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Queen Victoria : Ein bisschen gehören wir vielleicht doch dazu

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Hausfrau, Mutter – und Staatsoberhaupt: Schreibtisch der Queen im Osborne House auf der Isle of Wight. Bild: Picture-Alliance

Monarchie als Gegengift zum Brexit: Der Londoner Kensington-Palast und das Osborne House auf der Isle of Wight ehren Queen Victoria, die Großmutter Europas, zum zweihundertsten Geburtstag.

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          Um kurz nach vier, als hinter der Fensterfront der Morgen schon zu ahnen war, tat das Kind den ersten Schrei. Der Vater, Herzog von Kent und Bruder des Prinzregenten George, war bei der Geburt zugegen. Sofort schrieb er an die Schwiegermutter in Deutschland und schloss mit den Worten: „Ich lege eine Zeichnung des Zimmers bei, in dem sie geboren wurde.“ Leider ist diese Zeichnung nicht mehr aufzufinden. Doch eine Außenansicht des Palastes, auf der der stolze Vater das Fenster des Zimmers markierte, hat überdauert und gibt Auskunft über den Geburtsort Victorias. Zuvor war der Herzog mit der schwangeren Gattin, Prinzessin Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld, im Eiltempo durch Europa gebrettert, um vor der Niederkunft englischen Boden zu erreichen. Rasch hatte man im Kensington-Palast ein Speisezimmer im ersten Stock umgeräumt und Victoire dort einquartiert. Alles ging gut, abgesehen von der Tatsache, dass das englisch geborene Kind ein Mädchen war.

          In der Zimmerflucht, in der Alexandrina Victoria am 24. Mai 1819 zur Welt kam und die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens verbrachte, wird zu ihrem 200. Geburtstag ein neuer Rundgang über Kindheit und Jugend der Prinzessin eröffnet. Das Geburtszimmer ist das natürliche Herzstück der Ausstellung; ihr Schlusspunkt ist der Rote Salon im Erdgeschoss, in dem sie als achtzehnjährige Königin am 20. Juni 1837 bei ihrer ersten Kronratssitzung 97 Politikern und Würdenträgern gegenübertrat. Eine weitere Ausstellung in der Pigott Gallery des Palasts hat sich anlässlich des Geburtstags eine Neubewertung der weiteren 63 Lebensjahre der Monarchin vorgenommen.

          Der Vater hinterließ nichts als Schulden

          „Ärgerlicherweise gibt es keine Zeichnungen oder Gemälde, die uns zeigen, wie die Zimmer in Victorias Kindheit aussahen“, erklärt Claudia Williams, die Kuratorin des neuen Rundgangs. Spielsachen, Kleidung und Bücher aus ihrem Besitz sind hingegen noch vorhanden, auch ein Erinnerungsalbum ihrer deutschen Gouvernante Baronin Lehzen zählt zu den Exponaten. In Ermangelung visueller Abbilder der Apartments habe man Tagebücher und Briefe auf Hinweise gefilzt – gelegentlich werden Farben von Teppichen oder Vorhängen erwähnt –, an den Wänden nach Überresten alter Tapeten gesucht und alte Rechnungen durchforstet.

          Rasch hatte man im Kensington-Palast ein Speisezimmer im ersten Stock umgeräumt: Statue Victorias vor dem Kensington Palace.

          Das Ergebnis sind freundliche, in Grüntönen leuchtende Räume, aber keine Interieurs von königlicher Pracht. „Victorias Mutter wusste, dass sie nicht extravagant sein durfte“, so Claudia Williams. Schon ihr Mann hatte sich in ständigen Geldnöten befunden. Als er kurz vor dem ersten Geburtstag der Tochter vorzeitig starb, hinterließ er nur Schulden. Vor allem wusste seine Witwe, dass sie nicht auffallen durfte. Denn der Herzog hatte ihr auf dem Sterbebett die Verantwortung für das Kind übertragen, wiewohl es üblich war, dass der Monarch potentielle Thronfolger unter seine Fittiche nahm. Herzogin Victoire kämpfte fortan nicht nur mit der englischen Sprache, sie lebte auch in ständiger Angst, die Tochter könne ihr weggenommen, entführt, womöglich gar vergiftet werden.

          Fluchtartig verließ sie Kensington

          Die Sorge um das Kind nahm ungewöhnliche Ausmaße an: Victoria durfte Treppen nur unter Aufsicht und möglichst an der Hand einer Vertrauensperson gehen und war niemals unbeobachtet. Ein Raum der Ausstellung ist daher dem „Kensington-System“ gewidmet, jenem Konzept der Überwachung, in dem die Mutter von ihrem Berater John Conroy unterstützt wurde, der sich bereits als Mitregent für eine minderjährige Königin Victoria sah. Hier sind Schulbücher der Prinzessin zu sehen und Benimm-Bücher, in denen sie täglich Rechenschaft über ihr Verhalten ablegte – Vorläufer ihrer berühmten Tagebücher.

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