https://www.faz.net/-gxh-7xv8y

Zeitenwende für Kuba : Götterdämmerung im Tropensozialismus

  • -Aktualisiert am

An manchen Eckhäusern der neu gestalteten Plätze zeigt sich schon wieder das morbide Gesicht des alten Havanna, das sich zwischen Alltagsgeschäftigkeit, himmelschreiender Armut, allgegenwärtiger Bautätigkeit und touristischem Trubel in einem pulsierenden Gassengewirr verästelt. Wer dort über ein Fenster im Erdgeschoss verfügt, improvisiert einen Kiosk und verkauft Hamburger, Frittiertes, Eis, Blumen oder eröffnet eine Kitsch- und Kunstgalerie mit unsäglichen Che-Guevara-Porträts und grellbunten Stadtansichten. Während man in vielen Geschäften der Altstadt nur mit der konvertiblen Währung CUC bezahlen kann, die an den Wert des Dollars gekoppelt ist, bekommt man gleich nebenan für eine lächerliche Summe kubanischer Pesos Bananen, Papayas, Limonade oder ein Schinkensandwich. Sogar in den noblen Fußgängerzeilen der Calle Obispo oder der Calle Mercaderes wechseln sich Boutiquen und feine Restaurants ab mit billigen Cafeterias, Schlosserwerkstätten, Gemüsemärkten und Ladenhöhlen, in denen die Kubaner mit ihren staatlichen Bezugsheften Grundnahrungsmittel erhalten.

Schrottreife Raritäten aus buntem Blech

Niemand vermisst die Filialen amerikanischer Fast-Food-Ketten und Coffee Shops, dafür findet man mitten im Alltagsgewühl Experimentaltheater und kleine Museen, Primarschulen und berufliche Lehranstalten für Schuhmacher, Glasschneider, Keramiker und Schmiede. An der Calle Mercaderes haben Schüler des künstlerischen Lyzeums ein historisierendes Wandgemälde mit mehr als sechzig bedeutenden kubanischen Persönlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts angebracht, an fast jeder Ecke gibt es spontan entstandene Wandmalereien und Graffiti. Zahlreiche Kulturzentren sind kubanischen und ausländischen Persönlichkeiten gewidmet, der Dichterin Dulce María Loynaz, dem Romancier Alejo Carpentier, dem Surrealisten Wifredo Lam, der venezolanischen Malerin Carmen Montilla, dem Arzt und Gelbfieberexperten Carlos Finlay sowie Alexander von Humboldt, der Havanna in den Jahren 1800 und 1804 zweimal besuchte und hier wegen seiner umfassenden geographischen und botanischen Forschungen als „zweiter Entdecker Kubas“ gilt.

Misere als Folklore: Die amerikanischen Oldtimer sind heute Postkartenmotive und Touristenkutschen.

Bemerkenswert ist die Sauberkeit auf den Straßen, die nicht nur auf den Vorzeigeplätzen herrscht, sondern auch in düsteren Gassen oder rund um die Gemüsemärkte. Verschmutzung verursachen vorwiegend die unvermeidlichen Oldtimer, die durch die Straßen kurven und qualmen, wobei die meisten Pontiacs, Buicks und Oldsmobiles weniger museumsreif als schrottreif sind. Jene schicken rosafarbenen Cabriolets, die auf vielen Havanna-Fotos erscheinen, sind Raritäten, fast ausschließlich genutzt für Rundfahrten mit Touristen.

Sünden an der Bausubstanz

An der sechs Kilometer langen Uferpromenade Malecón sowie im angrenzenden Stadtteil Centro und in der großzügig angelegten Gartenstadt Vedado verlangen Tausende von Häusern, Palästen, neoklassizistischen Villen, Art-déco-Fassaden und Gebäude des katalanischen Modernisme ebenfalls nach Restaurierung. Hier hat sich das sozialistische Regime kräftig an einer Bausubstanz versündigt, die Havanna bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zur städtebaulichen Avantgarde in ganz Lateinamerika gemacht hatte – allerdings unter der Ägide der nordamerikanischen Mafia und der ihr hörigen Diktatoren Machado und Batista. Auch in diesen Stadtvierteln kommt langsam eine schrittweise, allerdings ziemlich planlose Erneuerung in Gang.

Weitere Themen

Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.