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Lille : Kunst im Art Déco Schwimmbad

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Zwischen Chlor und Kunst: Früher Schwimmbad, heute Kunsthalle. Aber immer Art Déco Bild: SRT/ Robert Fishman

Die ehemalige Schwimmhalle in Roubaix, heute ein Museum, erzählt von harter Arbeit in trostlosen Fabriken. Früher sollte sie den Arbeitern den Alltag versüßen.

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          Mein Notizbuch riecht immer noch süßlich und ein bisschen nach Zitrone. Das Museum, das sich zu Frankreichs schönstem erklärt hat, verteilt Riechstäbchen an seine Besucher. "Osterblumen" steht auf dem Papierstreifen zum gleichnamigen Gemälde des flämischen Malers Ernest Quost. "Schwimmbad" auf einem anderen. Der Parfümeur hat sich bemüht, den Geruch eines Hallenbads hinzubekommen. Vergeblich. Macht nichts.

          Das Schwimmbad von Roubaix ist schließlich inzwischen ein Museum - das Museum für Kunst und Industrie. Um das olympiamaßgroße Becken stehen makellos weiße römische und griechische Statuen, in jeder der ehemaligen Umkleidekabinen zeigt Roubaix ein Stück seiner Geschichte. Es ist die Geschichte harter Arbeit in trostlosen Spinnereien, Webereien, Karderien, die Geschichte einer stolzen Arbeiterschaft und die der Fabrikanten, die ihren Reichtum in die inzwischen verfallenden Fassaden der Innenstadt meißeln ließen.

          Eine Schwimmhalle statt Badezimmer

          Als das Tuch noch das Gold des Nordens war, entschied der Stadtrat im Jahr 1912, den Arbeitern ein Schwimmbad zu errichten. Weil es in den schnell neben die Fabriken gebauten Wohnungen keine Bäder gab und Hygiene als gesund erkannt wurde, entstand eine Schwimmhalle mit Baderäumen.

          Schön sollte das erste Arbeiterbad der Republik werden. So scheint die Sonne hell durch die kirchengleichen gelb-weißen Giebelfenster, und die Galerie ziert ein weißes, kunstvoll gemeißeltes Steingeländer. Wegen des Krieges und des Wiederaufbaus mussten die Arbeiter noch 20 Jahre warten, bis 1932 das erste und einzige komplett im Art-Déco-Stil gebaute Schwimmbad fertig wurde. Nach der Schließung des Bades 1985 wurde ein Museum daraus.

          Arbeitslosigkeit beherrscht Roubaix

          Roubaix, die rote Stadt, die es mit ihren Arbeitern so gut gemeint hatte, geht durch schwere Zeiten. Jeder dritte hat keine Arbeit mehr. Viele arme Leute sind nach Roubaix gezogen, weil die Wohnungen in Lille und anderswo nach der Stadtsanierung zu teuer geworden sind. Doch die Textil- und die Lebensmittelwerke, die die Bürger reich gemacht und den Arbeitern ein Auskommen gegeben hatten, sind verschwunden. In die leer stehenden Fabriken ziehen Künstler, die aus der Umgebung, dem benachbarten Belgien, aus Paris kommen.

          Das Erbe der Arbeiterkultur bleibt unvergessen

          In der ehemaligen Waffelfabrik Chez Rita hausen die skurrilen Holz- und Drahtfiguren der Bildhauer. Es riecht nach Leim und Farbe. Bands üben in der leeren Halle. Mittags kochen die Künstler in der früheren Werkskantine ihre Themenmenüs für Nachbarn und Gäste. Die Stadt hat den Künstlern und der Redaktion der einzigen Kulturzeitschrift des Nordens, DDO, die Fabrik vermietet. "Abreißen wäre teurer", begründet Redakteur Jean Bernard Wasselim die Großzügigkeit der klammen Kommune, die "die Konversion von Industrie zu Kultur unterstützt. Der Norden", so versichert er ganz ohne Pathos, "vergisst sein Erbe der Arbeiterkultur nicht". Die Leute kämen in die Ateliers und Museen, "weil das ihre Arbeitsplätze oder die ihrer Väter waren".

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