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Las Vegas verstehen : Hölle über der Wüste

  • -Aktualisiert am

„We summer in Maine and winter in Vail“, lautet ein weiterer Slogan, mit dem sich die Wüstenstadt Las Vegas selbst beschreibt. Bild: Stefan Nink

Gehört diese Stadt auf die Couch? Können sich 42 Millionen Besucher jedes Jahr irren? Und was hat Hans Klok damit zu tun? Nachdenken über Las Vegas.

          5 Min.

          America’s First City

          Willkommen in Las Vegas! Willkommen in der Stadt des schönen Scheins und üblen Trugs. Willkommen in einer Wüsten-Fata-Morgana, die in der Ära Trump viel eher als New York oder gar Washington den Zusatz „First City USA“ im Namen tragen dürfte. Las Vegas war schon immer ein Spiegel Amerikas – und gleichzeitig die Leinwand, auf die es seine Sehnsüchte gezeichnet hat, die von Sex und Alkohol und schnellem Geld und die vom Wunsch, wie Europa zu sein und dabei doch bitte schön ganz amerikanisch zu bleiben. Wenn man die Vereinigten Staaten verstehen möchte, möge man nach Las Vegas schauen, hat Neil Postman bereits Mitte der Achtziger in „Wir amüsieren uns zu Tode“ geschrieben. Ein Vierteljahrhundert später gilt dieser Satz mehr denn je. In einem Land, in dem viel zu viele Menschen jeden Schwachsinn glauben, der ihnen erzählt wird, und in dem der Präsident salonfähig gemacht hat, was er selbst „alternative Wahrheiten“ nennt – in so einem Land kommt einem die Verwechslung des wahrscheinlich wichtigsten nationalen Symbols mit einer billigen Plastikreplik beinahe schon normal vor. Und das kam so:

          Plastik-Lady

          Es ist nicht ganz klar, ob Robert Davidson die Sache selbst bemerkte, als er einen Brief frankierte. Vielleicht hat den Künstler auch jemand darauf aufmerksam gemacht. Auf jeden Fall war das da auf der Briefmarke nicht die echte Freiheitsstatue, sondern: seine. Davidson hatte sie etliche Jahre zuvor hergestellt, aus Acryl, eine Auftragsarbeit für das „New York, New York Casino“ in Las Vegas, wo sie seitdem vor der Hochhauskulisse Manhattans direkt am Las Vegas Boulevard steht. Bei der US-Postbehörde hatte jemand Original und Replik verwechselt und statt der echten Lady Liberty ein Foto der falschen für die Briefmarke ausgesucht. Mehrere Milliarden Stück waren bereits gedruckt, als Davidson die Verwechslung bemerkte – zuvor war seine deutlich jüngere Lady Liberty auf der Marke offensichtlich niemandem aufgefallen. Davidson verklagte das US-Post-Office wegen Copyright-Verletzung. Die Sache zog sich in die Länge. Neulich bekam der Künstler 3,5 Millionen Dollar Entschädigung zugesprochen. Seine Plastikfreiheitsstatue am Strip trägt mittlerweile eine Art Trikot. Weitere Verwechslungen sind damit hoffentlich ausgeschlossen.

          Neonblicke ziehen nachts nicht nur Heuschrecken an.

          Aortaverengung

          In der Populärkultur des 20. Jahrhunderts existierte Las Vegas nur als Straße: Alles, was wichtig war in dieser Stadt, passierte am Las Vegas Boulevard, am Strip, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Es ist diese chronisch verstopfte Hauptschlagader, entlang der sich die Stadt an ihre Besucher heranschmeißt, anbiedernd, hemmungslos, aggressiv. Nach Einbruch der Dunkelheit wird der Strip zum LED-Inferno, an dem Las Vegas leuchtet und blinkt und protzt. Es schleudert Blitze in die Nacht und holt die Sterne vom Himmel, ganze Hochhausfassaden mutieren zu Projektionsflächen für hektisch geschnittene Werbefilme. Wie Vegas tickt, wie es sich selbst sieht und wen es gerne bezirzen möchte: an diesen Videoclips ließ sich das schon immer ziemlich gut ablesen. Früher flackerten hier Siegfried & Roy, Céline Dion und Spots für M&M-Schokodrops über die Hauswände. Heute? Werden Nobelrestaurants, Kunstausstellungen und Bars beworben, in denen der Champagner mit ein paar hundert Prozent Aufschlag verkauft wird. Und ein Mensch namens Hans Klok. Daran zumindest hat sich nichts geändert: Illusionisten gehen in dieser Stadt immer.

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