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Queen Victoria : Ein bisschen gehören wir vielleicht doch dazu

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Ballkleid Queen Victorias: Dieses Exponat wird im Sommer im Buckingham Palace zu sehen sein.

Ein anderer Raum ist in dunkles Rot getaucht. Hier werden Schlüsselszenen ihrer Lieblingsopern und Theaterkostüme der Epoche gezeigt. Oper, Theater und die Romane von Walter Scott öffneten Victoria eine Gegenwelt zur klaustrophobischen Atmosphäre im Palast. Tatsächlich schliefen Mutter und Tochter im selben Zimmer, bis sie am 20. Juni 1837 die Nachricht erreichte, dass William IV., ihr letzter überlebender Onkel, verstorben war. Victoria war – gerade volljährig geworden – die neue Königin. Fluchtartig verließ sie Kensington, zog in den Buckingham Palace und brachte die Mutter einige hundert Meter entfernt am anderen Ende des Palasts unter.

Hausfrau, Mutter und Oma der Nation

Im Königreich blickt man mit Nostalgie auf die Ära der Monarchin, die dreiundsechzig Jahre lang regierte. „Es ist die Zeit, in der wir am erfolgreichsten waren“, erklärt Claudia Williams. „Zudem verkörpert sie Konstanz. Sie war immer da, eine tröstliche Präsenz.“ Als Hausfrau, Mutter und Oma der Nation gelang es ihr, hinter einer Fassade quasibürgerlichen Familienlebens vieles vergessen zu lassen: dass sie als Frau an der Spitze eines Weltreichs stand, dass sie eine halbe Deutsche war, dazu mit einem Deutschen verheiratet, und dass sie mit der Jahrzehnte währenden Trauer um den vergötterten Gatten Albert Nerven und Wohlwollen ihrer Untertanen ziemlich strapazierte.

Das Arrangement, das zur Romanze wurde: Victoria und Prinzgemahl Albert im Jahr 1861.

In Victoria verbinden sich Widersprüche, die Britannien in den Zeiten des Brexits mehr denn je beschäftigen. Ein Gemälde, das die Mutter von neun Kindern mit fast allen ihrer vierzig Enkel aus allen Teilen Europas zeigt, hängt in der Ausstellung über die erwachsene Monarchin. „Es soll zeigen, wie stark unsere Geschichte mit der Europas verbunden ist“, erklärt Polly Putnam, die diese Ausstellung kuratiert. Victoria hatte ihre Kinder in die Königs- und Fürstenhäuser Europas und ins russische Zarenreich verheiratet, auch in der Hoffnung, die Nationen zu verbinden.

Victorias Image als desinteressierte Mutter hält Putnam die Zeichnungen – mehr als vierhundert sind erhalten – entgegen, die die Königin von ihren Kindern anfertigte, und Kleidungsstücke, etwa eine Schürze, die sie zum Baden zumindest der ersten Kinder trug. Auch Victorias schleppende Trauerbewältigung möchte sie differenzierter betrachten. „Es war ihre bewusste Entscheidung, nach Alberts Tod dauerhaft Trauer zu tragen“, sagt sie und deutet auf die elaborierte Spitze eines Oberteils aus den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das – ebenso wie ein Baumwollunterrock aus der Zeit ihrer Hochzeit sowie zehn Roben – zum ersten Mal im Palast ausgestellt ist. „Ihre Kleider waren schwarz, aber aufwendig verziert. Es war eine Form des Power Dressing, so wie heute manche Managerinnen Schwarz tragen.“ Victoria habe sich als devote Ehefrau stilisiert, aber eben auch einen Job gehabt: „Sie hat als Königin zehntausend Gesetze gelesen und unterschrieben.“

Dem Prinzen einen Heiratsantrag gemacht

Viele davon gemeinsam mit Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, ihrer großen Liebe. Im Süden Kensingtons zeugen das Victoria and Albert Museum, die Royal Albert Hall, das Albert Memorial und zahlreiche andere Bauten vom Wirken des Prinzgemahls und Victorias Liebe zu ihm. „Ich habe mich entschieden“, notierte sie im Oktober 1839 in ihrem Tagebuch, „und Albert heute morgen informiert.“ Die Königin hatte dem Prinzen einen Heiratsantrag gemacht. Wenige Tage zuvor hatten sie sich nach vier Jahren wiedergesehen. Was als Hochzeitsplan der Eltern begann, nachdem Cousine und Cousin im Abstand von drei Monaten durch dieselbe Geburtshelferin entbunden wurden, entwickelte sich zur Romanze. Albert sollte sich am Hof zunächst zwar recht überflüssig fühlen. Doch als Victoria meist schwanger war oder unter postnatalen Depressionen litt, nahm er ihr mehr und mehr Arbeit ab, und ihr gefiel es, den klugen Mann entscheiden zu lassen.

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