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Lille : Lebenskünstler, Malocher und Araber im Bauch der Stadt

  • -Aktualisiert am

Kurz vor dem Abriss gerettet: Die Markthallen in Wazemmes Bild: SRT/ Robert Fishman

Der Liller Stadtteil Wazemme wimmelt vor verpassten Chancen und verhinderten Künstlern: Dichter und Sänger, Maler und Schriftsteller vermischen sich mit Arbeitern.

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          Hier sitzen sie, die verpassten Chancen, die Tagträume und die in Bier und Pastis ertrunkenen Hoffnungen. Jeden Sonntag Nachmittag singt und tanzt Wazemmes in der Cigale am Marktplatz. Nicole zum Beispiel, weit jenseits der 50, schmettert die Lieder der Piaf, bis ihr vom harten Leben und dem vielen Alkohol zerfurchtes Gesicht nur noch strahlt. Immer mehr Gäste stehen auf, singen und tanzen mit. Andere kommen, um beim Bier dem Treiben zuzusehen oder einen leckeren Muschelauflauf für 4,80 Euro zu essen. Während draußen die Markthändler aus Marokko, Algerien, Frankreich, China und Kambodscha ihre Stände abbauen, steigt in der Cigale die Stimmung.

          Im Liller Stadtteil Wazemmes haben Künstler, Poeten, Aus- und Einsteiger, Studenten, Arbeiter und Araber Heimat gefunden. Sie liefern Dimitri, dem Kiez-Schriftsteller, den Stoff für seine Krimis und Kurzgeschichten. "Ich schreibe auf der Straße, da passiert so viel", schwärmt der 31jährige, der seine Wazemmes-Krimis im Eigenverlag unter die Leute bringt. "Schau mal, da drüben wohnt ein Spanier, dort in der Sozialwohnung die Algerier mit ihren acht Kindern und gegenüber ein Kroate, der sein Haus an Portugiesen verkauft hat, die es an eine koreanische Familie vermieten.

          Der tägliche Krimi aus Wazemme

          Am Abend des Marktsonntags trifft man sich dann im Relax, wo jeden Sonntag eine Liveband aus einem anderen Flecken der Welt spielt. Für Dimitri sind das "noch richtige Cafés, in denen sich die Generationen treffen, kommunizieren und nicht diese neuen Themenbars". "Weißt Du", ergänzt ein älterer Tischnachbar, der bisher regungslos in sein Bier gestarrt hatte, "da drüben hat es letzte Woche eine Explosion gegeben." Er zeigt auf einen Lebensmittelladen auf der anderen Seite des Marktplatzes. Weshalb? "Ach, irgendeine Mafia-Geschichte, ich weiß es auch nicht". Stoff für den nächsten Wazemmes-Krimi.

          Noch vor zehn Jahren trauten sich die Liller kaum nach Wazemmes am Südrand der Altstadt. "Das war das Halsabschneiderviertel", bestätigen Dimitri und sein Kumpel Pierre-Alexis, der sich als freier Bildhauer durchs Leben schlägt. Aber jetzt sei es sicher. Dafür hat die Stadtsanierung dem Viertel schwere Wunden geschlagen. "Hier standen überall wunderbare Arbeiterhäuser mit den für Lille typischen Innenhöfen", klagt Pierre-Alexis und zeigt auf die schlammige, vermüllte Brachfläche vor seinem Haus in der rue de l'Hopital St. Roch.

          Die Zukunft geht einen Schritt zurück

          Davor wirbt ein blass gewordenes Plakat: "Hier bereitet die Stadt Lille die Zukunft Ihres Viertels vor". Die hat in Wazemmes inzwischen begonnen. In einer Seitenstraße hat der erste teure Designerladen aufgemacht, immer mehr leer stehende Textilfabriken werden zu edlen Lofts umgebaut - oder zu Häusern der Verrücktheiten. "Maison de la Folie" nennt die Stadt ihr erstes Projekt für das Kulturhauptstadt-Jahr 2004. In einer alten Spinnerei entstehen Künstlerateliers, Werkstätten und andere Räume "für kreative Bürger".

          Die Wazemmer sind skeptisch. Wollte doch die sozialistische Stadtverwaltung ihnen erst kürzlich das Herzstück ihres Viertels rauben. Aus der Markthalle sollte ein Kino werden. Nachdem fast 20.000 Einwohner dagegen protestiert hatten, entschuldigte sich Bürgermeisterin Martine Aubry per öffentlichem Aushang: Die Stadt wolle die mehr als 100 Jahre alten Hallen als Erbstück Lilles erhalten und sei stolz auf die bunte Lebendigkeit des Wazemmer Marktes.

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