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Zeitenwende für Kuba : Götterdämmerung im Tropensozialismus

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Hoffnungen und Tragödien der lateinamerikanischen Welt

Größeren Aufwand betreibt das Museo de Bellas Artes, in dem koloniale und bürgerliche Kunst sowie neuerdings auch zeitgenössisch Experimentelles in Szene gesetzt wird. Das Museum erlaubt einen Gang nicht nur durch die kubanische Kunstgeschichte, sondern gleichzeitig durch die Geschichte des Landes. Denn viele Gemälde zeigen Szenen aus dem kolonialen Leben, von den Zuckerrohrfeldern, von der Arbeit in den Zigarrenfabriken, dazu immer wieder bürgerliche und verruchte Charaktere. Eduardo Abelas „Azoteas de La Habana“ von 1925 oder Augusto Oliva Blays „El Malecón“ von 1929 porträtieren ein Stadtbild, das bis zum heutigen Tag wiederzuerkennen ist. In Marcelo Pogolottis Gemälde „Paisaje Cubano“ aus dem Jahr 1933 ist die ganze postkoloniale Drangsal der korrupten kubanischen Diktaturen meisterlich zusammengefasst – ein Konglomerat aus Soldaten, Mafiosi, Bankiers, ausgebeuteten Bauern, Frachtschiffen und nordamerikanischen Kanonenbooten.

Ein halbes Jahrhundert sozialistischer Abschottung und nordamerikanischen Embargos haben Havanna auch seine Rolle als karibische und lateinamerikanische Metropolis nicht nehmen können. Als wenn ein historischer Bulldozer Vergangenheit und Gegenwart eines ganzen Kontinents auf einem Haufen zusammengeschoben hätte, finden sich hier in Museen und Kulturzentren, auf Monumenten, in Ausstellungen und auf Festivals Reminiszenzen an die Tragödien, Hoffnungen und Ideale einer lateinamerikanischen Welt, die seit zwei Jahrhunderten einen gemeinsamen Weg sucht und doch immer nur wieder in ihren Ressentiments gegenüber den mächtigen und übermächtigen Gringos im Norden zusammenfindet. Offene Wunden der Gegenwart und schlecht verheilte Narben von früher treten dabei gleichermaßen zutage.

Ein Hoch auf den Sklavenbefreier Abraham Lincoln

Auf der Avenida de los Presidentes erinnert eine ganze Reihe von Denkmälern an aufsässige lateinamerikanische Politiker, die sich mit den Vereinigten Staaten angelegt und lateinamerikanische Gemeinsamkeiten beschworen haben – vom Venezolaner Simón Bolívar über den Mexikaner Benito Juárez, den Ecuadorianer Eloy Alfaro und den Panameño Omar Torrijos bis hin zu Chiles sozialistischem Präsidenten Salvador Allende. Im Parque de la Fraternidad machen die Herren Bolívar und Juárez mit dem argentinischen Nationalhelden José de San Martín und dem Sklavenbefreier Abraham Lincoln gemeinsame Sache. Die Casa de las Américas, 1959 von der Revolutionsregierung eingerichtet, um die kulturellen Bindungen zum restlichen Lateinamerika zu stärken, mag sich äußerlich in beklagenswertem Zustand befinden. Die vier Uhren am Turm des Art-déco-Gebäudes sind stehengeblieben, alle zu einer unterschiedlichen Zeit, und auch das Relief einer Landkarte des amerikanischen Kontinents auf der Fassade ist verblichen. Aber im Innern zeigt sich das kulturelle Leben so intakt wie ehedem. Ständig werden Symposien, Lesungen und Ausstellungen lateinamerikanischer Kunst veranstaltet. Wenn alljährlich im Dezember das hochkarätige Lateinamerikanische Filmfestival stattfindet, wird auch die Casa de las Américas zum zentralen Anlaufpunkt. Denn nicht zuletzt besitzt das Haus zwei wertvolle Schätze: eine Sammlung von achtzig Werken des chilenischen Surrealisten Roberto Matta sowie einen sechs Meter hohen, kunstvoll gestalteten mexikanischen „arbol de la vida“ aus Keramik, größer als jeder Lebensbaum in Mexiko selbst.

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