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Getyourguide : Herbstflimmern

  • -Aktualisiert am

So sieht eine Berliner Straßenlaterne aus Bild: Kasia Skrzypek

Getyourguide will touristische Aktivitäten ganz neu verkaufen. Wer die Plattform nutzt, soll Außergewöhnliches erleben. Aber jetzt muss das Unternehmen erst einmal Mitarbeiter entlassen.

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          Ein Freitagnachmittag im herbstlichen Berlin: Es gongt. Ich sollte mich entspannen, aber ich liege zu nah am Licht, muss blinzeln, öffne die Augen und sehe eine Vagina. Eine frisierte, gerahmte Schwarzweißvagina von Nobuyoshi Araki, die so gar nicht zu der antiken Bank aus Kambodscha passt, über der sie hängt. Zeitgenössische Kunst trifft auf asiatische Kunst, in einem deutschen Bunker.

          Wir liegen im Keller, genauer: im ehemaligen Telekommunikationsbunker der Reichsbahn, den der Kunstsammler Désiré Feuerle mit gewaltigem Aufwand trockenlegen und von dem großen britischen Stilisten John Pawson zu einem Museum für Teile seiner umfangreichen Sammlung umgestalten ließ. Auf sechseinhalbtausend Quadratmetern umgibt uns Beton im dreistelligen Tonnenbereich. Bis 2013 stand hier teilweise noch das Wasser, auch in den zwei beziehungsweise drei Meter dicken Wänden und Decken. Überall hört man noch das sanfte Dauerwubbern der Entfeuchtungsanlage. In dunklen Ecken könnte man meinen, man wäre in einem Technoclub aus dem Jahr 1992 gelandet, das Blubbern sind Bässe, gleich fallen Schweißtropfen von der Decke, und wo war jetzt die Bar? Aber nein.

          Das also ist Slow Art

          Hier zwischen namenlosen Exponaten (Skulpturen, Bilder und Möbel) herrscht eine stabile, perfekte Luftfeuchtigkeit von 55 Prozent, da ist ein Raum, in dem vier Personen für etwa tausend Euro ein Räucher-Ritual nach zweitausendjähriger Tradition aus China erleben können, an manchen Tagen gibt es Meditationen, Yogastunden, und ansonsten harrt hier eine gewaltige Menge erlesener Kunst aus China, Japan und Kambodscha; was genau wir sehen, woher diese mitunter über zweitausend Jahre alten Exponate stammen und unter welchen Umständen sie nach Europa gekommen sind, erfahren wir nicht. Es wirkt ein bisschen wie der aufgeräumte Keller von Ali Baba. Es gongt wieder. Mein Ohr juckt. Hinter mir schweben goldene Figuren wie Mahnwachen im schwarzen Raum, werfen Schatten, schweigen. Das also ist Slow Art, das Erleben von Zeit und Raum. Es kommen viele jüngere Leute, um die dreißig, hieß es vorhin. Viele würden ihren Besuch über das Erlebnisportal Getyourguide buchen, auf deren Einladung wir heute hier sind.

          Der britische Architekt John Pawson hat den Bunker zum Museum gemacht.
          Der britische Architekt John Pawson hat den Bunker zum Museum gemacht. : Bild: Feuerle Collection Berlin

          Gegner des digitalen Wandels konnten nie viel gegen Getyourguide ins Feld führen, weil die Buchungsplattform niemandem so richtig den Job wegnahm. Anders als Uber, dem natürlichen Fressfeind aller Taxifahrer, oder Airbnb, dem Arbeitsplatzvernichter (aus Sicht der Hotellerie) und Wohnraumzerstörer (aus Sicht der Mietwohnungsuchenden). Die Idee war ja auch gut. Ein Portal, auf dem man unterwegs mit dem Handy 60.000 „unglaubliche Erlebnisse“ in 170 Ländern an über 7500 Orten buchen kann; dazu 24 Stunden Kundenservice in der eigenen Muttersprache (vorausgesetzt, man spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch), per Whatsapp und SMS auch in Portugiesisch, Niederländisch und Japanisch. Stornierbar bis zu 24 Stunden vor Antritt. Bequemer ging es nicht.

          Alumni-Verzeichnis für Entlassene

          Früher waren Katalogreisen verpönt, inzwischen trifft die neue Planbarkeit den Nerv der ängstlichen Reisenden, die auch beim Erholen auf Effektivität setzen. Nie wieder mit Unbekannten reden müssen, kein Weg umsonst, immer die richtigen Klamotten dabei, nichts geht schief. Reisen war mal denkwürdig, heute wird vor der Reise gedacht, gescrollt, geklickt. Was niemanden zu stören scheint: Alle Online-Plattformen werten das Suchverhalten der Nutzer aus, auch Getyourguide lernt über das Verhalten seiner Kunden: will er baden, will er klettern, will er essen, und wenn ja, dann was und wann und wo.

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