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Kulturhauptstadt Breslau : Versöhnt euch!

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Die Zeitläufte haben Breslau übel mitgespielt. Umso erstaunlicher, wie viel von ihrer Schönheit sich die Stadt erhalten konnte. Bild: Jan-Peter Boening/laif

Als Kulturhauptstadt wirbt Breslau für Offenheit, muss sich mit diesem Anspruch aber an der widerspenstigen Wirklichkeit der neuen polnischen Europapolitik reiben.

          Die Deutschen sind nicht gekommen. Und das ist gut so. Angst vor ihrem Erscheinen aber hatten die polnischen Neubürger nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange Zeit. Gerade waren sie selbst umgesiedelt worden, aus den ländlichen Gebieten Ostpolens oder aus Lemberg, dem heute ukrainischen Lwiw, und nun befürchteten sie die Rückkehr der ehemaligen Bewohner. Das war naheliegend in einer Stadt, deren Bevölkerung in kurzer Zeit so radikal ausgewechselt wurde wie kaum sonst irgendwo und irgendwann auf der Welt - zu hundert Prozent. Breslau lag nach dem Krieg fast vollständig in Ruinen, die verbliebenen Deutschen mussten die Stadt verlassen, und es zog eine zusammengewürfelte, verängstigte und orientierungslose Ansammlung von Menschen ein, die gar nicht sicher sein konnten, ob ihre neue Existenz von Dauer wäre. Emblematisch dafür ist die Skulpturengruppe „Übergang“ an der Kreuzung der Straßen Swidnicka und Pilsudskiego: Sie zeigt eine Reihe von Menschen, die auf der einen Straßenseite im Erdboden verschwindet und auf der anderen wieder aus dem Straßenpflaster heraussteigt. Die Alten träumten weiterhin von ihrer angestammten Heimat, aber auch deren Kinder und Enkel mochten sich nur langsam mit der Stadt identifizieren, die nun Wroclaw hieß.

          Wer in den fünfziger und sechziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen ist, weiß, dass die Furcht der Polen kein Hirngespinst war. Die Landkarten in den Schulen zeigten damals ausnahmslos das Deutschland in den Grenzen von 1937, und bei der Bundeswehr marschierten die Rekruten zum Gesang von „Mein Schlesierland, mein Heimatland“. Vertriebenenverbände spielten eine wichtige Rolle in der Politik, Wahlplakate der CDU proklamierten „Niemals Oder-Neiße-Linie“, und die allgegenwärtigen Kampagnen des Kuratoriums Unteilbares Deutschland forderten kategorisch: „Dreigeteilt? Niemals!“

          Die Europaflagge soll bleiben

          Die Oder-Neiße-Grenze stand jahrzehntelang zur Debatte und wurde selbst in den Ostverträgen der siebziger Jahre nur unter Vorbehalt anerkannt. Der Künstler Jerzy Kosalka schuf mit seinem Werk „Demontage“ ein Bild dieser daraus resultierenden Unsicherheit: Deutsche Miniatur-Soldaten bauen darin die Iglica ab, jenes markante, nadelförmige Denkmal am Stadtrand, das den Aufbruch in den neuen polnischen Westregionen symbolisiert. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Oder-Neiße-Grenze völkerrechtlich endgültig akzeptiert, und siebzig Jahre nach Kriegsende kann Breslau jetzt als Europäische Kulturhauptstadt selbstsicher erklären: „Es ist viel Wasser die Oder heruntergeflossen, bevor wir das hier hinterlassene deutsche, jüdische und polnische Erbe als eines angesehen haben. Als das unsere. Es ist viel Zeit vergangen, aber es ist gelungen.“

          Viel Wasser ist die Oder hinabgeflossen, doch die Oder-Neiße-Grenze wurde schließlich völkerrechtlich anerkannt. Seit der Wiedervereinigung sind die Breslauer offiziell Polen.

          Breslaus Kulturhauptstadtjahr beginnt freilich in einem unvorhergesehenen europäischen Tumult. Während die Stadt als Ganzes aufgrund ihrer jüngeren Geschichte geradezu als Mahnmal für das ewige Flüchtlingselend dieser Welt dienen könnte, will sich die neue nationalkonservative Regierung in Warschau vom aktuellen Flüchtlingsstrom abschotten. Das sieht man in Breslau kritisch und hat sich deshalb demonstrativ dem International Cities of Refuge Network angeschlossen. Ab sofort wird die Stadt jedes Jahr einem verfolgten Künstler Zuflucht und Lebensunterhalt gewähren. Wenig Begeisterung weckt in der Europäischen Kulturhauptstadt auch die nationale Rückbesinnung der Regierung. In Warschau wird die Europafahne auf vielen Gebäuden und bei offiziellen Anlässen neuerdings eingeholt, während sie in Breslau noch zu sehen ist. „Und das soll auch so bleiben“, versichert Aleksandra Pierscinska vom Auslandsbüro des Bürgermeisters.

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