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Landschaftskunst auf Sizilien : Unter den Dünen aus Beton

Ein weißer Betongletscher bedeckt das alte Gibellina. Bild: © Alessandro Saffo/Schapowalow

Vor fünfzig Jahren wurde Gibellina auf Sizilien durch ein Erdbeben zerstört. Dann entstand das größte Landschaftskunstwerk Europas. Heute ist es fast vergessen.

          Nachdem seit der Autobahn von Palermo die Straßen immer kleiner geworden sind und die Kurven immer enger, liegt sie nach einer Biegung plötzlich in der Ferne wie ein graues Pflaster, das jemand in die Weinberge geklebt hat: Gibellina, die untergegangene Stadt. Ein grauer Gletscher, ein starrendes Handlungsloch, ein Bildschirmgrisseln mitten in der krachenden Schönheit der Berge Westsiziliens.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und irgendwie ist es jetzt, da man es tatsächlich sieht, noch unglaublicher, dass es dieses größte Landschaftskunstwerk Europas wirklich gibt: ein Stelenfeld aus Beton, 300 mal 400 Meter groß, auf dem Straßengrundriss des Städtchens, das darunter begraben liegt. 400 Menschen starben in der Nacht auf den 15. Januar 1968 beim Beben im Belice-Tal, 100.000 wurden obdachlos, am schlimmsten traf es das aus dem Mittelalter stammende Gibellina. So schlimm, dass beschlossen wurde, die Trümmer als Trauerfeld zurückzulassen und die Stadt ein paar Kilometer weiter westlich neu zu bauen – als „sich entwickelnden Traum“, wie es der exzentrische Bürgermeister Ludovico Corrao formulierte, der über eine mitreißende Begeisterungsfähigkeit verfügte, als reale Utopie, die der Welt zeigen sollte, wie Kunst Wunden heilen kann.

          Spuren von Beuys

          Joseph Beuys kam nach Gibellina und traf dort auf die italienische Nachkriegsavantgarde. Peter Stein und Ariane Mnouchkine inszenierten bei den sommerlichen Festspielen, die es noch immer gibt, auch wenn sie ihre Strahlkraft verloren haben. Bis heute ist Gibellina Nuova wohl weltweit die Stadt mit der höchsten Dichte an Kunstwerken im öffentlichen Raum, dabei haben die meisten Kunst- und Sizilienliebhaber noch nie von ihr gehört, irgendwie muss die Utopie versunken sein, wie in dieser trockenen Landschaft alles immer irgendwann zu versinken scheint. Wer hier Kultur sucht, fährt zu den griechischen Ruinen von Segesta und Selinunt statt zu den archäologischen Spuren einer viel jüngeren Vergangenheit, nämlich der Aufbruchsstimmung einer europäisch vernetzten Künstleravantgarde, die noch mit großzügigen öffentlichen Etats hantierte statt wie heute in der Vereinzelungsmühle des Kunstmarkts.

          Faltenwürde in Beton: Der 2015 vervollständigte Teil des Cretto di Burri in Gibellina

          In diesem Sommer immerhin verlässt öfter mal ein Auto mit Kunsttouristen Palermo, wo gerade die europäische Wanderbiennale Manifesta Station macht, und findet den Weg vorbei am alten Friedhof (das jüngste Grab ist von 2015) zu diesem Betonkunstwerk, das jetzt direkt neben uns aufragt, in grellem Weiß wie Kreidefelsen oder das Marl-Gestein der Scala dei Turchi unten an der Küste.

          Wie eine riesige Düne wirft sich die Betondecke den Hang hinauf, zerschnitten von einem Gassengewirr, und es würde passen, würde hier immer so eine Elektrizität in der Luft liegen wie jetzt, wo sich gewaltige Wolkenberge den Betondünen entgegenwerfen und am anderen Ende dieser riesigen Talwanne hinter den Weinbergen zum rollenden Donner Blitze durch die Regenmauer zucken.

          Als der Künstler Alberto Burri 1981 die Trümmer sah, entschied er, dass sein Beitrag für Gibellina nicht in der neuen Stadt mit ihrem modernen, lichten Straßenraster stattfinden sollte, bei den Überlebenden, sondern hier, bei den Toten. Burri war 1946 aus der Kriegsgefangenschaft in Texas heimgekehrt und hatte ein verwüstetes Land vorgefunden, in Neapel lebten die Menschen in Höhlen und in Häusern ohne Wände. Diese Eindrücke völliger äußerer und innerer Zerstörung nach der fatalen Verirrung des Faschismus führten Burri zu einer Kunst, in der sich die Handschrift des Menschen zurückzog und die Materialien aufeinander losgeschickt wurden. Neben seinen Collagen aus Packsäcken wurde der Pionier der später „Arte Povera“ genannten Kunstbewegung vor allem für seine „Cretti“ bekannt, Bilder, in denen Schichten von Farbe zerplatzen und Risse bilden, als wären sie nicht Kunstwerke, sondern Mondlandschaften.

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