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Lopud in Kroatien : Zeit, Ruhe und Blick aufs Meer

  • -Aktualisiert am

Mehr Festung als Kloster: Türken und Seeräuber konnten den Franziskanern nichts anhaben, die erst vor Napoleons Säkularisierung kapitulierten. Bild: Picture Alliance

Die Insel Lopud war einst Zufluchtsort für die Patrizier Dubrovniks. Heute haben sich die letzten Bewohner zwischen Touristen und Millionärsvillen eingerichtet.

          8 Min.

          Die Zikaden schweigen – Regen mögen sie nicht. Kurz nach Mitternacht weckt mich das Klappern des Schlafzimmerfensters. Draußen rüttelt der Wind an den Bäumen, an der Hausmauer scheuert ein Ast, vom Wellblechdach im Garten, in dem meine Vermieter rostiges Ackergerät lagern, dringt das Hämmern des Regens. Es ist ein Irrtum, dass nächtliche Ruhestörung nur an Orten mit größeren Menschenansammlungen vorkommt, denn ganzjährig sollen auf der Insel Lopud lediglich siebzig Menschen leben. Auf Sturm und Regen im sommerlichen Süden war ich übrigens auch nicht gefasst. Aber was ist eine Reise ohne Überraschungen wert?

          Schon die Überfahrt zur Insel war ungewöhnlich. In Gruz, dem modernen Hafen von Dubrovnik – der Weltkulturerbe-Stadt, vor der normalerweise Kreuzfahrtschiffe liegen und verkleidete Stadtführer die Besuchermassen an Schauplätze führen, an denen Szenen der Serie „Game of Thrones“ entstanden sind –, stieg ich an Bord einer betagten Fähre. Schlagartig änderte sich die Atmosphäre, nichts war mehr auf Hochglanz poliert, auch die Menschen nicht. Das Schiff tuckerte entlang der Festlandküste nach Norden. Der Kahn und die Handvoll Passagiere sahen aus wie in einem alten Film. Ein Mann und ein Junge, unverkennbar Vater und Sohn, beide in Trainingshosen und recht beleibt, tranken abwechselnd aus einer Zwei-Liter-Colaflasche. Am festgeschraubten Alu-Tisch zwischen ihnen lag ein aufgerissenes Päckchen mit Kartoffelchips, in das beide beherzt hineingriffen.

          Ein Hüne mit Zottelbart und Piratentuch

          Es waren fast nur Männer an Bord, entweder trugen sie Trainingsanzüge oder strapazierfähige Hosen mit Kniepolstern und Seitentaschen, am Boden waren Werkzeugtaschen abgestellt. In der Bar hockten zwei Lehrerinnen über Schülerhefte gebeugt. Als sie eine Arbeit mit rotem Stift korrigiert hatten, drückten sie einen blauen Fleißstempel unter die Zeilen. Die Klotüren am Aufgang zum Deck hatte man mit dicken Seilen versperrt. Obwohl die Sonne schien und die Adria glitzerte, saß keiner an Deck – die Schönheiten rundherum kannte ja jeder. An der Mole in Lopud, dem einzigen bewohnten Flecken auf dem Eiland, das zu den insgesamt dreizehn Elaphiteninseln gehört, warteten Männer, bis die Auffahrrampe heruntergelassen wurde, um Säcke und Ziegel auf vierrädrige Transportkarren oder Golfwägelchen umzuladen. Lopud ist autofrei. Mittels dieser Wägelchen wurde das Material zu grauen Marmorvillen entlang der Hafenstraße gebracht: Zeugen eines vergangenen Wohlstands. Angezogen vom milden Klima, errichteten Bürger Dubrovniks auf Lopud ihre Ferienvillen. Im zwanzigsten Jahrhundert nahm der Tourismus Fahrt auf, wovon natürlich momentan wegen der coronabedingten Krise keine Rede sein kann. Immerhin dürfen seit Kurzem Ausländer wieder kommen, sofern man eine Zimmerbuchung nachweisen kann.

          Sehr schön, aber auch sehr voll und eng. Deswegen flohen viele Bewohner von Dubrovnik zumindest zeitweise nach Lopud.
          Sehr schön, aber auch sehr voll und eng. Deswegen flohen viele Bewohner von Dubrovnik zumindest zeitweise nach Lopud. : Bild: dpa

          Am nächsten Morgen, der Himmel ist aufgeklart, steige ich Treppen aus behauenen Steinen zur Marina hinunter. Dort sitzen wie erstarrt einige Gestalten vor Milo Obuljens Bar, offenbar schon länger, keiner spricht. Der Wirt, ein Hüne mit Zottelbart und Piratentuch um die Stirn, scheint auch kein Bewegungstyp zu sein. Um gut in den Tag zu starten, erklärt Milo, nachdem er mir einen Cappuccino gebracht hat, drehe er sich jeden Morgen einen Joint. „Weniger ist mehr. Ich kann jederzeit mit meinen drei Kindern aufs Meer hinaus zum Fischen fahren, was soll ich mir anderes wünschen?“, sagt Milo und fügt lachend und ein bisschen stolz hinzu: „Lopud ist eine Insel von Billionären!“ Wie das zusammenpasst, Autochthone vom Schlage des spätberufenen Hippies und Leute, die ihr Vermögen mit Diamantenminen in Südafrika machen, erfahre ich vom Barbetreiber ebenfalls: „Die Superreichen, die hier zwei oder drei Wochen im Jahr das Aussteigertum simulieren, haben nicht, was uns im Überfluss gehört: Zeit, Ruhe, Zufriedenheit.“

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