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Zeitenwende für Kuba : Götterdämmerung im Tropensozialismus

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Selbst der große Feind aus dem Norden ist in Havanna präsent. Im Parque de la Fraternidad steht ein Denkmal für den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln und am Malecón sogar ein Monument für die Soldaten, die bei der Explosion des Kriegsschiffes Maine gestorben sind; dieses Unglück diente den Vereinigten Staaten 1898 als Vorwand für ihre militärische Intervention auf Kuba. In den Bars Floridita, Dos Hermanos und Bodeguita del Medio treibt man einen schalen Personenkult mit Ernest Hemingway, der weniger als Schriftsteller denn als Säufer, Hochseeangler und Frauenheld erscheint. Kein Mensch kommt dort auf die Idee, seine Romane oder Kurzgeschichten zu lesen. Vielmehr probiert man hier die Mojitos und dort die Daiquirís, wie sie Hemingway angeblich oder tatsächlich getrunken hat.

Zentralorgan der Partei auf Schülerzeitungsniveau

Allerorten ist eine Art spätsozialistischer Götterdämmerung zu spüren, Havanna befindet sich in nervöser Wartestellung. Man fühlt, dass es so nicht weitergehen kann, weiß aber nicht, wie die kapitalistische Zukunft aussehen wird. Die Studenten klagen über mangelnde berufliche Perspektiven; wer nicht in den Tourismus wechselt, wird als Lehrer oder Arzt schlecht bezahlt. Viele studieren deshalb einfach weiter und hoffen auf einen baldigen Wandel. Dass der den Akademikern finanziell vermutlich auch nicht viel bringen wird, ahnen sie beim Blick auf benachbarte mittelamerikanische Länder. Derweil bringen sich einige zukünftige Nutznießer des Umschwungs in Position. Auf einer Parkbank am Paseo del Prado sitzt bereits ein ambulanter Makler, der Häuser für acht- bis zehntausend Dollar zum Kauf anbietet. In einer Fotomappe können sich Interessenten über Zustand und Lage der Objekte informieren. Aber selbst die Schlepper und Anmacher, die auf ihre Art ein wenig in der freien Marktwirtschaft umhertasten, sind noch am Schwanken. Auch sie beharren darauf, dass manche Errungenschaften der Revolution auf jeden Fall erhalten bleiben müssten.

Schillernde Vergangenheit, ungewisse Zukunft: ein Wandgemälde mit kolonialen Motiven in Havanna.

Was derzeit nicht so hoch im Kurs steht wie anderswo in Lateinamerika, ist Zeitungslektüre. Nirgendwo findet man einen Kiosk, Zeitunglesen auf Parkbänken oder in Cafés ist unüblich. Selbst das legendäre Parteiorgan „Granma“ ist kaum zu bekommen. Hier und dort offerieren alte Männer, vermutlich Veteranen der Revolution, die aktuelle Ausgabe, aber so still und zurückhaltend, als sei es ein klandestines Pamphlet. Das Blatt ist inzwischen auf das Niveau einer Schülerzeitung gesackt, erstarrt in Ehrfurcht vor sich selbst und vor der in die Jahre gekommenen Revolution. Ohne jeden Schwung berichtet die Zeitung über Taten der Führungsriege und Errungenschaften in den „Bruderstaaten“ Nicaragua, Venezuela, Ecuador und Bolivien. Kaum eine Nummer verzichtet auf die Erinnerung an Ereignisse und Anekdoten aus den revolutionären Tagen von Che und Fidel, die freilich jedes Kind längst im Schulunterricht auswendig gelernt hat oder von Klassenausflügen ins Museo de la Revolución kennt. Auch dort ist die Präsentation eher altbacken und verstaubt, so als hätten Schulkinder eine Ausstellung für ein Unterrichtsprojekt gemacht, dafür das Fotoalbum von Fidel Castro durchstöbert und auf Hemingways Underwood-Schreibmaschine die erklärenden Texte getippt. Immerhin ist die Darstellung in den heruntergekommenen Räumlichkeiten des ehemaligen Präsidentenpalastes angenehm sachlich und wenig glorifizierend.

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