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Limoges feiert das Fleisch : Das Jesuskind und der Mythos von der Niere

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Fünfhundert Jahre Metzger-Monopol

Warum nun hatten Metzger so viel Einfluss in Limoges? Aus Michel Toulet, einem studierten Rechtshistoriker, dem Chronisten der Stadtgeschichte, sprudelt es nur so heraus. „Die Blütezeit von Limoges begann nach dem Ende der Christianisierung Europas. Limoges liegt am Jakobsweg. Die Pilger brachten Handel und Wohlstand.“ Davon profitierten die Metzger, von denen es in diesem von Viehzucht geprägten Landstrich schon immer viele gab. Ihre Zunft in Limoges wurde 913 gegründet, die erste urkundliche Erwähnung der Bruderschaft Saint-Aurélien fällt ins Jahr 1315. „Man darf nicht vergessen: Die Metzger waren nicht nur Herren über Fleisch, sondern auch über Leder, Hufe und Hörner, die für die Herstellung von Schuhen, Leim und Kämmen gebraucht wurden.“

Es klimperte in den Schatullen der Metzger. 1537 schließlich war das Jahr, in dem ihre Macht zementiert wurde. „Bis dahin konnte jedermann Metzger sein“, so Toulet. „Einige taten sich nun zusammen und verknappten das Angebot, um die Preise nach oben zu treiben. Der Magistrat protestierte; Einwohner und Pilger müssten adäquat versorgt werden. Die Metzger hielten dagegen, es gebe zu viele von ihnen, sie verdienten zu wenig. Nach langem Streit der Kompromiss: Nur noch sechs Familien und deren männliche Nachkommen aus legitimer Ehe durften in Limoges das Metzgerhandwerk betreiben.“ Das sind die Cibot, Parot, Pouret, Plainemaison, Malinvaud und Juge. Sie besaßen nun ein Monopol, das fast ein halbes Jahrtausend lang bestehen sollte. Um das abzusichern, verheirateten die Familien ihre Kinder fast nur noch untereinander. Metzger ist übrigens nicht gleich Metzger in Frankreich. Bouchers verkaufen rohes Fleisch, Charcutiers sind für Gegartes zuständig, und Tripiers verarbeiten Hirn, Herz, Lunge, Kopf oder Füße. Diese Hierarchie spiegelte sich auch in der Straße wider, sagt Pierre Lamige. „Im engen oberen Teil hatten die Innereien-Metzger ihre Läden, im schöneren Teil unterhalb der Kapelle wurden nur die guten Stücke verkauft.“

Das Glück der Lammpansen

In den pittoresken Häusern werden inzwischen unblutige Geschäfte mit Antiquitäten, Büchern oder Wein gemacht. Am Tag des Fests aber verwandeln sie sich ohne Ausnahme in improvisierte Metzgereien oder Wurstbratereien. Spätestens um die Mittagszeit herrscht großes Hallo an jeder Ecke. Jung und Alt, Reich und Arm, Baskenmütze und Baseballcap, halb Limoges scheint hier zu sein, ältere Damen in knappen Kostümen und Stöckelschuhen, Hipster mit Vollbart und Ringel-T-Shirt, Familien mit Kindern. Neben einem zwei Meter hohen Megalith singt ein Barde mit Gitarre Chansons, und ein Bilderbuchfranzose mit Schirmmütze verschlingt ein Kuttelbrötchen. Der Duft gebratener Nieren zieht durch die Luft. „Ich war 1973 zum ersten Mal bei den Petits ventres, da war ich zwanzig“, sagt Christian Parot, Abkömmling einer der sechs Familien. „Seitdem war ich immer dabei. Leute aus ganz Frankreich kommen hierher, nur wegen des Fests.“ Hier auf der Place de la Bareyrette mit ihren roten und weißen Pflastersteinen wurde über Jahrhunderte hinweg das Vieh zusammengetrieben, bevor es nebenan an der Rue des bouchers auf dem Trottoir geschlachtet und vor den Augen der Kunden zerlegt wurde. Erst mit dem Bau des Schlachthofs 1832 fand diese mittelalterliche Praxis ein Ende.

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