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Kreuzfahrt vor Australien : Alles nur Tapete

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Ob es denen da drüben auch so geht? Schon nach wenigen Tagen auf dem Schiff ist jeder Aktionismus der Pantoffelheimeligkeit gewichen. Bild: mauritius images

Mehr Meer als Land. Nur anschauen, aber nicht anfassen. Das ist die Krux jeder Kreuzfahrt. Zwölf Tage vor der Küste Australiens, an denen die unbekümmerten Passagiere gegen Ende lieber einfach an Bord bleiben.

          Da liegt er nun, der weiße Riese, der uns gleich verschlingen und in den kommenden Tagen in seinem Inneren mästen, behüten und unterhalten soll. Regelmäßig wird er uns in der Morgenhitze an Australiens Rändern ausspucken, um uns am Abend stets wieder hineinzuwünschen in die Kühle seiner Bordrestaurants, die Polsterweiche seiner Barsessel und das wohlige Nichtstun. Elf Nächte auf der „Radiance of the Seas“, während derer das Kreuzfahrtschiff entlang der Küste Queenslands bis nach Cairns und wieder zurück nach Sydney fährt. Fünf Häfen werden auf dem Weg angesteuert. Es wird eine tolle Reise werden, in jedem Sinn des Wortes, und sie beginnt, wie jede Tollheit zu beginnen hat, mit einer Überraschung.

          Tag 1 Beim Einchecken unter der Abendsonne Sydneys versprühen die meisten Mitreisenden keineswegs „Titanic“-Eleganz und Captain’s-Dinner-Stil. Sie sehen vielmehr nach der Sorte Reisegruppe aus, für die die Designer-Shops auf dem Schiff nicht bloß Angebot, sondern dringende Empfehlung sind. Konkreter gesagt: Hier hat sich ein Haufen angetrunkener Auto-Nerds mit Wampe unter dem Motto-Shirt und tätowierten Füßen in den Flipflops eingefunden. Ein Passagier mit bedenklichem Rauchertimbre erklärt sich auf dem offenen Deck 12: In ihrer Heimat Kanada sichere sich ein extravaganter Autoteile-Magnat die Loyalität seiner Kunden mit Boni, die bei der Buchung einer Kreuzfahrt zu Nachlässen führe.

          Im Hintergrund das Opernhaus

          Der Raucher hat das dieserart Gesparte, wie so viele andere, in das All-you-can-drink-Angebot investiert. „Bier - so viel mehr als nur ein Frühstücksgetränk“ steht auf dem T-Shirt eines Passagiers, ein anderer hat sich eine Motorradkette um den Hals tätowieren lassen. Im Hintergrund wird das Opernhaus immer kleiner, bis schließlich nichts mehr übrig ist von der Stadt, von der Zivilisation.

          Tag 2 Die Tasmanische See ist eine rauhe, ihrem Toben durch das Bullauge zuzusehen eine kindliche Freude. Leicht schwankend spaziert man am Morgen den Gang entlang, der mit seinem rautengemusterten Teppich und seiner engen Länglichkeit wirkt wie eine überdimensionierte Burlington-Socke. Am Ende der Socke ist der Ausstieg, die erste Station ist Newcastle, und wohl nur die Möwen wissen, warum diese öde Stadt angefahren wird. Es wimmelt hier nur so vor Hobbybeschaffungsmaßnahmen: Volleyballturniere, Kochshows, Kunstauktionen, Schwitzbäder, Bridge-Runden, Pool-Animation und natürlich die Kinderbetreuung. Die Hauptattraktion an Bord aber ist fraglos das Essen. Gratinierte Schnecken, gegrilltes Känguru, pochiertes Hühnchen - wer nicht Vegetarier ist, wird am Ende dieser Reise mehr unterschiedliche Tiere gegessen als gesehen haben.

          Newcastle, 160km nördlich von Sydney Bilderstrecke

          Tag 3 Es ist Mittwoch, das wissen die Passagiere dank einer in den Fahrstuhlboden eingelassenen Tafel. Es ist der erste von insgesamt vier Tagen, an denen das Schiff nicht anlegt. Zeit für einen Rundgang: durch das blinkende Casino, in dem sich sogleich die Spieler und ihre nicht minder blinkenden Augen eingefunden haben; durch die Bars, an deren Theken wie an Land bald einsame, stumme Gäste sitzen; durch das Fitnessstudio, in dem die Ehrgeizigen fleißig auf der Stelle laufen; durch die Theater, in denen die Leute Unterhaltung suchen, um sich nicht unterhalten zu müssen. Das Schiff scheint nichts anderes zu sein als ein 300 Meter langes Labor. Und das Experiment bestätigt anschaulich die These der Veranstalter: dass die Bedürfnisse der Menschen konstant bleiben, selbst wenn sich das Element um die Versuchskaninchen herum dramatisch ändert.

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