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Lopud in Kroatien : Zeit, Ruhe und Blick aufs Meer

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Die Wohltaten der Baronin

Für immer auf Lopud bleiben wollten hingegen Franziskaner, die nahe am Hafen ein festungsartiges Kloster erbauten. Den Türken und Seeräubern hielten die Mönche stand, nicht aber der Säkularisierung durch Napoleon. Das Kloster mit der Kirche St. Maria verfiel langsam. Rettung nahte im letzten Krieg, als Francesca Thyssen-Bornemisza nach Dubrovnik sowie nach Lopud kam. „Was ich sah, hat mir beinahe das Herz zerrissen. Dubrovnik barst unter Strömen von Flüchtlingen . . . fast alle Kulturdenkmäler waren schwer beschädigt“, erzählte die schwerreiche Urenkelin von August Thyssen, dem Begründer der Thyssen-Werke. Francesca, wie sie von allen genannt wird, gründete Stiftungen, so konnten Perlen wie das ehemalige Franziskanerkloster erhalten werden. Nur einen Steinwurf von Milos Bar wacht es auf einem Felssporn über der Hafeneinfahrt.

An der Mole schrubben nun einige Männer an ihren Booten herum. Am Kiesstreifen weiter südlich, wo normalerweise ein Liegestuhl neben dem anderen aufgereiht ist, rennen Kinder hin und her, ihre Mütter plaudern oder blättern in Illustrierten. Hinter der jetzt geschlossenen Inselschule komme ich an der Post vorbei. Auf einer Holzbank vor dem Gebäude sitzen zwei Angestellte mit Kaffeetassen in der Hand und blinzeln zum Hafen, wo bald die Fähre einlaufen wird. Eine doppelte Steinmauer riegelt das Klostergelände ab. Hinter einem eisernen Gitter hat der Wächter auf einem weißen Plastikstuhl seinen Posten bezogen. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille, auf dem Polohemd prangt das Emblem einer Security-Firma. Mir ist klar, dass ich dem Mann, er heißt Sedzro, die Frage, die mir auf der Zunge liegt, nicht stellen darf: Ich wüsste gerne, wie man hier acht Stunden am Tag, ganz allein, die Zeit totschlägt.

Altar als Esstisch für die Mittagspause

Sedzro blickt aber abweisend, seine Haltung signalisiert, dass Leute wie ich ohne offizielle Genehmigung an ihm nicht vorbeikommen. Also bekunde ich großes Interesse an der Klostergeschichte. Der Wächter bleibt trotzdem eisern. Das restaurierte Gebäude, in dem, wenn es nicht wie jetzt geschlossen ist, Ausstellungen gezeigt werden, auch Konferenzen und Workshops stattfinden und wo man luxuriöse Suiten unter altersdunklen Deckenbalken mieten kann, bleibt für mich unzugänglich. Ich darf lediglich einen Vorplatz betreten, wo ich unter Pinien ein Steinkreuz erspähe, Mauerreste der alten Festung sowie die in einen Stein geritzte Zahl 1483, das Entstehungsjahr des Klosters.

Kein Platz für Massentourismus: Auf der Insel Lopud versteht man es, Maß zu halten.
Kein Platz für Massentourismus: Auf der Insel Lopud versteht man es, Maß zu halten. : Bild: NICOLAS José / hemis.fr / FOTOFINDER.COM

Besichtigen darf ich jedoch die Kirche der heiligen Maria gleich hinter der Befestigungsmauer. Momentan sind hier zwei Männer mit Restaurierungsarbeiten beschäftigt, das Gotteshaus ist innen fast komplett mit Nylon austapeziert. Von Sedzro erfahre ich, dass sich unter den Planen Altäre und Gemälde eines italienischen sowie eines flämischen Meisters, außerdem ein Tryptichon des mittelalterlichen Meisters Nikola Božidarević aus Dubrovnik verbergen. Letzterer hielt sich im späten fünfzehnten Jahrhundert lange in Italien auf, ihm werden bedeutende Fresken im Regierungspalast von Du­brovnik zugeschrieben. Die Arbeiter in fleckigen Malerhosen reparieren durch Abschleifen und Spachteln den schadhaften Verputz. Am Boden liegen zentimeterhoch Mauerbrocken und abgeblätterte Farbreste, im Gegenlicht tanzen Staubpartikel. Gerade machen die Männer Pause und hocken auf umgedrehten Kisten, der Volksaltar dient als Tisch. Ihre Brote haben sie verzehrt, bei meinem Eintreten verbergen sie schnell glimmende Zigaretten in der hohlen Hand – Rauchen ist hier selbstredend verboten, daher tue ich so, als bemerkte ich nichts.

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