uns genügen. Doch obwohl dieser so an- wie aufregende Pfad konsequenterweise „als erster Premiumwanderweg im Harz und in Niedersachsen ausgezeichnet“ wurde - irgendwie kommt uns der komisch vor. Nein, dieser Weg wird kein geiler sein, ja er geht fehl und in die Irre! Liebende sind doch keine Bänker - sie wollen sich an romantischen Orten verewigen und nicht nach dem Liebesschaukeln Wasser treten.

          Schließwütig

          Was also würden Romeo und Julia heute tun, wenn sie nirgends was anschließen dürfen? Die Namen von Liebenden in Baumrinde zu ritzen, wie es gute Großväter-Sitte war, kann den Adoleszenten in Zeiten zunehmender Analphabetisierung (fast acht Millionen in Deutschland!) nicht mehr zugemutet werden. Ohnehin hat die Jugend keine Taschenmesser mehr dabei, höchstens Taschenmesser-Apps, außerdem haben die Bündnisgrünen den sogenannten Baumfrevel unter schwerste Schandstrafandrohung gestellt: Wer Bäume ritzt, muss mit einem Hausbesuch von Claudia Roth rechnen, und so weit will es nun wirklich niemand kommen lassen.

          Die rettende Lösung kommt, wie so oft, aus den Vereinigten Staaten, dem Innovationsland schlechthin. An der Brooklyn Bridge, der wahrscheinlich längsten Liebesbrücke der Welt, gehen schon seit längerem regelmäßig bolzenschneiderbewehrte Vollernter die Geländergitter ab, um sie von Stahlschrott zu befreien. Inzwischen finden sich kaum noch Liebesschlösser, sondern ganz andere Sachen: festgezurrte Haargummis, Büstenhalter und Wollbeutel, auch Tampons und Kondome, und darüber hinaus und vor allem - Kopfhörer. Rote Kopfhörer. Auch sie ein Zeichen ewiglicher Verbundenheit in lautem Einklang und trauter Harmonie. Warum rote? Weil die roten Gratiskopfhörer, die man auf Stadtrundfahrten erhält, billiger sind als ein paar teure In-Ears von Bose. „Jetzt hängen die Leute einfach den Müll aus ihren Taschen dran“, ringt das Stadtmagazin „Time Out“ um Fassung, doch wir sehen freilich die romantische Komponente.

          „Alles, worauf die Liebe wartet, ist die Gelegenheit“, wusste schon Miguel de Cervantes, und auch wir wissen jetzt, was das für uns und Deutschlands schönsten Bahnübergang bedeutet: Kölner Lover und Liebende des Planeten Erde! Befreit die Hohenzollernbrücke von tausend Tonnen Schlösserschrott und schafft Platz für neuen! Ja, lasst sie uns bauen im Namen der Liebe: die größte Kopfhörersammelstelle der Welt!

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