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London-Reiseführer im Test : Warst du schon da, oder entdeckst du noch?

„Nebel über dem Ärmelkanal – Kontinent isoliert“, lautete eine legendäre Zeitungsschlagzeile. Auf unserem Bild hat der Herbstnebel London im Griff, da können auch Reiseführer nicht für Durchblick sorgen. Bild: dpa

Das Pfund ist schwach, und noch kommt man ohne Visum hin – die Zeit für einen Besuch der britischen Hauptstadt ist günstig. Aber welcher Reiseführer aus dem großen Angebot taugt auch etwas? Ein Praxistest.

          7 Min.

          Das ist ja das Schöne am Reisen: dass am Ende alles anders wird als ursprünglich geplant. Weil man dem Laub folgt, das der Wind in den Straßen vor sich hertreibt, statt den Wegweisern. Weil man auf die Empfehlung eines Nachbarn an der Theke reagiert statt auf den Insidertipp eines Reiseführers. Oder man wegen eines fotokopierten Hinweises, der an einem Laternenmast klebt, kurzentschlossen das Programm für den Abend ändert.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Und genau darum hat der Raum für Notizen auf den letzten Seiten von Reiseführern eine so lange Tradition. Die Telefonnummer einer flüchtigen Bekanntschaft, ein gutes Lokal, die Adresse des Ladens, der auf genau das spezialisiert ist, ohne das man fortan nicht länger leben kann: Wo wären derlei Entdeckungen besser aufgehoben als am Schluss jenes Buchs, das einem ursprünglich den Weg durch die Stadt hatte weisen sollen?

          Zumal Reiseführer erst nach einem halben Menschenleben fortgeworfen werden. Das wurde vor langer Zeit einmal mit Untersuchungen belegt, die den Verlagen wenig Freude bereiteten, weil es die potentielle Zahl der Kunden für die jährlich aktualisierten Auflagen erheblich nach unten drückt. Mit den schmalen Baedekern der Reihe „Smart“ (Verlag Karl Baedeker, 224 S., herausnehmbarer Stadtplan, 14,99 €) wurde nun ein Weg gefunden, der es einem leichtmacht, sich vom Reiseführer zu trennen: ein eingelegtes Blatt mit der Überschrift: „10 Gründe wiederzukommen“. Das hängt man sich in der Küche an die Pinnwand und nimmt es fortan immer wieder mit, zum Beispiel nach London. Braucht man dann allerdings überhaupt noch mehr?

          Attraktionen aus vielerlei Perspektiven

          John Sykes glaubt ja und nennt „111 Orte in London, die man gesehen haben muss“ (Emons Verlag, 240 S., 14,95 €). Das ist ein schmissiger Serientitel, dessen Anspruch sich mit London vielleicht besser als mit jeder anderen Stadt der Welt erfüllen lässt. Doch bemüht sich Sykes erkennbar um Originalität, anstatt die endgültige To-do-Liste zusammenzustellen, und nennt Orte, auf die man selbst nach zigmaligen Besuchen der Stadt gerne noch verzichtet. Umso trauriger, dass seine Sammlung von Kuriosa nicht einmal als Schmöker bei einer Tasse PG Tips Tea in Frage kommt, denn die Texte lesen sich, als seien sie von einem elektronischen Übersetzungsprogramm ins Deutsche übertragen worden. Und so genügt schon ein Grund, die Finger von dem Buch zu lassen.

          Bewacht die Königin und dient gleichzeitig als Touristenmagnet: ein Soldat der Queen’s Guard.

          Dann lieber „99 × London, wie Sie es noch nicht kennen“ (Bruckmann Verlag, 192 Seiten, 13,99 €), in dem Jörg Berghoff in eine Arena für Amateurboxkämpfe führt, zu Konzerten auf einer Dachterrasse oder zur höchsten Toilette Westeuropas mit der schönsten Aussicht über die Stadt. Manches allerdings ist so knapp vorgestellt, dass es nahezu blindes Vertrauen in den Autor verlangt. Als Beileger für den Band könnte man sich ein Blatt vorstellen mit der Überschrift: „10 Orte für den Fall, dass einem unterwegs einmal langweilig wird.“ Und wenn man nun überhaupt noch nie in London war? Gerade dann wünscht man sich den Kenner. „Da müsst ihr hin!“, soll er nicht sagen, sondern befehlen. Lilly Nielitz-Hart und Simon Hart machen das gleich zweimal. Für die Reihe „City Trip Plus“ (Reise Know-How, 312 S., herausnehmbarer Stadtplan, 11,95 €) legen sie das Programm für einen Tag, ein Wochenende und einen fünftägigen Aufenthalt so minutiös wie überzeugend fest – allerdings braucht man anschließend Urlaub.

          In ihrem zweiten Buch sortieren sie „101 London Geheimtipps und Top-Ziele“ (Iwanowski’s Reisebuchverlag, 252 S., herausnehmbarer Stadtplan, 15,95 €) nach neun thematischen Schwerpunkten, nun aber kreuz und quer über die Stadt verteilt. Man findet darin die Uhrzeit der Wachablösung am Buckingham-Palast ebenso wie den Preis für die Aufzugfahrt zu Londons höchstem Punkt, der Spitze des Turms „The Shard“, entworfen von Renzo Piano, erst 2013 eingeweiht, aber schon jetzt das Wahrzeichen Südlondons – wenngleich sich, wie im Text ausgeführt wird, längst eine Lobby gegen all die neuen Wolkenkratzer gebildet hat. Das ist die Qualität dieses Buchs: Es stellt seine Attraktionen aus vielerlei Perspektiven vor. Wie man sie bei einem Stadtbesuch miteinander verbindet, bleibt hingegen jedem selbst überlassen.

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