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Lois Hechenblaikners Ischgl : Superspreader

Bierkönige: Wahrscheinlich haben die Herrschaften das alles selbst ausgetrunken. Bild: Lois Hechenblaikner

In keinem anderen Wintersportort wurden bis Corona wildere Partys gefeiert als in Ischgl. Der Chronist dieser Exzesse ist Lois Hechenblaikner, der mit seinen Fotografien die Entwürdigung der Berge anprangert.

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          Lois Hechenblaikner klagt an, doch wir werden im Angesicht seines bildgewaltigen „J’accuse“ melancholisch und fordern Freispruch, weil uns das Virus keine andere Wahl lässt. Seit einem Vierteljahrhundert dokumentiert der Tiroler Fotograf die Exzesse des Spaßtourismus im Tiroler Skidorf Ischgl und ist dabei fast so obsessiv wie die Feiernden selbst. Für Hechenblaikner ist Ischgl ein „Delirium Alpinum“, der Schandfleck seines heimatlichen Bundeslandes, ein Sodom und Gomorrha im Schnee, in dem gesoffen und gehurt, gegrölt und gekotzt wird, was das Zeug hält. Seine Bilder sind schockierende Zeugnisse der Hemmungslosigkeit, Maßlosigkeit, Besinnungslosigkeit, Geschmacklosigkeit. Sie zeigen lächerlich verkleidete Männergruppen im Vollrausch und blödsinnig grinsende Kerle, die alle identische T-Shirts mit sexistischen Sprüchen tragen wie „Fotzen Ischgl Wo“, „Muschifreunde Karlsruhe“ oder „Brustvergrößerung durch Handauflegen nur 1,– “. Man sieht Berge leerer Bierfässer und Halden geköpfter Champagnerflaschen, Plakate für Table-Dance in Lack und Leder und Werbungen für die „Schihaserl Erotikshow“. Sexpuppen werden allerlei Unappetitlichkeiten in den After gesteckt, Kerle in Lederhosen simulieren mit Dirndlträgerinnen den Geschlechterverkehr vor versammelter Mannschaft, und in jeder Ecke liegt eine Alkoholleiche.

          Exzess als Markenzeichen: Nicht nur der Durst ist in Ischgl maßlos. Bilderstrecke
          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Es ist eine Anklage von brutaler Direktheit bar jeder Subtilität und hart an der Grenze des Voyeurismus, denn Hechenblaikner kann es gar nicht krass genug sein. Ischgl ist bei ihm ein Ort, an dem kein Mensch von nüchternem Verstand sein will, und selbst nach einer Flasche Wein wirkt das alles ekelhaft und abstoßend. Um seine Botschaft zu unterstreichen, dass in Ischgl absolut nichts schön und gut ist, streut er immer wieder Fotografien schemenhafter Skiberge im Nebel und Schneetreiben zwischen seine Partybilder, ganz so, als sei der Ort von der geschändeten Natur verflucht und mit ewiger Trübnis gestraft worden. Wenn er aber das Smartphone einer Kellnerin in der „Champagnerhütte“ mit einer Rechnung für drei Flaschen Montrachet über 8770 Euro fotografiert, läuft seine Anklage Gefahr, in Kleingeistigkeit zu enden: Natürlich ist das fürchterlich viel Geld, aber solche Preise werden für die besten Weine der Welt auch anderswo gezahlt – und im Übrigen wären wir bei dieser Runde sehr gern dabei gewesen, weil sich kein seriöser Weinliebhaber diesen legendären Burgunder freiwillig entgehen lässt.

          Dass Ischgl auch ein grandioses Skigebiet mit einer der besten Pisteninfrastrukturen der Alpen hat, dass es dort ein halbes Dutzend Feinschmeckerlokale gibt und man den Champagner gesittet aus dem Glas trinken kann, statt ihn sich auf den Hintern schütten zu lassen, kommt beim Racheengel des Tiroler Exzesstourismus nicht vor. Viel lieber liefert dieses Buch virologisches Anschauungsmaterial im Überfluss. Wer die Bilder sieht, versteht sofort, warum ein ganzes Dorf zum Superspreader wurde und das Coronavirus seinen Weg von den Après-Ski-Bars im Paznauntal nach halb Europa fand – Ischgl hätte uns sehr viel Ärger ersparen können, wenn es sich besser zu benehmen wüsste. Und dennoch wird man nicht wütend, sondern nostalgisch, wenn man die Fotografien sieht, so scheußlich, so derb ihre Protagonisten auch sein mögen. Denn Spaß wird uns allen für lange Zeit verwehrt sein, er ist vorerst Geschichte, verbotenes Verhalten im Hochrisikogebiet. Wir sehen, was wir nicht mehr tun dürfen, und werden es vermissen, auch wenn wir es selbst niemals tun würden. Wir müssen jetzt vernünftig sein, vielleicht für immer. Das ist der wahre Schrecken.

          „Ischgl“ von Lois Hechenblaikner, mit einem Nachwort von Stefan Gmünder. Steidl Verlag, Göttingen 2020. 240 Seiten, 205 Abbildungen. Gebunden, 34 Euro.

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