https://www.faz.net/-gxh-9mfni

Queen Victoria : Ein bisschen gehören wir vielleicht doch dazu

  • -Aktualisiert am
Ein Palazzo für die ruhigen Wochen des Jahres: Osborne House, gebaut 1845 bis 51 auf der Isle of Wight.

„Er war König in allem außer dem Namen“, sagt der Schotte Michael Hunter, seit 21 Jahren Kurator von Osborne House auf der Isle of Wight. Auf der Insel vor der Südküste erwarb das Paar 1845 ein Anwesen mit Park und Meerblick, das Albert nach seinen Entwürfen umbauen und erweitern ließ. Noch heute ist der italienisch anmutende Palazzo der wichtigste Besuchermagnet der Insel – neben der Landschaft selbst, die sich seit dem neunzehnten Jahrhundert wenig verändert hat und noch heute dazu taugt, Sehnsüchte nach einer imaginären guten alten Zeit zu stillen. Victoria fand hier für einige Monate im Jahr Frieden und Abgeschiedenheit. Trotzdem machte sie die Isle of Wight auch für andere Gäste attraktiv. Prominentere Zugänge waren ihr Hofdichter Alfred Tennyson, der 1853 auf die Insel zog, und die viktorianische Fotografin Julia Margaret Cameron, die 1860 mit ihrem Mann folgte.

Hier arbeiteten sie Seite an Seite

Victoria und ihre Familie erreichten die Insel von London aus in vier Stunden, heute ist der Weg mit Eisenbahn und Hovercraft in gut zweien zu schaffen. In Osborne House werden die Geburtstage Victorias und Alberts ab dem 24. Mai mit der Ausstellung „Royal Presents at Osborne“ gewürdigt. „Achtzig Geburtstagsgeschenke der beiden sind noch hier“, sagt Hunter. Insgesamt umfasse das Inventar von Osborne House zehntausend katalogisierte Objekte. Mit Krawatten und Parfum hielt sich das Paar nicht auf; stattdessen gab es Marmorstatuen der Kinder, Kristalllüster für den Salon oder wenigstens Miniaturkopien griechischer Götterstatuen.

Victoria, eine Rabenmutter? Wohl eher nicht: Ein Kinderzimmer in Osborne House.

„Dies ist das wahre Victoria and Albert Museum“, sagt Kurator Hunter, und tatsächlich gewährt das Haus intime Einblicke in das Leben der einzigen Familie, die es bewohnte. In Victorias Wohnzimmer schieben die Besucher sich an den Schreibtischen des Paars vorbei. Hier arbeiteten sie Seite an Seite und betrachteten am Abend den Mondschein über dem Meer. An der Wand hängt ein erotisches Gemälde ihres Hofmalers Franz Xaver Winterhalter, ein Geschenk der Königin an Albert. Im Kinder-Schlafzimmer mit einer Wiege und Bettchen für die Jüngsten spielt eine Spieluhr in Form eines Schlosses eine Melodie Richard Wagners. An der Wand zeigt eine Tafel die Verflechtungen der Familie mit den herrschenden Häusern Europas. „Es ist unser Gegengift zum Brexit“, so der Kurator.

Osborne war das Refugium der Familie und wurde zu ihrem Schrein. Die Wände sind mit Familienbildern gepflastert. Porträts und Büsten Alberts auf jedem zweiten Möbel zeugen von der Trauer um den 1861 in Windsor Castle Verstorbenen. Nach seinem Tod schottete Victoria sich für drei Monate in Osborne House ab. Nichts durfte in Alberts Räumen verändert werden. Noch vierzig Jahre später wurde täglich heißes Wasser zum Waschen in sein Ankleidezimmer gebracht. Am Fußende ihres Bettes prangt eine Plakette mit den Daten der ersten und letzten Nacht, die das Paar hier verbrachte. „Eine Trauertherapie wäre sicher eine gute Idee gewesen“, meint Hunter, der die Königin „unendlich faszinierend“ findet.

Eine Standuhr aus Sèvres-Porzellan im Council Room war das Geschenk von Victorias Enkel Wilhelm II. Der deutsche Kaiser, Sohn der ältesten Tochter Vicky und des preußischen Friedrich III., war bei Victoria, als sie am 22. Januar 1901 in ihrem Schlafzimmer starb. Edward VII. schenkte das Anwesen nach dem Tod seiner Mutter der Nation und machte das Erdgeschoss öffentlich zugänglich. Die erste Etage mit den privaten Gemächern der Familie ließ sichern. Erst die heutige Königin beschloss als junge Frau, auch diese Räume zu öffnen.

Vom Geburtsort zum Sterbebett

• Anreise: Von der Waterloo Station ist man per Zug in anderthalb Stunden in Portsmouth und Southsea (Rückfahrkarte bei Southern Railway ab 30 Pfund). Von dort per Fähre oder in zehn Minuten per Hovercraft (Rückfahrkarte 24,10 Pfund, für Kinder 12,20 Pfund, www.hovertravel.co.uk) nach Ryde auf der Isle of Wight.

• Kensington Palace: Der Palast ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet (November bis Februar bis 16 Uhr). Die neuen Ausstellungen öffnen am 24. Mai, der Eintritt ist im Preis (bei Online-Buchung 17,50 Pfund für Erwachsene, 8,70 Pfund für Kinder von 5–15 Jahren) inbegriffen. Die Ausstellung „Victoria: Woman and Crown“ wird bis 7. Januar zu sehen sein, der neue Rundgang bleibt fünf Jahre. Näheres unter www.hrp.org.uk.

• Osborne House: Das Haus ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet für Erwachsene 18,50 Pfund, für Kinder 8,40 Pfund. Mit Gärten und Park sollte man einen Tag für den Besuch einplanen. Im November findet an drei Tagen ein Kongress mit Vorträgen im indischen Drawing Room statt. Näheres unter www.english-heritage.org.uk.

• Alfred Lord Tennyson: Tennysons Haus Farringford in Freshwater Bay ist seit 2017 zu besichtigen (April bis Oktober mittwochs bis samstags mehrmals täglich Führungen; Buchung wird empfohlen). Eintritt 11 Pfund, für Kinder 6 Pfund. Näheres unter farringford.co.uk.

• Übernachten: Im 1832 eröffneten Hotel „The Royal“ an der Südostküste der Isle of Wight trank Queen Victoria einst Tee. Heute kann man hier in typisch englischem Ambiente nächtigen und im Restaurant sehr gut speisen. Das DZ mit Frühstück kostet ab 195 Pfund (Belgrave Road, Ventnor, Isle of Wight, www.royalhoteliow.co.uk). Auch die Ketten Travelodge und Premier Inn sind vertreten.

• Allgemeine Auskünfte unter www.visitbritain.com.

Weitere Themen

Der grandioseste Fluglärm des Planeten Video-Seite öffnen

Karibikinsel Sint Maarten : Der grandioseste Fluglärm des Planeten

Auf der ganzen Welt protestieren Menschen gegen Fluglärm. Auf der ganzen Welt? Nein! An einem kleinen Strand auf der Antilleninsel Sint Maarten ist das ganz anders. Dort liegt die Start- und Landebahn des Princess-Juliana-Flughafens direkt hinter dem Maho Beach: ein Treffpunkt von Fluglärmenthusiasten aller Länder.

Ein Schlag für das Königreich

Rückzug von Meghan und Harry : Ein Schlag für das Königreich

Die britische Königin scheint „not amused“ von der Nachricht, dass sich Harry und Meghan von der „Firma“ lösen wollen. Das Paar hat den „Megxit“ offenbar seit Monaten heimlich vorbereitet. Für die Königsfamilie ist das ein schwerer Verlust.

Topmeldungen

Libyens Rebellenführer Haftar : Der eigensinnige Kriegsherr

Die Bemühungen um Frieden in Libyen kreisen vor allem um Chalifa Haftar. Er gilt als ausgesprochen stur - sogar seinen Förderer Putin stieß er vor den Kopf. Auf Betreiben der Vereinigten Arabischen Emirate?

Bundesliga im Liveticker : Frankfurt, Köln und Freiburg führen

Im Titelkampf ist Dortmund gefordert. Ein Augsburger Tor zählt nicht. Wolfsburg vergibt große Chancen und bekommt die Quittung. Besser machen es die Eintracht und der Sport-Club. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.
Die Bundesliga in Aktion: Die Medienpartner verlangen nach Spannung.

TV-Vermarktung : Das Milliardenspiel der Topklubs

Die deutschen Topklubs stehen vor der größten Auktion ihrer Geschichte. Die Vermarktung der Fernsehrechte spült ihnen Milliarden in die Kassen. Streaming-Dienste bringen sich in Position – und das Kartellamt ist alarmiert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.