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Im Karwendelgebirge : Lichtung und Wahrheit

Das Gebäude ist nach drei Seiten bodentief verglast und verschmilzt mit der Umgebung, mit den Farnen, die ihre Schatten ins Innere auf die warmen Eichendielen werfen, mit dem Laub, das heranweht. Bild: Hotel Kranzbach

Eine Skulptur aus Licht und Schatten: Der japanische Stararchitekt Kengo Kuma setzt einen bayrischen Fichtenhain auf die Weltkarte der Gegenwartsarchitektur.

          Etwas von einem Knistern liegt schon Stunden vorher in der Luft. Der Himmel über dem „Kranzbach“ war eben noch weiß und blau und strahlend, aber plötzlich schiebt sich ein grauer Wolkenteppich vor die Sonne und wirft ein paar pathetische Tropfen ab. Sollte es ausgerechnet dann regnen, wenn Kengo Kuma aus dem Vielfliegerhimmel der Superarchitekten herabsteigt und zum ersten Mal den fertigen Pavillon, sein erstes permanentes Gebäude in Deutschland, sehen wird? Noch steckt er im Verkehr, zwei Stunden sind es vom Münchner Flughafen ins Wettersteingebirge, in dem vor drei Jahren unter Ausschluss einer Gegenöffentlichkeit der G-7-Gipfel stattfand, von dem nur sonnige Bilder eines tiefenentspannten Obamas und einer heiter gestikulierenden Merkel auf der Gartenbank geblieben sind.

          Barbara Liepert

          Verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Japaner Kengo Kuma ist seit Eröffnung des von ihm entworfenen Victoria & Albert Museums in Dundee vor wenigen Wochen auch architekturfernen Menschen ein Begriff. Der fast hundert Millionen Euro teure Betonlamellenbau hat die schottische Hafenstadt über Nacht auf die Must-see-Listen des Easyjetsets gespült, ein Bilbao-Effekt wäre den Schotten in diesen düsteren Zeiten sehr willkommen.

          Ein Platz absoluter Ruhe

          Ein Ziel für die Massen wird der kleine Pavillon nicht werden, obwohl es nur drei Gehminuten von der Rezeption des Hotel „Kranzbach“ bis hinauf in den Wald sind. Sein Zweck ist ein ganz anderer. Bauherr Jakob Edinger wollte einen Rückzugsort schaffen, einen „Platz absoluter Ruhe“, wie er sagt. Ruheplätze hat das Hotel zwar schon ziemlich viele: Behandlungsräume im Spa, Ruheliegen vor dem Badehaus, Liegestühle auf den Balkonen, aber ganz allein ist man im Hotel nie. Die Auslastung ist nicht zu beklagen. Die Gäste schätzen die hervorragende Lage im Tal – im Gegensatz zu Schloss Elmau (ein Stern mehr, gefühlt doppelt so teuer), das nur ein paar Kurven weiter liegt, stehen die Berge hier entfernter, weshalb es auch nachmittags sonnig ist, wenn man über die Sumpfwiesen streift, Knabenkraut sucht und Ochsenaugen findet. Man kann stundenlang wandern, zum Ferchensee oder zum Schachenschloss, zu dem sich Ludwig II. tragen ließ, um im Türkischen Saal Sultan zu spielen, oder bis tief in die beeindruckende Partnachklamm, in de man sich dann durch achtzig Meter hohe Felswände schlängelt.

          Hunderte von Holzlatten im Raum und man merkt es kaum.

          Man muss das Hotel aber auch gar nicht verlassen. „Kranzbach“-Gäste lieben die Küche, das Yoga, die Morgenwanderung mit der Frau Doktor, das Saftzimmer, in dem jeder seinen eigenen Frühstücks-Smoothie fabrizieren kann, und die Tatsache, dass hier garantiert kein Kind herumschreit; sie kommen wegen der vielen Saunen und wegen der Zimmer für Hundebesitzer. Jetzt herrscht, bei aller Ruhe, ordentlich Betrieb. Aber es gibt ja noch diesen Platz in dem kleinen Wald aus Fichten und Buchen, dort, wo schon das Baumhaus steht. Links von der Auffahrt zum historischen Mary-Portman-Haus. Edingers Sohn, selbst Architekt, der den modernen, eleganten Anbau zum alten Schloss entworfen hat, schlug vor, hier Kengo Kuma etwas bauen zu lassen. Eine japanische Mitarbeiterin seines Architekturbüros schrieb daraufhin einen höflichen kurzen Brief in Kumas Muttersprache. Und Kuma kam und sah sich den abgelegenen Ort an.

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