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Limoges feiert das Fleisch : Das Jesuskind und der Mythos von der Niere

  • -Aktualisiert am

Wenn das Metzgerbeil auf den Holzblock rauscht

Der Höhepunkt des Fests vereint weltliche und religiöse Aspekte. Im blassen Licht des zu Ende gehenden Tages zertrennt der Bürgermeister mit einem Metzgerbeil ein Band auf einem Holzblock. Einen Augenblick danach geht der Jubel der Menge in Musik über. Die Damen der École du Barbichet in ihren prächtigen, bestickten Brokatkostümen schreiten durch eine enge Gasse zwischen den Schaulustigen in Richtung Kapelle, große weiße Spitzenhauben auf dem Kopf, alte Drehleiern und Akkordeons in den Händen. Sie spielen den Metzgermarsch. Ihnen folgen die Männer in ihren frackartigen Wamsen mit Samtkragen und eine Sänfte, auf der eine Marienfigur thront, Notre Dame de la Pitié. Alles Lärmen, alles Drängen, alles Kauen und Schlucken hat für einige Minuten ein Ende. In der feierlichen Stille ist jeder Ton des schönen Marsches zu vernehmen. Nach dem Gebet vor der Kapelle brandet der Lärm wieder auf, mächtiger noch als zuvor. Jetzt, in der Dämmerung, sind die engen Gassen bis zum Bersten gefüllt. „In ein paar Stunden kann man die Straße von oben bis unten durchqueren, ohne laufen zu müssen“, sagt Michel Toulet, „man wird von der Masse der Besucher getragen.“

Das Jesuskind beißt herzhaft in eine Niere. Das behauptet hartnäckig die lokale Folklore. Doch ist es wirklich so?

Die Frairie des Petits Ventres gibt es seit 1973. Sie war ein Protest gegen den Plan der damaligen Stadtregierung, die alten Häuser des Metzgerviertels abzureißen und große Wohnblöcke auf dem geschichtsträchtigen Hügel zu errichten. Der Protest hatte Erfolg. Das Fest hat sich seitdem verändert. Zunächst wuchs es Jahr um Jahr, inzwischen hat es bis zu vierzigtausend Besucher. In den vergangenen Jahren aber, so klagt Pierre Lamige, habe es sich in eine Art Event verwandelt. Das ziehe auch Menschen an, denen die Traditionen egal seien. „Auch heute wieder werden nach Mitternacht junge Leute sturzbetrunken vor der Kapelle auf dem Boden schlafen.“

Eine Kalbsniere für jeden neuen Erdenbürger

Fünfzehn Stunden dauert das Fest. Während dieser Zeit bäumt sich die bewegte Vergangenheit des Viertels noch einmal auf, um während der verbleibenden 364 Tage des Jahres mehr und mehr zu verblassen. Stéphanie Cuq, die Inhaberin des Gasthauses gegenüber der Kapelle, macht diese Entwicklung an der begehrtesten Spezialität des Fests deutlich. Die Einwohner von Limoges nennen sie Amourettes. Hinter dem harmlos, fast lieblich klingenden Namen verbergen sich Hammelhoden. Sie werden in Öl gebraten, mit Essig abgelöscht und mit Petersilie und gehacktem Knoblauch serviert. „Wir allein haben heute sechzig Kilo Hoden verkauft, und das innerhalb von fünf Stunden. Die Leute haben nicht gegessen, sie haben geschlungen“, sagt Cuq. Das sei aber die Ausnahme. Auf der regulären Speisekarte ihres Gasthauses findet man Amourettes nicht mehr, genauso wenig wie Herz, Nieren, Hirn oder Andouillette. „Andouillette konnte man noch vor zwanzig Jahren im Restaurant servieren. Jetzt nicht mehr. Wenn jemand das isst, essen alle anderen mit – wegen des intensiven Geruchs. Das kann man keinem vermitteln.“ Die Hälfte der Hauptgerichte, die sie verkauft, sind inzwischen Fischgerichte. „Und das in der Straße der Metzger!“

Der gesellschaftliche Wandel hat die Herzkammer des Fleischessertums erreicht. Und so hat es vielleicht ein Gutes, dass die „Vierge au rognon“ in Wirklichkeit eine „Vierge aux fleurs“ ist. Die Geschichte mit der Niere ergibt zumindest auf den ersten Blick trotzdem einen Sinn. „Wenn eine Kundin ein Kind zur Welt brachte, schickte der Metzger eine ganze Kalbsniere als Willkommensgeschenk für den neuen Erdenbürger. Meine Mutter hat nach meiner Geburt noch eine bekommen“, sagt Michel Toulet. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nieren-Jungfrau ein Mythos sei, in die Welt gesetzt von den Metzgern, aus purem Eigeninteresse. „Wenn man die Statue ganz genau anschaut fällt einem das auf.“ In der Tat: Unten aus der Hand des kleinen Jesu ragen Stengel heraus, ebenso wie aus der rechten Hand der Jungfrau Maria, mit der sie einen Blumenstrauß hält. „Das Jesuskind“, so Toulet, „beißt in keine Niere. Es riecht an Blumen.“

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