https://www.faz.net/-gxh-9rom1

Las Vegas verstehen : Hölle über der Wüste

  • -Aktualisiert am

Glücksdrachen

Touristen aus China stört das alles nicht: Die machen schnell ein Selfie zusammen mit dem Mann mit dem 45er im Holster. In Las Vegas hat man längst erkannt, welche unfassbaren Dimensionen der Tourismus aus dem Reich der Mitte in den kommenden Jahren annehmen wird. Mit dem „Lucky Dragon“ gibt es bereits ein Casino, das ausschließlich für eine chinesische Kundschaft entworfen wurde und an dessen Tischen Pai Gow und Sic Bo gezockt wird. Auf dem Grundstück des niemals vollendeten Echolon (das Opfer der Finanzkrise wurde) entsteht gerade die riesige „Resorts World Las Vegas“, Baukosten: sieben Milliarden Dollar, Zielkundschaft: chinesische Touristen, ausschließlich. Auch die meisten anderen Hotels und Casinos buhlen um die neue Klientel und statten ihre Lobbys zum chinesischen Neujahrsfest mit zwanzig Meter langen Pappmachédrachen aus. Etliche haben Löwenstatuen vor ihren Eingängen postiert, die chinesische Glücksfarbe Rot ist allgegenwärtig. Weil im Chinesischen das Wort für die Zahl Vier ähnlich klingt wie das Wort für Tod, wird bei Neubauten in Vegas grundsätzlich der vierte Stock ausgelassen. Und während die Hotelmogule händereibend Richtung Osten schauen, schaudert es den Restaurantbedienungen vor der neuen Klientel: Besucher aus China ignorieren offenbar die ortsübliche 20-Prozent-Trinkgeld-Regel. Stattdessen runden sie eine Rechnung über 198 Dollar eher auf 200 auf.

Nicht zu verwechseln: Las Vegas.

Vorbilder

Natürlich lässt sich leicht behaupten, dieser gierige Moloch in Nevadas Wüste sei ein wunderbares Sinnbild für alles, was im modernen Amerika schiefgelaufen ist. Im vergangenen Jahr kamen aber dennoch über 42 Millionen Besucher und machten die Stadt zu einem der beliebtesten Reiseziele der Welt (Berlin kommt auf 13,5, Venedig auf 30, Paris auf rund 34 Millionen Besucher pro Jahr). Und ihr fein austarierter Mix aus High-End-Shopping, Design und Glücksspiel dient anderswo längst als Vorbild. Die Planer von Singapurs Stadtteil Marina Bay nutzten Vegas als Blaupause. Und jene Leute, die den Strip in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben, verdienen den Großteil ihres Geldes längst in Macau, wo sie das amerikanische Vorbild ebenfalls einfach kopiert haben. Tatsächlich nannte sich die ehemalige portugiesische Kolonie im südchinesischen Meer eine Zeitlang offiziell „Asia’s Las Vegas“. Angesichts der schwindelerregenden Umsätze dort schlug Casino-Mogul Sheldon Adelson dann irgendwann vor, Las Vegas stattdessen als „America’s Macao“ zu bezeichnen – das sei korrekter.

Zukunft

Nur die Wüste kann Vegas stoppen. Und wird es irgendwann. Die Dürre im amerikanischen Südwesten geht bald in ihr drittes Jahrzehnt, 500.000 Einwohner inmitten dieser alttestamentarischen Wasserlosigkeit werden sich auf Dauer nicht versorgen lassen. Möglicherweise war die Zukunft der Stadt neulich schon im Kino zu sehen. In „Bladerunner 2049“ stöbert Officer K. (Ryan Gosling) den Replikantenjäger Rick Deckard (Harrison Ford) in einem postapokalyptischen Las Vegas auf, dessen monolithische Trümmer unter einer ewigen Dunstglocke liegen. „That’s something“, staunt Gosling, als er Fords Suite im „Treasure Island“ betritt, vor deren Glasfront die Reste der Stadt in den orangefarbenen Himmel ragen. „The whole town was something“, antwortet Ford und gießt sich einen Whisky ins Glas. „One time.“

Weitere Themen

„Widerspruchslösung klingt für mich besser“ Video-Seite öffnen

Streitfall Organspendeausweis : „Widerspruchslösung klingt für mich besser“

Wer künftig Organspender sein will, muss dem ausdrücklich zustimmen. Für die so genannte „Entscheidungslösung“ sprach sich im Bundestag eine breite Mehrheit aus. Damit ist die „Widerspruchslösung“ vom Tisch, nach der jeder ab 16 Jahren ein potentieller Spender gewesen wäre, bis er dem ausdrücklich widersprochen hätte. Was halten die Bürger von dieser Entscheidung?

Topmeldungen

AfD-Fraktionsvorsitzende Weidel, Gauland: Nach außen präsentiert sich die Partei gern als Israels größter Verbündeter-

Die AfD und der Antisemitismus : Israels falsche Freunde

Antisemitische Äußerungen gibt es oft in der AfD. Zugleich präsentiert sich die Partei gern als Israels treuester Verbündeter. Wie wird sich die Fraktion bei der Rede des israelischen Präsidenten im Bundestag verhalten?
Bitte recht freundlich für die Wähler: Delegierte lassen sich vor dem SPD-Logo während des Bundesparteitags fotografieren.

Allensbach-Umfrage : Was die Wähler bei der SPD vermissen

Auch mit der neuen Führung kommt die SPD nicht aus ihrem Umfragetief: Die Bürger vermissen bei den Sozialdemokraten die Leistungs- und Zukunftsorientierung. Ihr Themenspektrum ist zu verengt.
Flugzeug von British Airways

Coronavirus : British Airways setzt Flüge nach China aus

Das Coronavirus breitet sich aus und einzelne Unternehmen treffen Notmaßnahmen: British Airways fliegt nicht mehr nach China, Toyota stoppt dort seine Produktion und Starbucks hat in der Volksrepublik mehr als die Hälfte der Filialen geschlossen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.