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Londoner East End : Der lockende Stern des Jesus von Nazareth

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Tote Hose war gestern: Über mangelnde Gesellschaft muss sich im East End niemand mehr beklagen Bild: Christian Kerber/laif

Jack the Ripper meuchelt im Londoner East End keine leichten Mädchen mehr. Heute hantieren hier nur noch Köche mit dem Messer - und bescheren dem Stadtviertel eine fulminante Karriere als neue Hochburg für Genießer.

          The East End: Das war in London lange Zeit ein Ort des Grauens mit Untertönen von Verwerflichkeit der verkommensten Art. Kein Wunder, schließlich sündigte hier Dorian Gray ungestraft und nach Herzenslust, während Jack the Ripper unerkannt in nebeligen Nächten Prostituierte meuchelte, von denen es dort damals mehr als andere Einwohner gab. Noch in den achtziger Jahren besangen die Pet Shop Boys die West End Girls, die verbotenerweise die East End Boys trafen - dem Establishment liefen da kalte Schauer über den Rücken. Über Jahrhunderte hinweg hat London alles, was unerwünscht war, in das Niemandsland jenseits der östlichen Stadtmauern verbannt. Der Wind blies ostwärts, also dorthin bitte auch mit allem, was schlecht roch und schmutzig war - Industrien wie Immigranten.

          „Als ich im East End ankam und mein erstes Restaurant eröffnete, schüttelten alle nur den Kopf. Wer lebte hier schon außer Einwanderern und Künstlern? Geld hatte von denen niemand“, sagt der Meisterkoch Nuno Mendes. Sein erstes Lokal ging in Konkurs, der Portugiese aber blieb. Sein zweites Restaurant, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete „Viajante“ im Hotel Town Hall in Bethnal Green, ist an jedem Tag ausgebucht, vor allem das hochexperimentelle Zwölf-Gänge-Degustationsmenü mit begleitenden Weinen lockt Feinschmecker aus der ganzen Stadt in den Londoner Osten. „Es war hier damals wie in New York in den Achtzigern. Den Künstlern folgte erst das Geld, dann kamen die Touristen. Man wurde neugierig auf uns. Und davon profitieren wir jetzt alle.“ Mendes, der mit seinen sanften Augen und dem dunklen Bart an gängige Darstellungen von Jesus von Nazareth erinnert, ist nur eine der Gallionsfiguren der neuen Entwicklung im Osten. Denn das East End ist nicht mehr nur das Londoner Stadtviertel mit der höchsten Künstlerdichte und für seine Galerien wie die „White Cube“ weltbekannt, sondern inzwischen auch die neue kulinarische Hochburg der britischen Hauptstadt.

          Poppies Trick mit der Zeitung

          Rund um den Spitalfields Market im Herzen des East End isst man am besten. Vor sechshundert Jahren stand hier das St. Mary Spital, bis Heinrich VIII. es für seine Schießplätze dem Erdboden gleichmachte - daher der Name des überdachten Marktes wie auch der umliegenden Gassen: Die Artillery Passage nahe der Gun Street ist eine der letzten authentischen East End-Gassen. Der Spitalfields Market selbst ist indes bis auf einen Hauch seiner ehemaligen Seele gentrifiziert worden. Doch für diesen Hauch lohnt sich ein Spaziergang durch die Hallen. Die Stahlkonstruktionen überlebten sogar „The Blitz“, das Bombardement der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Die empörten Händler kauften damals ihr eigenes Spitfire-Kampfflugzeug, um Hitler persönlich abzuwehren.

          Zweihunderttausend Menschen aus allen Kontinenten leben im East End, hundert Sprachen werden hier gesprochen. Die ersten Einwanderer kamen aus Irland, und bis heute hält der bekannte Chef Fergus Henderson mit seinem Lokal „St. John’sBread & Wine“ die Fahne der typisch irischen „Head to Tail“-Küche hoch, in der alle Teile des Tieres verwendet werden, vom Kopf bis zum Schwanz. Sein Bacon Sandwich ist in der ganzen Stadt ebenso berühmt wie die gepökelte Ochsenzunge. Dem Fleisch in allen Variationen huldigt auch der junge Chef Isaac McHale vom Restaurant „The Clove Club“, der die klassische britische Küche intelligent neu interpretiert. „Wir wollen keine Kopie von Brooklyn sein, wie so viele andere. Das East End lässt uns alle Freiheit. Die Gegend wird langsam erwachsen, und wir helfen ihr über die Pubertät hinweg“, sagt McHale. Am stolzesten ist er auf seine Charcuterie, die von glücklichen, wohlgenährten Schweinen aus Gloucester geliefert wird.

          Einen Steinwurf weiter wird im „Poppies“ Londons bestes Fish & Chips geboten, das bekannteste kulinarische Duo der Insel, erfunden im Jahre 1860 von einem jungen Dockarbeiter namens Joseph Malin. Im „Poppies“ steht „Jack the Kipper“ inmitten eines Dekors zwischen amerikanischem Diner und Bildern von East-End-Größen seit 51 Jahren am Rost. Seine nach Geheimrezept gemischte Panade besteht nur aus Mehl und Wasser, die Mushy Peas leuchten appetitlich grün aus dem Zeitungspapier, das er über den Tresen reicht. Poppy, der namensgebende Eigentümer des Lokals, umging einst schlau das Gesetz: Als Tüten aus Zeitungen wegen der giftigen Tinte verboten wurden, druckte er mit verträglicher Tinte einfach seine eigene Zeitung.

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