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Zeitenwende für Kuba : Götterdämmerung im Tropensozialismus

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Neben den Prestigeprojekten der städtischen Denkmalpflege schafft Privatinitiative mit staatlichen Krediten kleine Fortschritte. Meist beginnt es mit einer schlichten Cafeteria oder Imbissbude, die sich in den ehemals pompösen Eingangshallen einnisten oder in den Vorgärten primitive Verschläge mit Grill und Kühlschrank aufbauen. Anderswo ist bereits ein Restaurant eingezogen, dessen Betreiber zumindest das Erdgeschoss instand gesetzt haben. In den oberen Stockwerken finden sich hier und da Bewohner, die ihre renovierten Wohnungen oder einzelne Zimmer gegen konvertible Währung an Touristen vermieten. Die blau-weißen Schilder der „arrendadores divisa“ weisen auf diese hübschen, isolierten Wohninseln hin, die meist noch in heruntergekommenen Gebäuden entstehen, aber ein erster Schritt zu deren Aufwertung sind.

Das Lebenswerk von Che Guevara

Überall in Havanna stolpert man über diese erstaunliche historische Ungleichzeitigkeit und soziale Asymmetrie, über ein kurioses Nebeneinander von kolonialer, bürgerlicher und revolutionärer Vergangenheit, sozialistischer Gegenwart und angedeuteter kapitalistischer Zukunft. Eine siebzehn Meter hohe Christusstatue, in Auftrag gegeben von der Ehefrau des Diktators Batista, steht aufrecht und grellweiß getüncht direkt neben dem Museo de la Comandancia, das dem Lebenswerk von Che Guevara huldigt. Aus dem Stadtteil Regla ragt der Lenin-Hügel empor, der seinen Namen aber keineswegs erst nach der kubanischen Revolution erhielt, sondern bereits 1924 von einem sozialistischen Bürgermeister umbenannt wurde – während der Diktatur des rechtsgerichteten Gerardo Machado. Im einst größten „Barrio Chino“ Lateinamerikas, das fünfzigtausend Chinesen beherbergte, lebt heute kaum noch ein Chinese, dafür gibt es ein paar China-Restaurants und ein pompöses Eingangstor im Ming-Stil, erst vor kurzem gestiftet von der Volksrepublik China.

Der unsterbliche Held der kubanischen Revolution: Che Guevara verspricht den Sieg.

In den Tabakfabriken Upmann und Partagás rollen Hunderte von Arbeitern wie eh und je zu minimalen Löhnen die berühmten Zigarren, während Besucher für ein saftiges Eintrittsgeld in konvertibler Währung einen Blick hineinwerfen dürfen. Vor dem Eiscafé Coppelia, das seit seiner Rolle im kubanischen Kinoerfolg „Erdbeer und Schokolade“ Kultstatus besitzt, stehen die Menschen jeden Nachmittag in langen Schlangen an, um irgendwann zwei Kugeln Eis zu ergattern. Wer mit Devisen zahlen kann, wird vorgelassen, berappt das Vielfache und wird in einen abgeschotteten Teil eskortiert.

Gottheiten, Naturgeister und Teufelchen

Im Stadtteil Centro befindet sich die Parroquia Nuestra Señora del Carmen – im Bestzustand und ausgestattet mit allem, was eine katholische Kirche in Lateinamerika auszeichnet: eine Madonna am vergoldeten Hauptaltar, bunte Kachelbilder, opulente Seitenaltäre, Deckenfresken und eine geschnitzte Kanzel. Was fehlt, sind die Gläubigen. Das gilt auch für die Kirche des Convento de la Inmaculada Concepción, nur ein paar hundert Meter entfernt, in der eine Statue der Schutzpatronin Kubas fünf Jahrzehnte Tropensozialismus unbeschadet überstanden hat. Zwischen den beiden Gotteshäusern verläuft der Callejón Hamel, eine Gasse, in der Anhänger afrokubanischer Religionen und Riten eine Heimstatt gefunden und die Hauswände mit monumentalen Graffiti überzogen haben. Die Wandmalereien zeigen Gottheiten, Naturgeister und Teufelchen. Musikalisch untermalte Rituale gehören zum Alltag, die Rumba wird hier noch so erotisch aufgeladen getanzt wie sonst nur in Havannas Hinterhöfen. Mittlerweile finden auch Aufführungen für Touristen statt.

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