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Las Vegas verstehen : Hölle über der Wüste

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Wüsten-Medicis

Vor langer Zeit schon hat Las Vegas die Kunst perfektioniert, sich immer wieder neu zu erfinden. Aus der Zockerstadt in der Wüste wurde ein Sehnsuchtsziel für Amerikas Mittelschicht, die sich in Casinohotels wie dem „Bellagio“ oder dem „Venetian“ ein nachgebautes Kitsch-Europa ansehen konnte, ohne die Vereinigten Staaten verlassen zu müssen. Anschließend gab es Jahre, in denen sich Vegas als Familien- und Billigreiseziel verkaufte. Später als Party-Oase in der Wüste. Mit Hilfe eines epochalen Marketingslogans – „What happens in Vegas stays in Vegas“ – wurde die Stadt zum größten Konferenz- und Seitensprungzentrum des Kontinents. Und anschließend zur Wellness-Oase in der Wüste, die Menschen umwarb, die Zeitspannen in Verben ausdrücken („We summer in Maine and winter in Vail“). Als man die Auswirkungen von Gehrys Guggenheim-Bau in Bilbao auf den Tourismus sah, entdeckten Vegas’ milliardenschwere Casino-Mogule ihre Seelennähe zu den Medici und köderten Architekten wie Foster und Libeskind. Die klotzten nach dem Shock-and-awe-Prinzip ein Ensemble namens City Center an den Strip – seelenlose Starchitektur mit Wow-Effekt für den Besucher aus North Dakota oder Oer-Erkenschwick. Die Wirtschaftskrise von 2008 setzte dem Treiben ein jähes Ende, aber es dauerte bloß ein paar Jahre, bis jeder hier wieder so tat, als wäre nichts passiert. Und weil Vegas das besser kann als jede andere Stadt, redete schon bald niemand mehr von halbfertigen Eigenheimsiedlungen oder den Neubau-Gerippen am Strip. Wahrscheinlich ist keine andere Stadt der Welt so gut im Verdrängen. Wahrscheinlich gehört Vegas auf die Couch.

Zum Glück gilt der Slogan: „What happens in Vegas stays in Vegas“

1. Oktober 2017

Am 1. Oktober hat sich das schlimmste Einzeltäterattentat in der Geschichte der Vereinigten Staaten zum zweiten Mal gejährt. Damals eröffnete ein Mann namens Stephen Paddock von seinem Zimmer im „Mandalay Bay“- Hotel aus das Feuer auf die Besucher eines Open-Air-Konzertes. 58 Menschen starben, über 800 wurden verletzt. Amerika reagierte, wie es in solchen Fällen immer reagiert: Die Aktienkurse der großen Waffenhersteller legten zu, weil Anleger davon ausgingen, dass jetzt mehr Waffen gekauft würden. Knapp zwei Jahre später haben die meisten der großen Hotels der Stadt ihre Sicherheitsvorkehrungen angeblich (und wahrscheinlich) erhöht. Besucher merken davon nichts. Bei einem Spaziergang über den Strip sieht man nicht mehr uniformierte Polizei als früher; in den Casinos gibt es keine sichtbaren Einlasskontrollen. Mittlerweile verboten sind allerdings Waffen wie Star-Wars-Plastiklaserschwerter und diese quietschbunten Wasserspritzpistolen, mit denen die Teilnehmer von Junggesellenabschieden früher Spaß hatten. Echte Waffen dürfen weiterhin getragen werden. Auch offen, am Gürtel.

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